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Karin Fischer / Margarete Grandner (Hrsg.): Globale Ungleichheit. Über Zusammenhänge von Kolonialismus, Arbeitsverhältnissen und Naturverbrauch

16.11.2022
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Autorenprofil
Dr. Max Lüggert
Wien, Mandelbaum Verlag 2019

Die Autor*innen untersuchen hier facettenreich die Strukturen und Formen globaler Ungleichheit, so Max Lüggert in seiner Rezension: Konkret umfasse dies Fragen von Einkommen und Vermögen, Lebenschancen und Wiedergutmachung sowie ihre Relation zu internationaler Arbeitsteilung, Finanzmarktkapitalismus und Rassismus. Dabei erschöpfe sich die Kapitalismus- und Kolonialismuskritik nicht in redlichen Appellen. Fallbeispiele zeigten vielmehr fundiert problematische Entwicklungen der gegenwärtigen Weltwirtschaft auf und dies auch vor dem Hintergrund von Klima und Ressourcenendlichkeit. (tt)


Eine Rezension von Max Lüggert

Durch die Globalisierung hat sich in den vergangenen Jahrzehnten eine vielfältige und tiefgreifende Verflechtung unterschiedlicher Regionen und Staaten ergeben. Diese Verflechtung geht dabei mit einer Ungleichheit einher, die ebenso unterschiedliche Dimensionen annimmt. Karin Fischer und Margarete Grandner führen in dem von ihnen herausgegebenen Band Beiträge zu den unterschiedlichen Perspektiven zusammen, um ein vollständiges Bild derzeitiger globaler Ungleichheit zu zeichnen. In dem einleitenden Beitrag weisen die Herausgeberinnen entsprechend darauf hin, dass Ungleichheit heutzutage ein multidimensionales Phänomen von globaler Tragweite ist und sich in verschiedenen Formen äußert. Geschlechterungleichheit, sozioökonomische Ungleichheit, Ungleichheit im Verbrauch natürlicher Ressourcen, Ungleichheit aufgrund (post-)kolonialer Zusammenhänge und viele weitere Formen bestehen somit aus Sicht der Herausgeberinnen nicht unabhängig voneinander, sondern können sich überlappen und gegenseitig verstärken.

Eine solche gegenseitige Verquickung wird bereits im Beitrag von Claudia Rauhut und Manuela Boatcă deutlich, die sich mit dem Zusammenhang von Kolonialismus, wirtschaftlicher Entwicklung und Forderungen nach Wiedergutmachung befassen. Darin schildern sie zunächst, dass der tiefgreifende Wandel von Industrialisierung und Modernisierung ohne Kolonialismus nicht denkbar gewesen wäre. So haben die Erlöse aus kolonialer Ausbeutung seinerzeit bei den für die Industrialisierung notwendigen Investitionen geholfen, gleichzeitig zementiere der Kolonialismus ethnische Hierarchien, deren Wirkung bis heute fortbestehe. Rauhut und Boatcă führen hierfür als Beispiel die Karibik an, die als Region vergleichsweise spät und auch nur fragmentiert de-kolonialisiert worden ist. Zudem seien die dortigen Staaten weiterhin wirtschaftlich von den ehemaligen Kolonialmächten abhängig, was sich in einem hohen Anteil von Rohstoffexporten oder Tourismuserträgen an der jeweiligen Wirtschaftsleistung zeigt. Parallel dazu hat die Caribbean Community (CARICOM) als Regionalorganisation ein Komitee für Reparationen eingerichtet, das Forderungen nach Entschuldigung und Wiedergutmachung gezielt an die ehemaligen Kolonialmächte richte.

Eine theoretische Fundierung erfährt das Buch im Beitrag von Bernhard Leubolt und der Mitherausgeberin Karin Fischer. Dabei stellen sie grundsätzliche Überlegungen zur Funktionsweise kapitalistischer Strukturen (unter anderem von Marx) in den Mittelpunkt. So betrachten Fischer und Leubolt die Entstehung struktureller Ungleichheit als quasi zwangsläufige Entwicklung unter kapitalistischen Vorzeichen. Denn kapitalistische Systeme erforderten für ihren Fortbestand stets nicht-kapitalistische soziale Gebilde. Wenn ein solches nicht-kapitalistisches Außen konstruiert sei, ermögliche dies eine Ausbeutung dort vorhandener Ressourcen und günstiger Arbeitskräfte. Parallel zur Ungleichheit ergebe sich eine zweifach unvorteilhafte Abhängigkeit: denn diese Peripherien seien einerseits lediglich der Lieferant günstiger Rohstoffe, gleichzeitig aber ein möglicher Absatzmarkt für die Endprodukte global tätiger Konzerne – eine sich selbst tragende wirtschaftliche Entwicklung dieser peripheren Regionen wird somit nach Aussage von Fischer und Leubolt nachhaltig erschwert.

An diese theoretischen Überlegungen schließt der Beitrag von Axel Anlauf und Stefan Schmalz an. Sie setzen sich mit dem Argument auseinander, dass sich durch die Globalisierung wirtschaftliche Ungleichheiten eingeebnet haben, was sich vor allem an der Entwicklung von China und Indien zeige. Diesem Argument folgen die Autoren nicht, indem sie einerseits aufzeigen, dass viele übrige Staaten des globalen Südens keine vergleichbare Entwicklung genommen haben, und indem sie andererseits anmerken, dass besonders China und Indien nicht einem liberalisierten Verständnis von Welthandel gefolgt sind, sondern im Rahmen ihres wirtschaftlichen Aufstiegs verschiedene Branchen gezielt durch Zölle und andere Maßnahmen geschützt haben. Auch wenn sich eine Konvergenz bei der Industrieproduktion abzeichne, sei eine Konvergenz bei den Einkommen nicht feststellbar, nicht zuletzt da geringere Arbeitskosten einen maßgeblichen Wettbewerbsvorteil für mehrere Staaten darstellten.

Die Betrachtung der Konstellation beim Verbrauch natürlicher Ressourcen ist Gegenstand des Beitrags von Anke Schaffartzik. Sie schildert, wie ein in der Vergangenheit insgesamt gestiegener Verbrauch von Ressourcen in einer ungleichen Verteilung von Nutzen und Schaden dieses Verbrauchs mündet. So stelle der materielle Konsum im globalen Norden den Endpunkt der Aneignung von Ressourcen und Arbeitskraft aus dem globalen Süden dar. In der Peripherie verblieben hingegen stärkere Schäden, die sich aus unterschiedlichen Umweltkatastrophen ergeben; sei es durch die Freisetzung schädlicher Stoffe im Rahmen industrieller Unfälle oder ganz allgemein durch die veränderten klimatischen Bedingungen, von denen besonders Staaten im globalen Süden erheblich betroffen seien. Vor diesem Hintergrund ist Schaffartzik auch besonders kritisch, wenn es um das Argument geht, dass Staaten in ihrer wirtschaftlichen Entwicklung den von den Industriestaaten eingeschlagenen Weg mehr oder weniger kopieren sollen. Ein solcher Weg sei in den derzeitigen Strukturen globalisierter Wirtschaft nur schwer umzusetzen und darüber hinaus ökologisch nicht erstrebenswert.

Dem von Karin Fischer und Margarete Grandner herausgegebenen Band gelingt es, einen ausführlichen und facettenreichen Blick auf Strukturen globaler Ungleichheit zu werfen. Dabei ergänzen sich die einzelnen Beiträge thematisch, was durch entsprechende Hinweise in den Texten deutlich gemacht wird. Im Sinne eines Lehrbuchs liefern die einzelnen Beiträge zudem abschließende Fragen, die zur Reflexion der vorgestellten Inhalte einladen. Durch kurze thematische Exkurse werden die behandelten Themen zudem noch durch Anschauungsbeispiele aus der Praxis vertieft. Das alles hat einen durchweg kritischen Grundton gegenüber der aktuellen weltwirtschaftlichen Ordnung und den sich daraus ergebenden Verwerfungen. Diese Kritik erschöpft sich jedoch nicht in moralischen Appellen, sondern ist durch die konkrete Benennung problematischer Entwicklungen stets gut fundiert. Insgesamt liefert der Sammelband also einen hervorragenden Ausgangspunkt für die tiefere Auseinandersetzung mit verschiedenen Formen globaler Ungleichheit.

CC-BY-NC-SA
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Weiterführende Links

IfW Kiel Institut für Weltwirtschaft

Daten, Analysen, Prognosen und Lösungsansätze zur Weltwirtschaft als globalem Wirtschaftsraum.

 

Wuppertal Institut

Forschung zu Transformation, Nachhaltigkeit, Klimaverträglichkeit und ressourceneffizienter Entwicklung.

 

 

Externe Veröffentlichungen

Jayati Ghosh / 14.11.2022

IPG-Journal

Bundeszentrale für politische Bildung / 09.09.2022

Aus Politik und Zeitgeschichte

 

 

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