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Sina Farzin

Inklusion/Exklusion. Entwicklungen und Probleme einer systemtheoretischen Unterscheidung

Bielefeld: transcript 2006 (Sozialtheorie); 122 S.; kart., 13,80 €; ISBN 3-89942-361-5
Von Mitte der 80er-Jahre bis zu seinem Tod hat Niklas Luhmann die Bedeutung des Begriffspaares Inklusion/Exklusion immer weiter ausbuchstabiert und verändert. Farzin folgt diesen Begriffsverschiebungen unter drei nur analytisch voneinander unterschiedenen Perspektiven. Im ersten Kapitel verortet sie die Differenz als systemtheoretische Unterscheidung, die eine Brücke zwischen psychischen und sozialen Systemen bildet. In der vormodernen Gesellschaft, so die These, zeichneten sich Personen durch die gemeinsame Teilnahme an sozialen Praktiken aus (Inklusion), wohingegen die moderne Gesellschaft Individuen gerade über ihre Unterschiede als Individuen begreift (Exklusionsindividualität). Im zweiten Kapitel untersucht Farzin Inklusion/Exklusion als differenzierungstheoretische Kategorie. Erst in den 90er-Jahren hat Luhmann dem Inklusionsbegriff den Begriff der Exklusion an die Seite gestellt. Die Autorin zeigt, wie sehr die Erfahrung realer sozialer Ungleichheit ihn veranlasst hat, seine Inklusionsteleologie aus den 70er-Jahren zu verändern. Im dritten Kapitel blickt Farzin schließlich aus kommunkationstheoretischer Perspektive auf ihr Begriffspaar. Die Unterscheidung offenbart sich darin als dynamisch, wobei die Inklusion der umfassendere Begriff ist, dem die Autorin einen in implizite und explizite Exklusion verdoppelten Differenzbegriff gegenüberstellt. Farzin macht in ihrem nicht leichten, aber dennoch klaren Buch den Versuch, Luhmanns funktionale Differenzierungen als Bausteine für einen Begriff des modernen Selbst zu deuten und so moralisch aufzuladen. Sie erklärt damit die ohnehin vorhandene Krypto-Normativität im Luhmann'schen Denken, beantwortet allerdings nicht die Frage, woher die Systemtheorie ihre moraltheoretischen Implikationen bezieht. Ihr Buch ist trotzdem eine sehr empfehlenswerte Einführung in eine noch längst nicht abgeschlossenen Debatte, und es zeigt gleichzeitig Wege auf, wie sie weitergeführt werden kann.
Stefan Militzer (SM)
Dr., Publizist, Frankfurt a. M.
Rubrizierung: 5.46 | 5.42 Empfohlene Zitierweise: Stefan Militzer, Rezension zu: Sina Farzin: Inklusion/Exklusion. Bielefeld: 2006, in: Portal für Politikwissenschaft, http://pw-portal.de/rezension/25571-inklusionexklusion_29662, veröffentlicht am 25.06.2007. Buch-Nr.: 29662 Inhaltsverzeichnis Rezension drucken