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Maryam A.: Mein Leben im Kalifat. Eine deutsche IS-Aussteigerin erzählt

28.02.2018
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Autorenprofil
Michael Rohschürmann
München, Deutsche Verlags-Anstalt 2017

Christoph Reuter bietet eine seltene Innenansicht des IS aus dem Blickwinkel einer deutschen Konvertitin, die zusammen mit ihrem Mann im Sommer 2014 dem Ruf zur Aussiedlung ins Kalifatsgebiet folgt. Die Frau, die unter dem Pseudonym Maryam erzählt, stammt aus zerrütteten familiären Verhältnissen und beschreibt ihr Leben vor ihrer Konversion zum Islam als ziellos und oberflächlich. Durch Freunde kommt sie mit einem Islam in Berührung, den sie in erster Linie durch die Worte und Taten eines engen Freundes kennenlernt. „Im Islam, wie Saryuh ihn mir erklärte, ging es um Hilfe, um Gastfreundschaft, ums Füreinander-Einstehen, solche Sachen.“ (20) Dies ist wichtig zu betonen. Es geht eben nicht um eine Radikalisierung in Hinterhofmoscheen oder die theologische Beschäftigung mit der islamischen Lehre. Was sie anspricht, ist der gelebte Gruppenzusammenhalt. Bald lernt sie auch Mitglieder der salafistischen Szene kennen, heiratet einen Afghanen, von dem sie sich bald wieder trennt, um einen Mann zu heiraten, dessen türkische Eltern die Ehe mit einer Nicht-Türkin missbilligen. Nicht aus dem Antrieb heraus, sich einer Terrororganisation anzuschließen, sondern aus dem Wunsch, den bedrängten Muslimen in Syrien gegen das Assad-Regime zu helfen, und auch in der Hoffnung, der schwierigen Familiensituation in Deutschland zu entfliehen, reist sie mit ihrem Mann im Sommer 2014 nach Syrien, um sich dem IS anzuschließen. Beide glaubten, sich einer edlen Sache zu verschreiben.

Wer erwartet, in dem Buch eine Abenteuergeschichte über den Kampf zwischen dem IS und seinen Feinden zu lesen, wird enttäuscht. Maryam beschreibt ihre Erlebnisse im Mikrokosmos der Frauen im IS-Kalifat. Sie ist, wie Reuter richtig schreibt, „[m]ittendrin, aber doch nicht ganz dabei.“ (8) Einige Rezensenten kritisieren daher das Buch als Mogelpackung, doch gerade dieser Blickwinkel, das Alltägliche ihrer Beschreibungen, macht den Wert des Buches aus. Es ist der persönliche Blickwinkel, der weitaus mehr offenbart als es die Kriegsgeschichten der großen Kampagnen könnten. So schreibt sie beispielsweise über ihren ersten Tag: „Ich hatte es mir hier vorgestellt wie in den Videos aus Aleppo: Die Armee des Regimes, die FSA, der IS, jeder beherrscht zwei Straßen, dauernd wird geschossen, und es regnet Fassbomben. Nicht, dass mir das lieber gewesen wären. [sic] Hier ist es nun ruhig und friedlich. Aber schon die Hitze und der Verlust meiner Schminktasche machen mich fertig.“ (44) Was hier zum Ausdruck kommt ist die Naivität, aber auch die Selbstüberschätzung vieler ausländischer Rekruten des IS.

Eine der interessantesten Stellen gibt einen WhatsApp-Chat wieder, in dem es um die Mädchen und Frauen geht, die der IS vor allem unter den Angehörigen der jesidischen Minderheit raubte und versklavte:

„Person C: Es gibt einen Bruder hier, der hat eine Sklavin und verleiht sie auch an andere.
Person B: Ja und? Darf er doch auch ...
Person C: Nein, er verleiht sie auch für andere Sachen außer Haushalt.
Ich: Meinst Du das gerade ernst? Wir reden davon, dass die anderen dann mit ihr ins Bett gehen?
Person C: Ja, genau. Und das ist gar nicht erlaubt, soweit ich weiß.
Ich: Nein, ist es definitiv nicht.
Person A: Wie ekelhaft. Aber ich glaube, der weiß das vielleicht einfach gar nicht, dass er das nicht darf.
Person C: Das sollte man aber wissen, wenn man sich schon eine Sklavin holen muss. [...] Dann wanderte das Gespräch wieder weiter, vermutlich zu den üblichen Themen: Woher bekommt man Schminke, Nutella, Peelings, wie läuft es mit der Schwangerschaft, wer kann Still-BHs und Schokolade aus Deutschland mitbringen. [...] Einige fanden das amüsant. Aber das waren die Momente, in denen ich mich gefragt habe: Wo bist Du hier gelandet? Sich in die Luft zu jagen, andere zu töten, selber von Bomben erwischt zu werden, okay, das war Alltag geworden. Daran hatte ich mich irgendwie gewöhnt. Aber Sklavinnen auf einer Flohmarktseite zu handeln? Das war so krank.“ (100 ff.)

 

Deutlich kommt hier zum Vorschein, dass die Normalität im Auge des Betrachters und den Bedingungen des jeweiligen Kontextes liegt. Nachdrücklich zeigt sich die Fähigkeit des Menschen, sich fremden Kontexten und anderen Moralvorstellungen komplett anzupassen und diese zu verinnerlichen. Nicht (Sex-)Sklaverei wird als seltsam wahrgenommen, sondern lediglich der „Verleih“ der betreffenden Sklavin. Selbstmordattentate sind bereits völlig in den Bereich des Normalen übergegangen. Dies wird auch an anderer Stelle deutlich: „Sie hatte einen dieser Dieselöfen, bei denen man die Zufuhr so regeln muss, dass wirklich nur Tröpfchen aus dem Tank in die Brennkammer fallen. Aber sie hatte den Hahn zu weit aufgedreht, als es unten schon brannte. Auf jeden Fall war der brennende Diesel ausgelaufen. Und ein paar Meter weiter lag die Sprengstoffweste von ihrem Mann. [...] Wir fanden das damals absolut unverantwortlich, die Sprengstoffweste im Wohnzimmer neben dem Ofen liegen zu lassen, wenn auch noch Kinder im Haus sind.“ (116 f.)

Maryam schildert, wie sehr sie und ihr Mann unter der Verwaltung und der Klientelwirtschaft der IS-Administration leiden, er sich aber gleichzeitig nur schwer von seiner Illusion einer besseren Gesellschaft unter IS-Herrschaft lösen kann: „Aber er sieht nicht das Ganze als Fehler, sondern findet, dass nur die falschen Leute auf verantwortlichen Positionen sitzen.“ (62) Ähnliches wurde häufig in der Wahrnehmung von Deutschen im NS-Reich beschrieben: Nicht der „Führer“ war für die Verbrechen verantwortlich, sondern die eigennützigen und unmoralischen Verwaltungsbeamten. Dabei wird Maryam immer mehr klar, wie sehr sich die Menschen in ihrem Umfeld, in erster Linie Aussiedler*innen aus Deutschland und Europa, doch radikalisierten: „Manchmal habe ich mir in solchen Momenten gedacht: Wären wir doch bloß zur Nusra-Front gegangen! Bei al-Qaida hätten wir wenigstens nicht ganz so verrückte Leute getroffen. Die Ausländer dort waren ganz anders, hatten nicht diese krasse Härte, die ich bei uns erlebte.“ (112)

Gleichzeitig wird immer deutlicher, dass die europäischen Dschihad-Touristen zum tatsächlichen Kampf wenig beitragen können: „Dass Deutsche überhaupt irgendwo in höheren Positionen landeten, war die große Ausnahme. Die wenigsten Europäer wurden im Kalifat wirklich gebraucht, außer für Propagandavideos. Die waren einfach nicht belastbar. Die Hitze, das Essen, wir hielten das nicht so gut aus wie ein Syrer oder ein Saudi. [...] Letztendlich sind die meisten Deutschen hier einfach nur als Fußsoldaten verpulvert worden, jedenfalls die Männer. [...] Wir Deutschen im Besonderen hatten bald unseren Ruf weg. Immer Ärger untereinander und ständig vor Gericht, weil es Zickereien gibt, und dann nicht mal arbeiten gehen.“ (121 f.)

Der landläufigen schwarz-weißen Vorstellung von Terrorismus und Terroristen sei der folgende Auszug entgegengehalten: „Umm Yasins Mann sei von einem Kampfjet bombardiert worden, als er mit dem Auto unterwegs war, erzählt sie. Selbst schuld, mag der Leser denken, der ihn automatisch in die Schublade ‚barbarischer Terrorist‘ steckt. Aber ich habe mich bei ihm eher gefragt, was so ein Mensch hier tut. Er hat sich immer um andere gekümmert, obwohl er kaum Zeit hatte, war immer hilfsbereit und freundlich. [...] Ich habe ihn einfach als liebenswerten Menschen kennengelernt.“ (126) Je länger sich Maryam im Machtbereich des IS aufhält, desto desillusionierter ist sie vom ständigen Streit der Ausländer*innen untereinander, der Bürokratie und der Gewalt: „Aber je mehr der militärische Druck von außen auf den IS zunimmt, je stärker die Gehälter sinken, die Lage insgesamt schwieriger wird, desto mehr Cliquen bilden sich.“ (90) Schließlich beschließt sie, ohne ihren Mann zu fliehen.

Maryams Bericht ist durchaus glaubhaft und gibt – das ist die besondere Bedeutung des Buches – dem Terror einen menschlichen Anstrich. Die geschilderten kleinlichen Streitereien wollen partout nicht ins Bild der diabolischen Organisation IS passen und wirken bisweilen komisch. Reuter schreibt hierzu richtig: „Aber das ist eben die Wirklichkeit. Der schlingernde Parcours zwischen Tod und Toffifee, Witwen-WGs und Zickenkriegen [...] Darauf, dass die Wünsche und Vorstellungen vieler deutscher Ausgereister eben nicht durchdrungen waren von terroristischem Eifer und ausgefeiltem Wahnsinn. Sondern von einem Spießer-Idyll im Terrorstaat.“ (9)

Dass es im Terrorkalifat menschelt, ist an sich bereits eine wichtige Erkenntnis, die sich manche Terrorexperten an die Wand hängen sollten. Was Reuter allerdings leider nicht erkennt oder nicht ausdrücklich betont, ist der andere Aspekt, den das Buch deutlich macht: etwas, das Hannah Arendt die Banalität des Bösen nennt. Am Beispiel des Eichmann-Prozesses zeigte Arendt, dass das Böse nicht durch die Abwesenheit moralischen Empfindens entsteht, sondern, dass das Gewissen bestehen bleibt und nur die Parameter dessen, was als moralisch angesehen wird, durch die Gesellschaft und den Kontext verrückt (in beiden Bedeutungen des Wortes) werden können. Reuters Buch ist mit Nachdruck zu empfehlen. Noch größeren Gewinn wird der Leser daraus ziehen, wenn es zusammen mit Hannah Arendts Buch „Eichmann in Jerusalem“ gelesen wird.

 

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