Yang Jisheng

Grabstein – Mùbēi. Die große chinesische Hungerkatastrophe 1958-1962. Aus dem Chinesischen von Hans Peter Hoffmann

Frankfurt a. M.: S. Fischer 2012; 792 S.; geb., 28,- €; ISBN 978-3-10-080023-7
„Es war nicht erlaubt zu weinen“ (296) – in einigen Regionen wurde dies angeordnet, unausgesprochen galt es im ganzen Land. Die 36 Millionen Chinesinnen und Chinesen, Kinder wie Erwachsene, die bei der großen Hungerkatastrophe starben, sind bis heute in der Volksrepublik nicht betrauert worden. Der Journalist Yang, dessen Vater 1959 verhungerte und der dennoch lange der Propaganda glaubte, wonach einzelne Menschen infolge von Naturkatastrophen gestorben seien, hat seit den frühen 1990er-Jahren recherchiert, was wirklich geschehen ist – als Redakteur der offiziellen Presseagentur konnte er das Land bereisen und Interviews führen. In seinem Buch, 2008 in Hongkong erschienen und dort nicht mehr lieferbar, schlüsselt er die Katastrophe auf, gibt wenigstens einigen Opfern Namen und Lebensgeschichte zurück und weist nach, wer die Verantwortung trug. Die konkreten Ursachen lassen sich mit nur zwei Begriffen benennen: Volkskommune und Gemeinschaftsküche. Mao hatte verfügt, dass das Land in kürzester Zeit modernisiert werden sollte, der Industrialisierung wurde alles untergeordnet, die Bauern, die nun in Volkskommunen arbeiten mussten, hatten die Stadtbewohner zu versorgen. Mit dem sogenannten Großen Sprung wurden ihnen aber zugleich das wenige private Land genommen, ihre Tiere, sogar ihre Herde, Töpfe und Sitzgelegenheiten. Sie sollten in den Gemeinschaftsküchen essen – denen gingen aber schon nach wenigen Wochen die Lebensmittel aus. Zugleich überboten sich die Kader nicht nur mit Ankündigungen, wie viel Getreide ihre Kommune liefern würde. Auch der Anbau musste nach politischen, oftmals unsinnigen Anordnungen geschehen. In der Folge sanken die Ernteerträge und bei den Versuchen, den Bauern angeblich heimlich gehortetes Getreide abzunehmen, wurden viele schwer misshandelt, oft mit Todesfolge. Yang beschreibt eine erschütternde Brutalität und in der Folge des Hungers außerdem zahlreiche Fälle von Kannibalismus. Da er in den ersten Kapiteln den Verlauf der Katastrophe für einzelne Regionen ausdifferenziert, wird deutlich, dass die lokalen Kader sehr wohl einen kleinen Entscheidungsspielraum hatten – während in Sichuan die Ideologie strikt durchgesetzt wurde und dort im Verhältnis sehr viele Menschen starben, wurde in Anhui relativ früh wieder eigenverantwortliches Wirtschaften erlaubt, dort verhungerten im Verhältnis weniger Menschen. An Maos direkter Schuld aber bleibt schließlich kein Zweifel, das gesamte System war einzig an ihm und seinen Ideen ausgerichtet. Wie niemand vor ihm habe er sagen können: „‚Die Gesellschaft bin ich’“ (690).
Natalie Wohlleben (NW)
Dipl.-Politologin, Redakteurin pw-portal.de.
Rubrizierung: 2.682.25 Empfohlene Zitierweise: Natalie Wohlleben, Rezension zu: Jisheng Yang: Grabstein – Mùbēi. Frankfurt a. M.: 2012, in: Portal für Politikwissenschaft, http://pw-portal.de/rezension/35360-grabstein--mbēi_42601, veröffentlicht am 13.09.2012. Buch-Nr.: 42601 Inhaltsverzeichnis Rezension drucken

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