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Silvia Kontos

Öffnung der Sperrbezirke. Zum Wandel von Theorien und Politik der Prostitution

Königstein/Ts.: Ulrike Helmer Verlag 2009 (Unterschiede: Diversity 8); 429 S.; 32,90 €; ISBN 978-3-89741-285-9
Die Autorin rekonstruiert zunächst die historischen Diskurse, in denen in der bürgerlichen Gesellschaft über Prostitution verhandelt wurde. Ihre Perspektive bleibt dabei jedoch auf die Situation in der Gegenwart gerichtet, denn mit dem neuen Prostitutionsgesetz aus dem Jahr 2002 werde staatlicherseits zwar nicht mehr über die Köpfe der Prostituierten hinweg gehandelt, doch „ohne dass deshalb die gesellschaftliche Ausgrenzung der Prostituierten aufgehoben wäre“ (9). Sie diskutiert heterosexuelle Prostitution als zentrales Feld für die Herstellung und Reproduktion hierarchischer Geschlechterverhältnisse. Daher nutzt die Autorin auch nicht den Begriff der Sexarbeiterin, der sich nur auf das Dienstleistungsverhältnis erstrecke. Da Prostitution in bürgerlichen Gesellschaften eine widersprüchliche Ausweichfunktion für Männer im Zusammenhang der anspruchsvollen Konzeption moderner Liebesvorstellungen erfülle, wurden „Prostitutionsregime“ (13) etabliert. Diese dienten der Kontrolle der Prostitution und funktionierten über Ausgrenzung und Einbindung. Dahinter stehe die Vorstellung, dass die Sexualität des Mannes ein Ventil brauche. Das klassische Paradigma dieser Regimes sei das Bordellregime gewesen, das soziale Diskreditierung und räumliche Einhegung miteinander verband, jedoch an der Frauenbewegung gescheitert sei. Das Regime des Rheinischen Kapitalismus hingegen öffnete die Sperrbezirke durch eine forcierte Kommerzialisierung. Insofern kritisiert die Autorin, dass das neue Gesetz zwar zur Anerkennung der Prostituierten beitrage, jedoch „die Indienstnahme von Frauen für die sexuellen Bedürfnisse von Männern, in neuer Form, nämlich als ‚selbstbestimmte’ reproduziert“. Dies füge sich in einen Trend ein, der immer weniger Unterschiede zwischen „Prostituierten, Praktikantinnen und ‚brasilianischen Geliebten’“ (350) mache. Kontos stellt die Prostitution heute als Entlastung der Männer vom neoliberalen Alltag und den gewachsenen Ansprüchen an egalitäre Beziehungen dar. Unter dieser Perspektive, gibt sie zu bedenken, „kämen Frauen auch als stille Teilhaberinnen in den Blick, die sich aus dem sexuellen Service zurückziehen und ihn an die Prostituierten delegieren“ (393).
Timo Lüth (TIL)
Student, Institut für Politische Wissenschaft, Universität Hamburg.
Rubrizierung: 2.27 | 5.42 | 2.36 | 2.34 | 2.325 Empfohlene Zitierweise: Timo Lüth, Rezension zu: Silvia Kontos: Öffnung der Sperrbezirke. Königstein/Ts.: 2009, in: Portal für Politikwissenschaft, http://pw-portal.de/rezension/31870-oeffnung-der-sperrbezirke_38004, veröffentlicht am 10.03.2010. Buch-Nr.: 38004 Inhaltsverzeichnis Rezension drucken