Dorothee Markert / Antje Schrupp (Hrsg.)

Macht und Politik sind nicht dasselbe. Übersetzt von den Herausgeberinnen

Königstein/Ts.: Ulrike Helmer Verlag 2012 (Diotima); 193 S.; pb., 19,95 €; ISBN 978-3-89741-338-2
Die Phase der Politikverdrossenheit scheint in den vergangenen Jahren wieder von einer radikalen Phase der Politikopposition abgelöst worden zu sein (Stichworte: Occupy, Stuttgart 21 etc.). Beiden Erscheinungen liegt jedoch eine ähnliche Distanz zur Politik zugrunde, dieselbe Überzeugung, dass Politik ein von Machtstrukturen durchsetztes Spiel sei und sich die Inhalte entweder gar nicht mehr beeinflussen oder zumindest nur mithilfe der Formierung einer Gegenmacht bekämpfen ließen. Dies aber, so argumentieren die Autorinnen, die zur italienischen Philosophinnen‑Gemeinschaft Diotima zählen, entstamme zum einen einer stark männlich geprägten Denkweise (das Foucault'sche Credo des „Macht ist überall“) und verschleiere zum anderen die eigentlich positive Besetzung des Politikbegriffes als Garanten für einen funktionierenden gesellschaftlichen Zusammenhalt. Wie die Autorinnen in acht feministisch inspirierten Aufsätzen darlegen, sind Macht und Politik aber eben nicht dasselbe – oder zumindest nur solange, wie diese Überzeugung besteht und deshalb Opposition gegen Machtverhältnisse sich ausschließlich in einer grundsätzlichen Opposition gegen Politik artikuliert. Damit soll keinesfalls gesagt werden, dass Politik ein machtfreier Raum ist. Die Autorinnen legen jedoch Wert auf einen Politikbegriff in seiner eigentlichen und ursprünglichen Bedeutung: Politik solle in erster Line als gesellschaftlicher Vermittlungsprozess verstanden werden, statt lediglich den Gedanken des Beherrschens in den Vordergrund zu stellen. So verstanden, könne Politik eben erst dann wieder stattfinden, wenn ein Bewusstsein dafür entsteht, dass Macht und Politik sich streng genommen ausschließen, dass also Macht kein Zweck der Politik sein kann, sondern dieser gegenüber eine „symbolische Unabhängigkeit“ aufweist. Notwendig sei eine „Loslösung aus der Umarmung der Macht, die das politische Leben erstickt“ und die Rückbesinnung auf den „Austausch zwischen sich und den anderen“ (Luisa Muraro, 23). Was dies in der Praxis bedeutet, zeigt zum Beispiel Giannina Longobardi in ihrem Beitrag über die Alltagserfahrungen an Sekundarschulen. Sie beschreibt das „Bündnis, das die dortigen Lehrpersonen mit der Macht eingehen, weil ein gemeinsames politisches Empfinden fehlt, das dem Handeln in der Schule Orientierung gibt“ (75). Aus einer subjektbezogenen, psychoanalytischen Perspektive analysiert Cristina Faccincani die Frage, warum in asymmetrischen sozialen Beziehungen (so zum Beispiel die Eltern‑Kind‑Beziehung) immer die Gefahr einer Ausnutzung von Autorität zum eigenen Vorteil besteht. Insgesamt vermittelt das Buch einen spannenden Dialog zwischen Theorie und Praxis, der das Nachdenken über Macht und Politik auf konstruktive Weise neu anregt.
Björn Wagner (BW)
Dipl.-Politologe, Doktorand und Lehrbeauftragter, Universität Jena.
Rubrizierung: 2.2 | 2.22 Empfohlene Zitierweise: Björn Wagner, Rezension zu: Dorothee Markert / Antje Schrupp (Hrsg.): Macht und Politik sind nicht dasselbe. Königstein/Ts.: 2012, in: Portal für Politikwissenschaft, http://pw-portal.de/rezension/35110-macht-und-politik-sind-nicht-dasselbe_42258, veröffentlicht am 21.02.2013. Buch-Nr.: 42258 Inhaltsverzeichnis Rezension drucken

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