Dieter Bingen / Maria Jarosz / Peter Oliver Loew (Hrsg.)

Legitimation und Protest. Gesellschaftliche Unruhe in Polen, Ostdeutschland und anderen Transformationsländern nach 1989

Wiesbaden: Harrassowitz Verlag 2012 (Veröffentlichungen des Deutschen Polen-Instituts Darmstadt 31); 314 S.; 29,80 €; ISBN 978-3-447-06562-7
Mit dem politischen Umbruch von 1989/90 gewann die Idee zivilgesellschaftlichen Handelns „eine ganz neue Qualität“ (5). Die verschiedenen Formen des Umgangs der im Transformationsprozess befindlichen postkommunistischen Staaten mit „gesellschaftlicher Unruhe“ werden besonders anhand von polnischen Beispielen untersucht. Dass „Ostdeutschland“ neben Polen als einziges Land im Titel explizit genannt wird, schlägt sich in der inhaltlichen Gewichtung nicht nieder – nur ein Beitrag ist dezidiert einer entsprechenden Problemstellung gewidmet. Die Beiträge gehen zurück auf eine Berliner Tagung des Deutschen Polen-Instituts und des Instituts für Politische Studien der Polnischen Akademie der Wissenschaften vom Herbst 2010. Ein thematischer Schwerpunkt liegt auf populistischen Ausformungen gesellschaftlichen Protests – ein Phänomen, das laut Stefan Garsztecki als strömungsübergreifendes Merkmal zeitgenössischer Demokratien in ganz Europa verstanden werden kann, sich also nicht in „‚Rechts-Links’-Schemata pressen lässt und nicht nur in Ostmitteleuropa anzutreffen ist“ (17). Populistische Strömungen weisen demnach länderübergreifend zahlreiche inhaltliche Gemeinsamkeiten auf, wenn die konkrete Ausgestaltung auch jeweils unterschiedlich sein kann. Ein zweiter Abschnitt ist rechtsradikalen Gruppierungen gewidmet. Aron Buzogány untersucht den Aufstieg der Bewegung beziehungsweise später Partei „Jobbik“. Er zeigt, wie die Gruppierung durch das Verknüpfen bestehender Diskurse „die sich durch die Krise des ungarischen politischen Systems ergebenden politischen Möglichkeitsstrukturen“ (116) aktiv ausnutzen konnte. Am Beispiel der Treuhandanstalt weist Marcus Böick im dritten Kapitel zu „altem“ und „neuem“ sozialen Protest nach, dass die mediale Berichterstattung über die Proteste gegen den Wirtschaftsumbau der frühen 1990er-Jahre zur Beförderung und Verfestigung polarer Wahrnehmungsmuster zwischen Ost- und Westdeutschen beitrug. Das Phänomen der Arbeitslosigkeit wurde für viele Ostdeutsche nach dem erfolgreichen politischen Protest zur negativen „Schlüsselerfahrung der Wendezeit“ (171).
Martin Munke (MUN)
M. A., Europawissenschaftler (Historiker), wiss. Hilfskraft, Institut für Europäische Studien / Institut für Europäische Geschichte, Technische Universität Chemnitz.
Rubrizierung: 2.2 | 2.22 | 2.23 | 2.61 | 2.35 | 2.331 | 2.25 Empfohlene Zitierweise: Martin Munke, Rezension zu: Dieter Bingen / Maria Jarosz / Peter Oliver Loew (Hrsg.): Legitimation und Protest. Wiesbaden: 2012, in: Portal für Politikwissenschaft, http://pw-portal.de/rezension/35263-legitimation-und-protest_42466, veröffentlicht am 05.07.2012. Buch-Nr.: 42466 Inhaltsverzeichnis Rezension drucken

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