Harald Trabold

Kapital Macht Politik. Die Zerstörung der Demokratie

Marburg: Tectum Verlag 2014 (Tectum Sachbuch); 536 S.; brosch., 19,95 €; ISBN 978-3-8288-3330-2
Nicht erst in der Gegenwart, sondern schon seit den 1980er‑Jahren werden wir – so die Diagnose von Harald Trabold – Zeugen eines Kampfes zwischen Kapitalismus und Demokratie um die gesellschaftliche Vormachtstellung. Was im Kern auf die Postdemokratiediagnose einer zunehmenden Ökonomisierung aller Lebensbereiche hinausläuft, wie sie gegenwärtig lebhaft von Colin Crouch, Wolfgang Merkel und Wolfgang Streeck diskutiert wird, rührt an zwei Fragekomplexe: Wie kann es dem Kapitalismus gelingen, sich trotz negativer Folgen für weite Bevölkerungsteile – Armut, soziale Ausgrenzung, Umweltzerstörung – als die bessere Alternative darzustellen und durchzusetzen? Und was bleibt für die Demokratie übrig, außer als Zaungast dem Vollzug des eigenen Schicksals beizuwohnen? Trabold ist der Überzeugung, der Kapitalismus kontrolliere die Demokratie nicht nur, sondern sei dabei, sie „in eine demokratisch legitimierte Plutokratie zu verwandeln“ (120), und er sucht nach Auswegen. Gerade der (Wirtschafts‑)„Lobbyismus 2.0“ (217) sei ein wesentliches Instrument zur Entmachtung der Demokratie: „Es kann heute kein Zweifel mehr daran bestehen, dass Lobbying die Macht des Volkes erheblich schwächt“ (234). Weil Lobbying die Demokratie zur Umsetzung antidemokratischer Maßnahmen, wie Lohnenthaltung, Deregulierung, Privatisierung und Entmachtung der Gewerkschaften, verleite, gelte es nicht nur, darüber aufzuklären, sondern aktive Gegenmaßnahmen zur Rückeroberung demokratischer Macht einzuleiten. Sollte die von Trabold als „wahrscheinlichstes [...] Szenario“ bezeichnete „Entmachtung der Demokratie“ (443) nicht eintreten, dann gelte es, konzertierte Maßnahmen, von Volksabstimmungen bis hin zu einer Reduktion der Arbeitszeit, innerhalb der nächsten zehn Jahre umzusetzen. Nur durch eine – wie schon Benjamin Barber geschrieben hatte – „starke Demokratie“ könne die „Macht des Kapitals“ davon abgehalten werden, „beinahe nach Belieben Politik machen“ zu können. Das Buch hinterlässt einen bleibenden Eindruck davon, wie engagiert sich dafür streiten lässt, dass Demokratie kein „Zuschauersport“ (445) ist. Indem Trabold zahlreiche Gegenwartsdiagnosen kapitalistischer Herrschaft zusammenträgt, zeigt er sich als sensibler und komplex argumentierender Kritiker neoliberaler Hegemonie. Dass sich in den Text die eine oder andere Unschärfe eingeschlichen hat, etwa wenn es um die Frage geht, ob gouvernementale Macht nach Foucault ausgeübt werden kann oder vielmehr als Selbstdisziplinierung durch die Subjekte selbst hervorgebracht wird, ist weniger ein Malus als vielmehr ein Anlass zu weiterer Diskussion.
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Rubrizierung: 2.22.22 Empfohlene Zitierweise: Matthias Lemke, Rezension zu: Harald Trabold: Kapital Macht Politik. Marburg: 2014, in: Portal für Politikwissenschaft, http://pw-portal.de/rezension/39270-kapital-macht-politik_46122, veröffentlicht am 21.01.2016. Buch-Nr.: 46122 Inhaltsverzeichnis Rezension drucken

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