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Wolfgang Stephan Kissel / Ulrike Liebert (Hrsg.)

Perspektiven einer europäischen Erinnerungsgemeinschaft. Nationale Narrative und transnationale Dynamiken seit 1989

Berlin: Lit 2010 (Europäisierung 7); 245 S.; 19,90 €; ISBN 978-3-643-10964-4
Der Band ist aus dem von der Europäischen Union geförderten Jean Monnet Modul „Erinnerungskonflikte in Europa“ hervorgegangen. Ebendiesen sind die zwölf Beiträge gewidmet, ausgehend von der Beobachtung, dass auch nach 1989 längst kein homogener europäischer Erinnerungsraum geschaffen werden konnte. Inwieweit die weiterhin dominanten nationalen Erinnerungsdiskurse nun gegenläufige oder mitunter auch übereinstimmende Dynamiken entwickeln, welche innergesellschaftlichen Friktionen sie hervorrufen oder welcher Medien sich bedient werden kann, wird beispielhaft veranschaulicht. Die Herausgeber haben trotz der Erkenntnis, dass sich die Vergangenheitsbewältigung des 20. Jahrhunderts weiterhin vornehmlich national organisiert, drei übergeordnete Konstellationen herausarbeiten können, nach denen sich das Buch gliedert. In einem ersten Komplex werden die konfliktiven Erinnerungen an die kommunistischen Regime im Osten Europas analysiert. Den Konflikt zwischen der vernachlässigten umfassenden Aufarbeitung stalinistischer Gewaltverbrechen in Russland einerseits und den zum Teil ungefestigten, traumatischen Erinnerungskulturen der ehemaligen Sowjetrepubliken andererseits, insbesondere der baltischen Staaten, thematisiert Wolfgang Stephan Kissel prägnant in seinem Beitrag. Ein zweiter Themenabschnitt ist den transnationalen Erinnerungsdynamiken in Westeuropa gewidmet. Anja Mihr zeigt in ihrem hervorragenden Aufsatz „Der lange Schatten Francos – Aufarbeiten, Erinnerung und Demokratie in Spanien“, inwieweit formale Anpassung an und Eingliederung in die Europäische Union und nationale Erinnerungsstandards auseinander gehen. In einem dritten Oberkapitel wird abschließend zu den politischen (d. h. hier: demokratischen) und juristischen Voraussetzungen von Versöhnung gefragt. Ulrike Liebert blickt auf das Potenzial gesamteuropäischer Identität etwa bei der Überwindung nationaler Erinnerungskonflikte. Insgesamt bietet das Buch auch fachlich nicht vorgebildeten Lesenden einen gut zugänglichen Einstieg in die Thematik.
Eva Voß (EV)
Dr., Politikwissenschaftlerin, Senior Referentin für Diversity Management bei der Bertelsmann AG.
Rubrizierung: 2.61 | 2.23 | 2.35 Empfohlene Zitierweise: Eva Voß, Rezension zu: Wolfgang Stephan Kissel / Ulrike Liebert (Hrsg.): Perspektiven einer europäischen Erinnerungsgemeinschaft. Berlin: 2010, in: Portal für Politikwissenschaft, http://pw-portal.de/rezension/33403-perspektiven-einer-europaeischen-erinnerungsgemeinschaft_39966, veröffentlicht am 09.03.2011. Buch-Nr.: 39966 Inhaltsverzeichnis Rezension drucken