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Nancy Fraser: Der Allesfresser. Wie der Kapitalismus seine eigenen Grundlagen verschlingt

18.09.2023
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Autorenprofil
Dr. Thomas Mirbach
Berlin, Suhrkamp 2023

In ihrem Buch „Der Allesfresser“ behandelt Nancy Fraser den "kannibalischen Kapitalismus". Sie beschreibt ihn als eine „institutionalisierte Fressorgie“, die in ihrer Existenz von nicht-ökonomischen Bedingungen wie Geschlecht, ’Rasse’, Ökologie und politischer Macht abhängt und sich ihre Grundlagen auf selbstzerstörerische Weise einverleibt. Thomas Mirbach lobt, dass Fraser verschiedene kritische Perspektiven zusammenführt, hält aber den Anspruch, mit der Kannibalismus-Metapher einen neuen Ansatz zur Analyse kapitalistischer Vergesellschaftung vorgelegt zu haben, für zu hoch gegriffen. (dk)


Eine Rezension von Thomas Mirbach

In ihrer neuen Studie schlägt Nancy Fraser einen sehr hohen Ton an. Das Buch biete „ein tiefes Eintauchen in die Quelle“ der vom „kannibalischen Kapitalismus“ erzeugten Schrecken, „diagnostiziert die Ursachen der Krankheit und benennt die Schuldigen“ (9), die bereits in der Einleitung dekuvriert werden: die kapitalistische Klasse als Gruppe, „die sich von allen anderen ernährt“ (10). Die von Fraser gewählte Kannibalismus-Metapher soll nicht signalisieren, es gäbe noch einen anderen – nicht-kannibalischen – Kapitalismus, die Metapher fordert vielmehr dazu auf, die kapitalistische Gesellschaft als „institutionalisierte Fressorgie […], deren Hauptgericht wir selbst sind[,]“ zu sehen (11). Zwar sei gegenwärtig ein Boom des Kapitalismus-Diskurses zu beobachten, aber dieser bleibe eher rhetorisch; kurz: Wir durchleben „eine schwere kapitalistische Krise […], ohne dass es eine kritische Theorie gibt, die sie erklärt“ (18). In ihrem Konzept des kannibalischen Kapitalismus sieht Fraser nun – zweifellos kein geringer Anspruch – einen analytischen Rahmen, der die Schwächen alternativer Theorien überwindet.
Im Kern beruht der analytische Rahmen – Gegenstand des ersten Kapitels (17 ff.) – auf vier, wie Fraser sie nennt, „epistemischen Erweiterungen“ der Kapitalanalyse von Karl Marx. Dem geht eine allgemeine begriffliche Überlegung voraus. Marx habe mit seiner Dechiffrierung des Äquivalententausches qua Warenform die Mechanismen von Ausbeutung (Exploitation) offengelegt, aber die im Kapitalismus immer mitlaufenden Praktiken der Enteignung (Expropriation) nur als Phase der „ursprünglichen Akkumulation“ aufgegriffen. Die Stärkung der Enteignungsperspektive öffne den Blick für die „Hintergrundgeschichte“ des Kapitalismus: „Hinter dem sublimierten Zwang der Lohnarbeit verbergen sich offene Gewalt und offener Diebstahl“ (27). Freilich ist nicht ganz klar, welcher systematische Ertrag dieser Aufwertung des Enteignungsbegriffs für die thematischen Erweiterungen zukommt, die Fraser am Marx‘schen Modell vornimmt. Hier nämlich konzentriert sich ihre Argumentation auf die Darstellung, dass der Kapitalismus als ökonomisches System von nicht-ökonomischen Rahmenbedingungen – nämlich „Geschlecht, ’Rasse’, Ökologie und politische Macht“ (19) – abhängt und diese Bedingungen seines Bestandes in selbstdestabilisierender Weise aufzehrt. Die damit hervorgerufenen Krisentendenzen beruhen – anders, als Marx es sah – nicht auf Widersprüchen innerhalb des Kapitalismus selbst, sondern auf solchen zwischen der Ökonomie und ihrem jeweils Anderen (52). Anhand dieser funktionalen Verflechtungen betont Fraser wiederholt, der Kapitalismus sei nicht lediglich ein Wirtschaftssystem, sondern müsse als institutionalisierte Gesellschaftsordnung verstanden werden (40 ff.). Lässt man die Frage beiseite, wer dem innerhalb der Sozialwissenschaften ernsthaft widersprechen würde, lenkt Frasers analytischer Ansatz die Aufmerksamkeit auf Grenzkämpfe um strukturellen Rassismus, Geschlechterherrschaft, Ökologie und Demokratie. Diese werden in den folgenden vier Kapiteln behandelt.
Im zweiten Kapitel setzt sich Fraser mit der Frage auseinander, ob der Kapitalismus strukturell rassistisch sei und stützt sich dabei wesentlich auf ihre Unterscheidung von Ausbeutung und Enteignung, wobei beide Strategien der Akkumulation mit einer Zuordnung zu zwei unterschiedlichen Bevölkerungsgruppen verbunden sind und so faktisch eine „color line“ markieren: „Die Unterwerfung derer, die das Kapital expropriiert, ist […] eine versteckte Möglichkeitsbedingung für die Freiheit derer, die es ausbeutet“ (67). Historisch ist das Verhältnis von Enteignung und Ausbeutung variabel, die Autorin zeichnet das in knapper Form (Handelskapitalismus, liberal-kolonialer Kapitalismus, staatlich gelenkter Kapitalismus) nach (77 ff.). In der aktuellen Phase des Finanzkapitalismus erfolge – wesentlich getrieben durch die Verschuldungsstrategien der globalen Finanzinstitutionen – eine zunehmende „Verflechtung von Exploitation und Expropriation“ (88). Enteignungen betreffen nicht mehr vornehmlich vulnerable Gruppen im globalen Süden, sondern im Zuge von Sozialstaatsabbau und Prekarisierung mehr und mehr auch Beschäftigte in den Zentren des Nordens.
Frasers Diskussion des zweiten Grenzbereichs (97 ff.) – der Widersprüche zwischen kapitalistischer Ökonomie und sozialer Reproduktion – erfolgt im dritten Kapitel und fällt weniger plakativ aus. Unstrittig ist, dass die kapitalistische Wirtschaft einerseits ein breites Spektrum von Sorgearbeiten voraussetzt, die mit Fürsorge, Interaktion und Sozialisation befasst sind, andererseits aber die Sphäre der Reproduktionsarbeit nicht nur monetär der Produktionssphäre untergeordnet ist. Historisch waren die Kämpfe zwischen den jeweils spezifischen Grammatiken und Handlungslogiken von Produktion und Reproduktion eng mit der Verteidigung männlicher Vorherrschaft verknüpft (104 ff.). Während in der Phase des staatlich gelenkten Kapitalismus der Ausbau des öffentlichen Sozialsektors wenigstens in den Wohlfahrtsstaaten des Nordens auch einen demokratischen Fortschritt darstellte – dieser allerdings vielfach zu Lasten der Gleichstellung der Geschlechter ging –, kombiniert das aktuelle finanzkapitalistische Regime „Emanzipation und Vermarktlichung […], um den sozialen Schutz auszuhebeln“ (121). Der „progressive Neoliberalismus“– eine Koalition von Marktverfechter*innen und neuen sozialen Bewegungen – propagiert ein liberal-individualistisches und geschlechtsegalitäres Programm, das Sorgearbeiten de facto kommodifiziert und zugleich die durch den Abbau öffentlicher Fürsorge entstandene Betreuungslücke „von reicheren zu ärmeren Familien, vom globalen Norden in den globalen Süden“ externalisiert (123).
Das relativ umfangreiche vierte Kapitel ist einerseits dem – nach der bisherigen Argumentation nicht mehr überraschenden – Nachweis gewidmet, dass der Kapitalismus einen strukturellen ökologischen Widerspruch enthält, andererseits geht es um den Entwurf einer antisystemisch ansetzenden Ökopolitik. Auch wenn vor- oder vermeintlich post-kapitalistische Gesellschaften ebenfalls ökologische Zerstörungen hervorgerufen haben, so weist allein der Kapitalismus ein „kannibalistisches, extraktives Verhältnis“ (142) zur Natur auf, das die von ihm verursachten ökologischen Reproduktionskosten systematisch verleugnet und auf Dritte auslagert. Noch zugespitzter heißt es: Nicht die „’Menschheit’ im Allgemeinen“ trage die Schuld an den Verheerungen, sondern die „Klasse der profitorientierten Unternehmer“ (135). Ohne an dieser grundsätzlichen Dynamik etwas zu verändern, sei das sozioökologische Akkumulationsregime in seinen unterschiedlichen Ausprägungen historisch variabel (156 ff.). Schließlich werde im gegenwärtigen Kapitalismus auch die Natur selbst durch Biotechnologie, spekulativen Handel mit Emissionszertifikaten und Umweltderivaten finanzialisiert, was bestenfalls zu einer zeitlichen beziehungsweise räumlichen Verschiebung der ökologischen Krise führt. Angesichts der Verflechtungen der kapitalismusspezifischen Krisentendenzen sind die heutigen ökologischen Gegenbewegungen – Postwachstum, Umweltgerechtigkeit, Green New Deal – noch zu disparat. Erst der Antikapitalismus könnte dem Transökologismus politische Richtung und kritische Kraft verleihen (183 ff.).
In recht groben Zügen zeichnet das fünfte Kapitel die gegenwärtigen Probleme der Demokratie als Teil der allgemeinen Krise des Kapitalismus nach (189 ff.). Aufgrund der funktionalen Ausrichtung der politischen Sphäre, die darin besteht mit Mitteln des Rechts und der legitimierten staatlichen Gewalt die Rahmenbedingungen der Kapitalakkumulation zu gewährleisten, ist im Kapitalismus „also das Ökonomische nicht politisch und das Politische nicht ökonomisch“ (197). Der Irrtum des „Politizismus“ – die Krise könne durch eine Reform politischer Verfahren gelöst werden (189) – verkenne, dass das, was aktuell als Demokratiedefizit diskutiert wird, in Wirklichkeit die historisch spezifische Form des kapitalismusimmanenten Widerspruchs sei (211). Denn im Finanzkapitalismus setzen Zentralbanken und globale Finanzinstitutionen ohne öffentliche Rechenschaftspflicht die unmittelbaren Interessen privater Investor*innen durch. Diese Überlagerung von ökonomischen und politischen Widersprüchen habe jedoch dazu geführt, dass die Dysfunktionen des Finanzkapitalismus ihr „subjektives Korrelat“ gefunden (213) und eine „ausgewachsene Hegemoniekrise“ hervorgebracht hätten (215). So möchte mittlerweile eine bedeutende, wenn auch intern zersplitterte, Wählerschaft die Grenzen zwischen Politik und Wirtschaft neu ziehen, aber aufgrund der Schwächen progressiver Gegenbewegungen sei noch der reaktionäre Rechtspopulismus der Hauptnutznießer. Mit Blick auf diese rechten Strömungen formuliert Fraser die starke These, dass sich erst dann ein glaubwürdiger gegenhegemonialer Block formieren könne, wenn ihre „(fehlgeleiteten und auf Fehlinterpretationen beruhenden, aber dennoch) legitimen Beschwerden“ (223) zur Kenntnis genommen würden. Was aber "zur Kenntnis nehmen" bedeuten könnte, bleibt leider offen.
Ihre abschließenden Überlegungen zum Sozialismus im 21. Jahrhundert rekapitulieren noch einmal die zuvor ausführlich dargestellten Defizite des Kapitalismus und fordern ein erweitertes Sozialismuskonzept jenseits eines Kommunismus sowjetischer Prägung und sozialer Demokratie (225 ff.). Frasers Ausführungen bewegen sich um die pauschale Forderung herum, der Sozialismus müsse die Dinge in den Vordergrund stellen, „die das Kapital in den verleugneten Hintergrund drängt“ (243).

Fazit
Die Lektüre der Studie hinterlässt einen etwas zwiespältigen Eindruck. Zweifellos behandelt Fraser mit den Themen Rassismus, soziale Reproduktion, Ökologie und Demokratie zentrale Konfliktfelder eines global operierenden Finanzkapitalismus. Dabei führt sie vielfach kritische Perspektiven progressiver sozialer Bewegungen zusammen und betont zu Recht, dass die Forderungen der einzelnen Felder – etwa die der Ökologie oder der sozialen Reproduktion – nicht gegeneinander ausgespielt werden dürfen. Aber der Anspruch, mithilfe der Kannibalismus-Metapher einen neuen, integralen Ansatz zur Analyse kapitalistischer Vergesellschaftung vorgelegt zu haben, erscheint unnötig hoch gegriffen, zumal die Erweiterung des Enteignungsbegriffs mehr Fragen aufwirft, als dass er neue Antworten zu geben vermag.

 

CC-BY-NC-SA
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Externe Veröffentlichungen

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Philosophie Magazin
 

 

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