Werner Abelshauser / David Gilgen / Andreas Leutzsch (Hrsg.)

Kulturen der Weltwirtschaft

Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht 2012 (Geschichte und Gesellschaft. Sonderheft 24); 304 S.; 44,95 €; ISBN 978-3-525-36424-6
Welche wirtschaftlichen Kulturkreise lassen sich unterscheiden und welche Rolle spielen sie in der Weltwirtschaft? Die Fragen werden aus historischer Perspektive beantwortet, das Buch basiert auf Vorträgen zur Tagung „Wirtschaftskultur – Kulturen der Weltwirtschaft“ aus dem Jahr 2010. Seit dem Ende des Kalten Krieges 1990 differenzierte sich das Bild der Wirtschaftskulturen zunehmend. Die zuvor lediglich als „Facetten desselben, marktwirtschaftlich verfassten Wirtschaftssystems der freien Welt“ (11) angesehenen Marktwirtschaften des Westens wurden nun als separate Kulturen mit eigener Historie wahrgenommen. Parallel dazu wuchs der globale Wettbewerb im Rahmen der Globalisierung rasant an. Auch heute noch werden grundsätzlich zwei große Modelle der Wirtschaftskulturen unterschieden: zum einen die korporative Marktwirtschaft; deren Spielregeln und Akteursbeziehungen werden von Unternehmen und Marktverbänden koordiniert und es findet ein Ausgleich zwischen Arbeitgeber- und Gewerkschaftsinteressen statt. Zu dieser Kultur zählen größtenteils die Länder Kontinentaleuropas sowie ostasiatische Länder mit konfuzianischer Tradition. Das zweite, als liberale Marktwirtschaft betitelte Modell zeichnet sich durch vollständige Konkurrenz der Akteure und Deregulierung aus. Der Staat hat die Aufgabe, „die Freiheit von Verträgen und Märkten“ (15) sicherzustellen. Vor allem anglo-amerikanische Nationen lassen sich diesem Modell zuordnen. Von den Fallstudien in diesem Band ist der Beitrag von Raphaële Chappe, Edward Nell und Willi Semmler empfehlenswert. Sie untersuchen die kulturelle Wende des Finanzmarktes seit den 1980er-Jahren. Durch den Prozess der Deindustrialisierung wandelte sich auch die Aufgabe der Banken – weg von der konservativen Industriefinanzierung, hin zu gewinnmaximierenden Spekulationen. Hinzu trat ein weiterer Aspekt: Die Einführung industrieller Produktionsmethoden in die Finanzwirtschaft. So bedurfte es lediglich einer elitären Führungsriege und komplexer mathematischer Konstrukte, die den Anschein erweckten, dass das Investitionsrisiko ausgeschaltet werden kann. Umgesetzt wurden diese Modelle von einem (weitgehend unmündigen) Heer von Bankern. Zusammenfassend zeigt sich, dass die Kulturen der Weltwirtschaft keineswegs statisch und lokal begrenzt sind, vielmehr sind sie miteinander verwoben und in ständiger Interaktion.
Marko Jakob (MJ)
Dr., MBA.
Rubrizierung: 2.22 | 4.43 | 2.23 | 2.61 | 2.62 | 2.64 | 2.68 | 2.313 | 5.42 Empfohlene Zitierweise: Marko Jakob, Rezension zu: Werner Abelshauser / David Gilgen / Andreas Leutzsch (Hrsg.): Kulturen der Weltwirtschaft Göttingen: 2012, in: Portal für Politikwissenschaft, http://pw-portal.de/rezension/35346-kulturen-der-weltwirtschaft_42585, veröffentlicht am 02.08.2012. Buch-Nr.: 42585 Inhaltsverzeichnis Rezension drucken

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