René Girard

Im Angesicht der Apokalypse. Clausewitz zu Ende denken. Gespräche mit Benoît Chantre. Aus dem Französischen von Stefanie Günthner

Berlin: Matthes & Seitz 2014; 389 S.; 39,90 €; ISBN 978-3-88221-388-1
Also doch die Apokalypse. Mit sieben Jahren Zeitverzögerung liegt nunmehr die – eigentlich schon für 2010 bei Suhrkamp Insel geplante – deutsche Übersetzung der Gespräche René Girards mit seinem französischen Verleger Benoît Chantre vor, die von der Annahme getragen sind, dass die Zerstörung der Welt wenn schon nicht unmittelbar bevorsteht, dann doch auf jeden Fall möglich geworden ist. In Zuspitzung der Clausewitz‘schen Formel, wonach der Krieg die Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln ist, sieht Girard den Krieg in der Gegenwart zum Selbstzweck avanciert – Gewalt und Zerstörung seien allerorten, ohne dass es überhaupt noch eines Grundes bedürfe: „Wir haben es heute mit einer zügellosen, die ganze Erde umspannenden Gewalt zu tun, mit einer Gewalt, die verwirklicht, was die apokalyptischen Texte einst ankündigten: eine Gemengelage von Naturkatastrophen und hausgemachten Katastrophen“ (11). In großen Teilen kreist das Gespräch zwischen Girard und Chantre um eine spezifische Formation von Hass, Gewalt und Krieg, nämlich um jene, wie sie über die letzten zweihundert Jahre für Deutschland und Frankreich so typisch war. Wobei zu dieser Geschichte auch die Aussöhnung, also die Überwindung des vorher Trennenden gehört – eine Aussöhnung, die im Übrigen zum Grundstein der europäischen Einigung geworden ist. Da darf man dann schon mahnen, dass dieser Prozess der Einigung bedroht ist und dass es folglich die Bereitschaft braucht, um das Erreichte zu kämpfen, wenn sich die Bedrohung – wovon Girard ausgeht – denn bewahrheiten sollte: „Beschwichtigen heißt: zum Schlimmsten beitragen.“ (353) Das Gespräch insgesamt ist, angesichts des Forschungsschwerpunkts Girards über die gewaltfördernde Rolle nachahmenden, also mimetischen Verhaltens in komplexen Gesellschaften und die eindämmende Funktion des im (Christlich‑)Religiösen verankerten Sündenbocks wenig verwunderlich, von christlichen Bezugnahmen stark durchzogen. Das erschwert manchmal die Lektüre einer ebenso komplexen wie vielschichtigen, wenn auch einer sehr düsteren Gegenwartsdiagnose. Ein ebenso einfacher wie wahrer Satz zu – in dem Fall christlichen – Fundamentalisten findet sich indes aber auch: „Sie haben keinerlei Sinn für Humor.“ (21)
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Rubrizierung: 5.42.235.421.3 Empfohlene Zitierweise: Matthias Lemke, Rezension zu: René Girard: Im Angesicht der Apokalypse. Berlin: 2014, in: Portal für Politikwissenschaft, http://pw-portal.de/rezension/37884-im-angesicht-der-apokalypse_45949, veröffentlicht am 11.12.2014. Buch-Nr.: 45949 Inhaltsverzeichnis Rezension drucken

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