Ross Jackson

Occupy World Street. Roadmap für den radikalen Wandel. Aus dem Englischen vom Gaiapiraten-Übersetzerteam

Stuttgart: S. Hirzel 2013; 359 S.; kart., 19,80 €; ISBN 978-3-7776-2342-9
Dem Buch liegt eine doppelte Motivation zugrunde: eine konstruktive Wut über die Auswüchse des gegenwärtigen Neoliberalismus und die Verzweiflung darüber, dass sich an eben jenem Neoliberalismus akut kaum etwas ändert. Ross Jackson geht es um dreierlei: „die Grundursachen für den gegenwärtigen politischen und wirtschaftlichen Stillstand und die Barrieren, die der Umsetzung wirklicher Lösungen im Weg stehen, zu analysieren; globale Lösungen vorzuschlagen einschließlich neuer Einrichtungen, die sich speziell mit den bekannten Problemen befassen und die für alle funktionieren; und eine Strategie vorzulegen, die uns dorthin bringt“ (19). – Soweit, so gut. Jacksons Gegenwartsdiagnose sieht den Planeten am Abgrund, ökologisch erschöpft, mit zur Neige gehenden Ressourcen: „Die Wurzel des Problems ist, dass nicht ein einziges Land auf dem Planeten ökologische Nachhaltigkeit ernst nimmt.“ (240) Durch die Komplementarität beider Ereignisse werde deutlich, dass eine endliche Welt den kapitalistischen, von den USA maßgeblich propagierten Primat unbegrenzten Wachstums niemals wird erfüllen können. Demgegenüber müsse ein Prozess des Lernens einsetzen, dessen Ergebnis Jackson als „wünschenswertere Zivilisation“, als „Gaia‑Weltordnung“ (21) bezeichnet. Darunter versteht er eine Haltung der Nachhaltigkeit und Verantwortung gegenüber der Natur, basierend auf lokal verankerter Demokratie in einer dezentralisierten Welt. Der Weg hin zu dieser radikal anderen Welt führe, so der Autor, nach der Umstellung des globalen Wirtschafts‑ und Finanzsystems über die Einrichtung von fünf neuen globalen Institutionen. Zwei davon sind der „Gaia‑Kongress“ (298), zuständig für die Verrechtlichung der Beziehungen der Staaten zueinander, und der „Gaia‑Ressourcenausschuss“ (300), der ein „ideales Rationierungsabkommen“ (303) mit globaler Geltung konsensual und vollkommen transparent innerhalb von vier Jahren implementieren soll. Eine ähnliche, von wissenschaftlichen Räten dominierte und mit naturwissenschaftlicher Akkuratesse funktionierende Weltgesellschaft hatte auch schon der französische Frühsozialist Henri de Saint‑Simon erträumt – und war von Marx und Engels zu den utopischen Sozialisten gezählt worden. Auch bei den spannend zu lesenden Visionen von Jackson stellt sich wiederholt die Frage, ob der von ihm prognostizierte Wandlungsdruck aufgrund von Ressourcenverknappung und ökologischer Katastrophen zu derart weitreichenden Veränderungen – vor allem zu so positiven – führen wird.
Matthias Lemke (LEM)
Dr. phil., Politikwissenschaftler (Soziologe, Historiker), wiss. Mitarbeiter, Institut für Politikwissenschaft, Helmut-Schmidt-Universität Hamburg.
Rubrizierung: 4.43 Empfohlene Zitierweise: Matthias Lemke, Rezension zu: Ross Jackson: Occupy World Street. Stuttgart: 2013, in: Portal für Politikwissenschaft, http://pw-portal.de/rezension/36726-occupy-world-street_44637, veröffentlicht am 13.02.2014. Buch-Nr.: 44637 Inhaltsverzeichnis Rezension drucken

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