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Reyk Albrecht / Nikolaus Knoepffler / Klaus-M. Kodalle (Hrsg.)

Korruption. Moralische Verdorbenheit oder Ergebnis falscher Strukturen?

Würzburg: Königshausen & Neumann 2010 (Kritisches Jahrbuch der Philosophie. Beiheft 9/2010); 190 S.; 29,80 €; ISBN 978-3-8260-4442-7
Die öffentliche Sensibilität gegenüber Korruption ist in Deutschland gestiegen – wohl auch aufgrund der Aktivitäten von Nichtregierungsorganisationen wie Transparency International Deutschland e.V. Im aktuellen Ranking des Corruption Perceptions Index (CPI) – mit dem Transparency den Grad der Korruption im öffentlichen Sektor misst – nimmt Deutschland 2010 einen eher mittelmäßigen (15.) Platz ein, weit hinter den europäischen Spitzenreitern Dänemark, Finnland und Schweden. Derartige Beobachtungen zeigen, dass die Wahrnehmung von Korruption – und gewiß auch die Verbreitung korrupten Verhaltens – mit institutionellen, legislativen und politisch-kulturellen Rahmenbedingungen variiert. Nicht zuletzt deshalb bereitet eine trennscharfe Definition unterhalb strafrechtlicher Normen große Schwierigkeiten. Es dürfte daher kein Zufall sein, dass sich nahezu alle Beiträge des von der Thüringischen Gesellschaft für Philosophie herausgegebenen Jahrbuchs für Kritische Philosophie auf die sehr allgemeine Definition von Transparency („Missbrauch von anvertrauter Macht zum privaten Nutzen oder Vorteil“) beziehen. Zugleich gehen die Autoren davon aus, dass gerade die kaum justiziable Grauzone von wechselseitiger Beeinflussung und Vorteilsnahme unter situativer Umgehung eigentlich geltender Regeln den politisch, sozial und ökonomisch relevanten Bereich von Korruption darstellt. In den Abhandlungen geht es einerseits um begriffliche Präzisierungen des Phänomens (Hemel; Priddat) und um spieltheoretische Analysen korruptionsfördernder Konstellationen (Albrecht/Knoepffler; Pies/Beckmann). Andererseits werden Korruptionstendenzen in ausgewählten gesellschaftlichen Feldern behandelt. Dazu zählt – neben Medizin (Meißner) und Medien (Leiner) – die mit vielen Beispielen angereicherte Auseinandersetzung Kodalles mit Berufungsverfahren, Plagiaten und Folgen des Bologna-Prozesses im Bereich der Wissenschaft. Insgesamt jedoch bleibt in den Beiträgen die Titelfrage – ob Korruption eher Strukturen oder eher individuellen Verhaltensdefiziten zugerechnet werden sollte – unentschieden.
Thomas Mirbach (MIR)
Dr., wiss. Mitarbeiter, Lawaetz-Stiftung Hamburg, Lehrbeauftragter, Institut für Politische Wissenschaft, Universität Hamburg.
Rubrizierung: 2.23 | 2.22 | 2.35 Empfohlene Zitierweise: Thomas Mirbach, Rezension zu: Reyk Albrecht / Nikolaus Knoepffler / Klaus-M. Kodalle (Hrsg.): Korruption. Würzburg: 2010, in: Portal für Politikwissenschaft, http://pw-portal.de/rezension/33144-korruption_39608, veröffentlicht am 17.05.2011. Buch-Nr.: 39608 Inhaltsverzeichnis Rezension drucken