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Werner Seitz

Geschichte der politischen Gräben in der Schweiz. Eine Darstellung anhand der eidgenössischen Wahl- und Abstimmungsergebnisse von 1848 bis 2012

Zürich/Chur: Verlag Rüegger 2014 (Kompaktwissen CH 20); 180 S.; 16,50 €; ISBN 978-3-7253-0958-0
In der direkten Demokratie kann „das Volk“ zwar seine politischen Positionen unvermittelt artikulieren. Aber genau darin liegt auch ein Problem: Gesellschaftliche Unterschiede und Zerrissenheiten werden zum Teil schmerzhaft deutlich. Gerade die Schweiz mit ihrer vielgestaltigen bis heterogenen politischen Kultur ist hierfür ein anschauliches Beispiel. In Wahlen und Abstimmungen werden in den verschiedensten Politikbereichen immer wieder die konfessionellen, sprachregionalen und Stadt‑Land‑Gegensätze sichtbar. Der Autor, ein hoher Beamter des Bundesamtes für Statistik in Neuchâtel, untersucht, aufbauend auf der Cleavage‑Theorie von Lipset und Rokkan, diese politischen „Gräben“ sowie ihre Entwicklungen und Veränderungen von der Gründung des Bundesstaates 1848 bis in die jüngste Zeit. Der älteste politische Graben in der Schweiz ist der Stadt‑Land‑Gegensatz, der in der frühen Neuzeit mehrfach zu kriegerischen Auseinandersetzungen führte. Überlagert wurde dieser Gegensatz nach der Reformation durch den konfessionellen Graben. Neueren Datums ist der sprachregionale Graben, der vor allem im 20. Jahrhundert die Politik prägte. Die Gründung des Kantons Jura in den 1970er‑Jahren macht allerdings deutlich, wie der sprachregionale Graben vom konfessionellen Graben beeinflusst und überlagert werden kann. Seit den 1990er‑Jahren werden auch bei außenpolitischen Themen die sprachregionalen Gräben deutlich: Bei der Abstimmung zum EWR‑Beitritt stimmte 1992 die französischsprachige Westschweiz (Romandie) mehrheitlich dafür, die Deutschschweiz mehrheitlich dagegen. Das Phänomen einer tendenziell stärkeren Offenheit in der Romandie und einer strukturell skeptischeren Deutschschweiz sowie des Tessins als Sonderfall zeigte sich auch bei weiteren Abstimmungen: Die bilateralen Abkommen mit der EU (2000) wurden zwar angenommen, aber auch hier ist der Sprachgraben überdeutlich erkennbar. Ähnlich verhielt es sich bei den Abstimmungen zum UNO‑Beitritt (2002) oder der Beteiligung am Schengen‑Abkommen (2005). In angemessen knapper theoretischer Begründung und gestützt auf die kantonalen und eidgenössischen Abstimmungs‑ und Wahldaten analysiert der Autor systematisch und in kompetenter Weise das Thema und veranschaulicht dabei die Befunde mit klug ausgewählten Tabellen, Karten und Grafiken.
Burkard Steppacher (BKS)
Prof. Dr., Konrad-Adenauer-Stiftung; Forschungsinstitut für Politische Wissenschaft und Europäische Fragen, Universität zu Köln (http://www.jeanmonnetchair.uni-koeln.de/27599.html).
Rubrizierung: 2.52.222.21 Empfohlene Zitierweise: Burkard Steppacher, Rezension zu: Werner Seitz: Geschichte der politischen Gräben in der Schweiz. Zürich/Chur: 2014, in: Portal für Politikwissenschaft, http://pw-portal.de/rezension/37611-geschichte-der-politischen-graeben-in-der-schweiz_45515, veröffentlicht am 02.10.2014. Buch-Nr.: 45515 Inhaltsverzeichnis Rezension drucken