Maica Vierkant

Märtyrer und Mythen. Horst Wessel und Rudolf Heß: Nationalsozialistische Symbolfiguren und neonazistische Mobilisierung

Marburg: Tectum Verlag 2008; 164 S.; pb., 24,90 €; ISBN 978-3-8288-9616-1
Wird der Nationalsozialismus von Neonazis unverändert übernommen oder findet eine Form der Modifizierung statt, die die Anleihen an diesen an heutige Gegebenheiten anpasst? Um diese Frage zu beantworten, vergleicht der Autor die Wirkungsweise der Leitfigur des historischen Nationalsozialismus, Horst Wessel, mit dem heute als Märtyrer besonders verehrten Rudolf Heß. Was sind die Gründe dafür, dass eine historisch eher zweitrangige Figur wie Heß eine bedeutende Mobilisierungswirkung in der neonazistischen Szene besitzt, „der im Nationalsozialismus als ‚Blutzeuge der Bewegung’“ (10) verehrte Horst Wessel jedoch nicht? Einen entscheidenden Unterschied macht Vierkant im Bezug des Heß-Mythos zum Nationalsozialismus aus. Dass der Mythos um Heß nicht den Beginn, sondern das Ende des Nationalsozialismus in den Mittelpunkt stellt, habe bedeutende deutungspolitische Konsequenzen: „Mit einer entpolitisierten Reduktion auf ein dualistisch-dichotomes Spannungsfeld aus Krieg und Frieden kann er die Niederlage mit einer direkten Anklage in einen moralischen Gewinn umdeuten.“ (140) Zudem biete Heß gegenüber Wessel die Möglichkeit, positiv an den Nationalsozialismus anzuknüpfen, gleichzeitig den Holocaust auszublenden und das Kriegsende zu diskutieren. In seiner Funktion als vermeintlicher „Friedensflieger“ sei Heß nicht nur zentraler Bezugspunkt mystischer Verschwörungstheorien, sondern diene gleichzeitig den Rehabilitationsbemühungen in Bezug auf den Nationalsozialismus. Vierkant kommt zu dem Schluss, dass „trotz verschiedener Kritik in strategisch-ideologischen Detailfragen ein grundsätzlich unkritisches und positives Bild vom Nationalsozialismus erkennbar ist, dass dies jedoch in dieser Klarheit weder für das Mobilisierungspotenzial gilt noch für die Klientel, welche das Symbol für sich übernimmt, da eine NS-apologetische Grundeinstellung keineswegs notwendige Voraussetzung für die Anziehungskraft des Mythos Heß ist.“ (141) Dieser verfüge daher über eine hohe Anschlussfähigkeit, sodass ihm eine Brückenfunktion zwischen rechtem Einstellungspotenzial und dem organisierten Neonazismus zukomme.
Jan Schedler (JS)
Diplom-Sozialwissenschaftler, wiss. Mitarbeiter, Fakultät für Sozialwissenschaft, Ruhr-Universität Bochum.
Rubrizierung: 2.37 | 2.35 | 2.312 Empfohlene Zitierweise: Jan Schedler, Rezension zu: Maica Vierkant: Märtyrer und Mythen. Marburg: 2008, in: Portal für Politikwissenschaft, http://pw-portal.de/rezension/29687-maertyrer-und-mythen_35150, veröffentlicht am 21.10.2008. Buch-Nr.: 35150 Inhaltsverzeichnis Rezension drucken

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