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Jürgen Pirker

Kärntner Ortstafelstreit. Der Rechtskonflikt als Identitätskonflikt

Baden-Baden: Nomos Verlagsgesellschaft 2010 (Schriftenreihe der Europäischen Akademie Bozen. Bereich "Minderheiten und Autonomien"); 338 S.; brosch., 65,- €; ISBN 978-3-8329-5163-4
Diplomarbeit Graz; Betreuer: E. Staudinger, J. Marko. – Thomas Barker beschrieb die politische Strategie im Kärntner Ortstafelstreit schon vor rund dreißig Jahren als „the nineteenth century policy of fortwursteln“. Dass diese Aussage heute trotz „Ortstafelerkenntnis“ und „Karner-Papier“ immer noch Gültigkeit hat, stellt Pirker in seiner eindrucksvollen Studie dar. Was aus einer Diplomarbeit hervorgeht, entpuppt sich als die bislang beste Untersuchung jenes Konflikts, den man als Nicht-Kärntner wohl ansonsten kaum verstehen kann. Denn Pirker nähert sich dem Thema interdisziplinär, erarbeitet sowohl die Geschichte (des Mythos) der „Kärntner Urangst“ (34) (d. i., dass mit den zweisprachigen Ortstafeln einst Jugoslawien, nun Slowenien sein Territorium abstecke, um einen Anschluss Südkärntens vorzubreiten) als auch Identitätsfragen und psychologische Wirkmechanismen, schließlich ebenso gründlich die nationale und internationale Rechtslage und jüngste Judikatur. Nicht zuletzt durch Interviews mit den einflussreichsten Protagonisten des Konflikts gewährt Pirker Einblick in die (partei-)politische Ebene des Ortstafelstreits. Er wählte dafür bereits einen gewitzten Einstieg, indem er jene Protagonisten in Geleitworten selbst zu Wort kommen ließ und somit in das „Symptom Ortstafel“ (19) einleitet, um ein tiefer liegendes (Identitäts-)Problem zu analysieren. Was für Nicht-Kärntner im besten Fall unverständlich, meist aber ein unendliches Ärgernis ist, erklärt der Autor mit viel Geduld und dem Bemühen um ein nicht schon vorab wertendes Verständnis für beide Konfliktparteien; er kommt aber auch damit zu dem Schluss, dass jene Politik des Fortwurstelns die Slowenen nur vertröstet und damit den deutschnationalen Kräften entgegenkommt. Der „Fall Kärnten“ ist somit ein Lehrstück über (Identitäts-)Politik mit der Angst, zu deren Analyse Pirker maßgeblich beiträgt.
Tamara Ehs (TE)
Dr. phil., Politikwissenschaftlerin am IWK Wien und Lehrbeauftragte an der Universität Salzburg (http://homepage.univie.ac.at/tamara.ehs/)
Rubrizierung: 2.4 | 2.22 | 2.23 | 4.42 Empfohlene Zitierweise: Tamara Ehs, Rezension zu: Jürgen Pirker: Kärntner Ortstafelstreit. Baden-Baden: 2010, in: Portal für Politikwissenschaft, http://pw-portal.de/rezension/14843-kaerntner-ortstafelstreit_38035, veröffentlicht am 01.04.2010. Buch-Nr.: 38035 Inhaltsverzeichnis Rezension drucken