Stefan Esders / Gunnar Folke Schuppert

Mittelalterliches Regieren in der Moderne oder Modernes Regieren im Mittelalter?

Baden-Baden: Nomos Verlagsgesellschaft 2015 (Schriften zur Governance-Forschung 27); 291 S.; 59,- €; ISBN 978-3-8487-2264-8
Stefan Esders und Gunnar Folke Schuppert, beide am Sonderforschungsbereich „Governance in Räumen begrenzter Staatlichkeit“ der FU Berlin tätig, unternehmen in diesem Buch eine Zeitreise und ein Gedankenexperiment. Ausgangspunkt ist die konstatierte Ähnlichkeit zwischen den Herrschaftsstrukturen des Mittelalters und den heute vielfach anzutreffenden Räumen begrenzter Staatlichkeit: Es gibt Herrschaft, aber keinen Staat im modernen Verständnis, es wird regiert. Aber wie funktioniert das? „Die Frage lautet diesmal nicht ‚Regieren ohne Staat‘ oder ‚Regieren ohne institutionelle Möglichkeiten‘, sondern ‚Staatlichkeit ohne Staat‘?“ (14). Das Buch besteht aus zwei getrennten Essays. Schuppert vergleicht aus der Perspektive der Governanceforschung die Herrschaftsstrukturen des Mittelalters mit Räumen begrenzter Staatlichkeit und des Regierens in der heutigen entstaatlichten Welt. Als gemeinsames Element destilliert er den Begriff der Verflechtungsstrukturen, der das komplexe Verhältnis zwischen privaten Akteuren und Staat kennzeichnet. Deutlich tritt hervor, dass „der Staat nie alleine die Bühne beherrschte, sondern stets auch weitere Schauspieler eine Rolle hatten“ (136). Esders zeigt in seinem Teil die Vorteile auf, die eine Anwendung der Governance‑Perspektive innerhalb der Mediävistik beinhaltet. Hierbei arbeitet er anschaulich heraus, wie beispielsweise die politische Ordnung nach Ende der spätrömischen Antike legitimiert wurde oder wie wichtig die Verrechtlichung persönlicher Beziehungen im Lehnswesen war, da diese ein Kernelement des mittelalterlichen Staatswesens darstellten. Auch das Verhältnis zwischen Staat und Kirche war durch vielfältige Verflechtungen charakterisiert, die nicht in die heutigen Begriffsraster passen und durch mitunter komplexe Rechtsverhältnisse verbunden waren. „Das Governance‑Paradigma erlaubt es, die charakteristische Mischung öffentlich und privatrechtlicher Institute in der politischen Organisation des Mittelalters sehr viel besser zu erklären“ (259 f.). Diese Rückübertragung des Governance‑Konzeptes – von Schuppert bereits auf die Geschichte der Globalisierung angewendet (siehe Buch Nr. 47879) – mag dem neutralen Beobachter beliebig und konstruiert erscheinen. Doch das Buch ist ein Gewinn: Beide Autoren zeigen in innovativer Weise, wie man ausgetretene Forschungspfade verlässt und wie sich dadurch in einer analytisch gehaltvoll angereicherten Studie neue Perspektiven auftun. Damit ist man wieder bei den Begriffen des Staates und des Regierens: Governance als neue Sichtweise hat, so zeigt es sich, für die künftige Forschung noch viel zu bieten. Kritikwürdig ist zweierlei: Einmal der zu exzessive Zitationsstil Schupperts, der den Rahmen sprengt, und zweitens die fehlende Synthese beider Teile.
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Rubrizierung: 2.2 Empfohlene Zitierweise: Fabrice Gireaud, Rezension zu: Stefan Esders / Gunnar Folke Schuppert: Mittelalterliches Regieren in der Moderne oder Modernes Regieren im Mittelalter? Baden-Baden: 2015, in: Portal für Politikwissenschaft, http://pw-portal.de/rezension/39623-mittelalterliches-regieren-in-der-moderne-oder-modernes-regieren-im-mittelalter_48164, veröffentlicht am 21.04.2016. Buch-Nr.: 48164 Inhaltsverzeichnis Rezension drucken

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