Gunter Hofmann

Polen und Deutsche. Der Weg zur europäischen Revolution 1989/90

Frankfurt a. M.: Suhrkamp 2011; 504 S.; 32,90 €; ISBN 978-3-518-42234-2
Wie kam es zur europäischen Wende 1989/90 und wie bewerten damalige Akteure die Situation und ihr Handeln heute, fragt Hofmann, früherer Chefkorrespondent und nunmehriger Autor der Wochenzeitung „Die Zeit“. Er setzt sich mit einer Fülle von geschichtswissenschaftlichen Darstellungen und Memoiren auseinander, nutzt zudem eigene Interviews mit Politikern und gesellschaftlichen Akteuren in Polen und Deutschland und zieht auf Basis dieses oft widersprüchlichen Materials allzu eindimensionale Heldenerzählungen überzeugend in Zweifel. Statt Legenden wie den Sieg der USA über den Sowjetkommunismus, die Selbstbefreiung der Osteuropäer oder den unbedingten und zielstrebig verfolgten Einheitswillen Helmut Kohls zu verfestigen, betont Hofmann die als genial subversiv charakterisierte sozialliberale Ostpolitik, die lange Zeit unterschätzte Schlussakte von Helsinki, die Sogwirkung des europäischen Integrationsprozesses, die Ausdauer der Solidarność sowie die Vertrauenswürdigkeit Gorbatschows als entscheidende Beiträge zur Beendigung des Ost-West-Konflikts. Er resümiert, dass die Verständigung zwischen Washington und Moskau selbstverständlich die notwendige Bedingung für die Entwicklungen 1989/90 darstellte, Deutschland und Polen ihre Spielräume aber maximal zu nutzen und die Supermächte in ihrem Sinne zu beeinflussen wussten. Belesen, kenntnisreich und stets differenziert abwägend, führt der Autor durch eine komplexe Materie. Die Gewichtung einzelner Erklärungsfaktoren ist jedoch noch immer so unsicher, dass auch Hofmann nicht in allen Detailfragen – ist es beispielsweise um die Anerkennung der ostdeutschen Bürgerbewegung heute wirklich so schlecht bestellt, wie er moniert? – zuzustimmen ist. Die beständig wechselnde Perspektive der Deutungen, die nur selektive Wiedergabe der Gespräche Hofmanns sowie seine gelegentliche Neigung zu Redundanz verlangen dem Leser neben zeitgeschichtlicher, wenngleich nicht notwendigerweise politikwissenschaftlicher Vorbildung ein hohes Maß an Aufmerksamkeit ab – die das Buch aber verdient hat.
Andrea Priebe (AP)
M. A., Politikwissenschaftlerin, Institut für Politikwissenschaft, Universität Jena.
Rubrizierung: 2.31 | 2.314 | 2.315 | 2.3 | 2.1 | 2.61 | 2.25 Empfohlene Zitierweise: Andrea Priebe, Rezension zu: Gunter Hofmann: Polen und Deutsche. Frankfurt a. M.: 2011, in: Portal für Politikwissenschaft, http://pw-portal.de/rezension/21944-polen-und-deutsche_40804, veröffentlicht am 01.09.2011. Buch-Nr.: 40804 Inhaltsverzeichnis Rezension drucken

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