Eckart Conze / Joachim Scholtyseck / Erich Weede (Hrsg.)

Jahrbuch zur Liberalismusforschung. 24. Jahrgang 2012

Baden-Baden: Nomos Verlagsgesellschaft 2012; 274 S.; brosch., 39,- €; ISBN 978-3-8329-7692-7
Nach Finanz‑ und Wirtschaftskrise herrscht Unsicherheit darüber, welches politische, soziale und kulturelle Konzept einen gangbaren Weg in die Zukunft weisen kann. Die Begriffe liberal und neoliberal scheinen in diesem Zusammenhang diskreditiert und unbrauchbar, obwohl sie doch in der Vergangenheit einen wegweisenden Einfluss auf Politik und Gesellschaft ausgeübt haben. Die Frage, ob die Erinnerung an die Entwicklung des Liberalismus und seine Rolle in der deutschen Geschichte daran etwas zu ändern vermag, wurde auf der Jahrestagung der Friedrich Naumann Stiftung im November 2011 in Frankfurt a. M. erörtert. Eckart Conze erklärt, dass liberale Gedanken wie das Ideal der individuellen Freiheit und der Schutz des Individuums vor dem Staat in der institutionellen Fassung der Bundesrepublik inzwischen fraglos verankert seien. Dennoch sei im Verhältnis von Macht und Gleichheit sowie von Macht und Sicherheit eine liberale Perspektive weiterhin notwendig, denn die sozial‑liberale Forderung nach gleichen Lebenschancen für alle beispielsweise bleibe bis auf Weiteres unerfüllt. Eine liberale Erinnerungskultur, so folgert Conze, erfülle ihren Zweck nur dann, wenn sie dazu beitrage, die eigene Situation kritisch zu überdenken. Zu einem vergleichbaren Schluss kommt Dieter Hein. Er beschreibt, wie der Gründungsprozess der Freien Demokratischen Partei in Heppenheim nach dem Krieg in der Folgezeit instrumentalisiert wurde. Daraus schlussfolgert er, dass der „sinnstiftenden Funktion“ (68) einer Erinnerungskultur durch im Wettstreit liegende Perspektiven enge Grenzen gesetzt sind. Auch Philippe Alexandre macht sich diese Deutungsart bei der Beschreibung der unterschiedlichen Sicht deutscher und französischer Liberaler auf die Französische Revolution zu eigen. Die kurzen Beiträge in diesem Band sind informativ und prägnant formuliert, die Notwendigkeit, in Zeiten der Unsicherheit dem liberalen Konzept als Wegzeiger zu folgen, wird bejaht. Wie dies geschehen soll, wird jedoch höchstens angedeutet. – Es handelt sich insofern um eine konsequente Aufforderung jedes Einzelnen, sich kritisch und durch weitere Lektüre zu erinnern.
Jens Wassenhoven (JWN)
Dipl.-Kfm., Dr., Politikwissenschaftler.
Rubrizierung: 2.331 | 2.35 | 2.311 | 2.313 | 2.315 | 2.3 | 2.22 | 2.61 Empfohlene Zitierweise: Jens Wassenhoven, Rezension zu: Eckart Conze / Joachim Scholtyseck / Erich Weede (Hrsg.): Jahrbuch zur Liberalismusforschung. 24. Jahrgang 2012 Baden-Baden: 2012, in: Portal für Politikwissenschaft, http://pw-portal.de/rezension/35680-jahrbuch-zur-liberalismusforschung-24-jahrgang-2012_43085, veröffentlicht am 13.02.2013. Buch-Nr.: 43085 Inhaltsverzeichnis Rezension drucken

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