Esteban Piñeiro

Integration und Abwehr. Genealogie der schweizerischen Ausländerintegration

Zürich: Seismo Verlag 2015 (Sozialer Zusammenhalt und kultureller Pluralismus); 371 S.; 45,- €; ISBN 978-3-03777-149-5
Diss. Basel; Begutachtung: U. Mäder, A. Demirović. – Esteban Piñeiro geht in seiner sprachlich wie analytisch bestechenden Dissertation mehreren „kardinalen“ Fragen rund um den Komplex des Wandels der Ausländerpolitik in der Schweiz nach: „Wie kam es, dass die Menschen nicht mehr überfremdungspolitisch, sondern gemäß dem Ideal der Ausländerintegration regiert werden sollten? […] Wie etablierte sich die Politik der Ausländerintegration als ein Grundsatz der offiziellen Ausländer‑ respektive Migrationspolitik? […] Und wie wandelte sich das politische Anliegen einer gesellschaftlichen Einbindung der Ausländer im Laufe der Zeit?“ (29) Die Ausländerpolitik in der Schweiz habe einem fundamentalen, aber eben auch nicht unumstrittenen Wandel unterlegen, der von einer Politik der Überfremdungsabwehr bis hin zu einer „ab Mitte der 1990er Jahre“ (16) einsetzenden modernen, auf Gleichberechtigung und Integration abzielenden Haltung reicht. In einer gouvernementalitätskritischen, an die genealogische Diskursanalyse Foucaults angelehnten Untersuchung nimmt Piñeiro insgesamt 146 offizielle Regierungsdokumente und Rechtstexte in den Blick, die den Zeitraum von 1899 bis 2010 abdecken. Dabei habe sich, so sein Befund, die Regierungstechnik im Umgang mit dem Zuzug von Ausländern fundamental gewandelt. In dem Maße, in dem deren Zuzug nicht mehr beherrschbar oder im Sinne der Überfremdungsabwehr regulierbar gewesen sei, habe die Regierung die Einbindung von Ausländern und die Ermöglichung ihres Zusammenlebens mit den Einheimischen gezielt forciert. Damit, so die kritische Wendung dieser Analyse, sei es der Regierung nie darum gegangen, zu einer Humanisierung des Zuzuges oder der Aufenthaltsbedingungen von Migrant_innen beizutragen. Vielmehr habe die Aufrechterhaltung der Regierbarkeit, also der Fähigkeit der Regierung, die Gesamtheit der eigenen Bevölkerung einem effektiven biopolitischen Gouvernementalitätsregime zu unterwerfen, im Vordergrund gestanden. Integrationspolitik, so ließe sich in der Folge mit Piñeiro formulieren, erweist sich damit weder als humanitärer oder gar emanzipatorischer Zug modernen Regierens. Als Verschleierungsmechanismus hält sie vielmehr eine „Abwehrstellung wach“ (337), auch wenn diese fortan im positiven Gewand der Einbindung, Gleichberechtigung und Offenheit daherkommt.
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Rubrizierung: 2.52.2632.23 Empfohlene Zitierweise: Matthias Lemke, Rezension zu: Esteban Piñeiro: Integration und Abwehr. Zürich: 2015, in: Portal für Politikwissenschaft, http://pw-portal.de/rezension/40168-integration-und-abwehr_46568, veröffentlicht am 17.11.2016. Buch-Nr.: 46568 Inhaltsverzeichnis Rezension drucken

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