Walter Leisner

Platons Idealstaat und das Staatsrecht der Gegenwart. Vergleiche – Anregungen – Mahnungen in den "Gesetzen": Zu einem "Bildungsstaat"

Berlin: Duncker & Humblot 2014 (Schriften zum Öffentlichen Recht 1277); 140 S.; 49,90 €; ISBN 978-3-428-14473-0
„Eine Staatsphilosophie, die ihren Ausgang nicht bei Platon nimmt, ist nicht vorstellbar.“ (16) Walter Leisner wendet sich deshalb mit Platons Alterswerk „Nomoi“ dem Ursprung des politischen Denkens zu. Im Mittelpunkt steht, dem Titel gemäß, der staatliche Ordnungsrahmen, das Gesetz. Dabei geht Platon davon aus, dass die Akzeptanz von Gesetzen nicht primär auf Zwang und der Androhung von Sanktionen beruhen sollte, sondern auf der Einsicht in die Sinnhaftigkeit. Das ist ein Ansatz, der sich auch schon in Platons „Politeia“ findet. Während dort aber der „geschaute Idealstaat“ das Thema ist, wird in den „Nomoi“ der Schritt zum „organisierten Idealstaat der Gesetze“ (45) vollzogen. Das Ordnungsmodell dieses Staates ist die Mischverfassung, in der „bereits Grundlinien einer Gewaltenteilung sichtbar“ (87) werden. Sie gewährleistet am ehesten eine organisatorische Ermöglichung menschlichen Wohlbefindens. Für Platon ist dies „nicht Ziel, nicht Selbstzweck, es ist Kraftquelle, für den Einzelnen wie dessen Gemeinschaft“ (65). Um diese Kraftquelle dauerhaft wirksam werden zu lassen, bedarf es nicht nur staatlicher Entscheidungsorgane, ebenso wichtig sind staatliche Vermittlungsorgane in Gestalt von Lehrern und Priestern. Platons Staat ist deshalb ein „Bildungsstaat“ mit dem Ziel des Rechtsvertrauens als zentraler Kompetenz. Ein wichtiges Gegenstandsfeld stellt dabei das bürgerliche Recht (insbesondere das Kauf‑, Testaments‑, Familien‑ und Prozessrecht) dar. Staatliche Gesetzgebung erfolgt nicht im positivistischen Sinn, sondern auf der Grundlage einer Umsetzung der Naturordnung durch die Vernunft. Platon antizipiert damit Gedankenansätze, wie sie dann in der Aufklärung zum modernen Staatsdenken führen. Bei all dem denkt er ausgeprägt individualistisch, so wie das im Staatsrecht der Gegenwart auch der Fall ist. Leisners „Nomoi“‑Interpretation regt deshalb an, Platon neu zu lesen.
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Rubrizierung: 5.315.41 Empfohlene Zitierweise: Klaus Kremb, Rezension zu: Walter Leisner: Platons Idealstaat und das Staatsrecht der Gegenwart. Berlin: 2014, in: Portal für Politikwissenschaft, http://pw-portal.de/rezension/37946-platons-idealstaat-und-das-staatsrecht-der-gegenwart_46446, veröffentlicht am 08.01.2015. Buch-Nr.: 46446 Inhaltsverzeichnis Rezension drucken

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