Andreas H. Apelt / Heide Gebhardt / Eckhard Jesse (Hrsg.)

Nation 2012? Was bedeutet Nation heute und welchem Wandel unterliegt sie? Hrsg. im Auftrag der Deutschen Gesellschaft e. V.

Halle (Saale): Mitteldeutscher Verlag 2013; 264 S.; brosch., 14,95 €; ISBN 978-3-95462-073-9
So spannungslos die im Untertitel gestellte Frage nach der Bedeutung von Nation auch klingt, so überraschend vielfältig und originell sind die Antworten darauf in den äußerst unterschiedlichen Essays. Die 26 Beiträge waren für den bundesweiten Ideenwettbewerb für Studierende 2012 eingereicht worden und werden nun in diesem Sammelband von der Deutschen Gesellschaft e. V. vorgestellt. Preisträger Daniel Klisa hält mit seinen Ausführungen über die deutsche Nation ein „Plädoyer für eine Renaissance“ (97). In einem kurzen geschichtlichen Überblick, beginnend beim Holocaust, geht er der Frage nach, warum es den Deutschen so schwerfällt, sich zur eigenen Nation zu bekennen. Für die Jahre des Wirtschaftswunders hält er fest, dass sich die Vaterlandsliebe „in einem schmachtenden Blick auf die neuesten Exportzahlen erschöpfte“. Positive Bekenntnisse zu einer deutschen Nation überließ man in den Jahrzehnten der deutsch‑deutschen Teilung „Feiertagsrednern und der Präambel des Grundgesetzes“ (99). Die Euphorie nach der Wiedervereinigung verpuffte ungenutzt, die darauf folgende Ernüchterung ließ eine öffentliche Diskussion über Nationalgefühl weiterhin nicht aufkommen. Klisa sieht in einer europäischen Identität zudem keine „Kanalisationsmöglichkeiten für ein offensichtlich vorhandenes Gefühl“ (101), da das Bild einer europäischen Nation für ihn nur eine politische Utopie darstellt. Besonders das Fehlen einer gemeinsamen europäischen Kultur lässt Klisa die deutsche Nation trotz aller Schwierigkeiten in der Vergangenheit als Zukunftsmodell anpreisen. Auch Luke Dimitrios Spieker befürwortet das Bekenntnis zur deutschen Nation – allerdings als Bedingung für einen gelingenden europäischen Einigungsprozess. Spieker analysiert die deutsche Identität nach deren Erschütterung durch den Holocaust nicht als anormal, sondern als selbstverständlich: „Das kollektive schlechte Gewissen und das Nichtvergessen der Untaten wurden zum gesellschaftlichen Mehrheitskonsens erklärt; […] sie wurden zum Inbegriff unserer nationalen Selbstidentifikation“ (205). Er plädiert allerdings dafür, vom Begriff der Kollektivschuld abzurücken und stattdessen zu einer solidarischen gesellschaftlichen Verantwortung zu stehen. Diese habe sich besonders durch die „Schaffung und Bewahrung einer europäischen Friedensordnung“ (213) zu erfüllen.
Simone Winkens (SWI)
M. A., Politikwissenschaftlerin, Online-Redakteurin.
Rubrizierung: 2.3 | 2.35 | 2.23 | 2.61 | 3.1 Empfohlene Zitierweise: Simone Winkens, Rezension zu: Andreas H. Apelt / Heide Gebhardt / Eckhard Jesse (Hrsg.): Nation 2012? Halle (Saale): 2013, in: Portal für Politikwissenschaft, http://pw-portal.de/rezension/36659-nation-2012_44530, veröffentlicht am 30.01.2014. Buch-Nr.: 44530 Inhaltsverzeichnis Rezension drucken

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