Skip to main content
Elsbeth Bösl

Politiken der Normalisierung. Zur Geschichte der Behindertenpolitik in der Bundesrepublik Deutschland

Bielefeld: transcript 2009 (Disability Studies 4); 404 S.; 29,80 €; ISBN 978-3-8376-1267-7
Diss. LMU München; Gutachter: H. G. Hockerts, M. G. Geyer. – Die Kategorie Behinderung ist wie auch die des Geschlechts oder Alters keine „individuelle[.] Eigenschaft[.], sondern soziokulturelle Konstruktion[.]“ (9). Von dieser Annahme ausgehend untersucht Bösl am Beispiel der Behindertenpolitik von 1945 bis 1975 die für diesen Themenbereich wesentlichen sozialen und kulturellen Zusammenhänge. Angefangen von einer Sichtweise von Behinderung als persönliches Defizit, das nur durch (medizinische und technische) Maßnahmen an eine geltende Norm angepasst werden könne, entwickelte sich der Diskurs dahin, dass weniger individuelle als strukturelle Hürden identifiziert und beseitigt werden mussten, um Menschen mit einer Behinderung nicht weiter vom (Arbeits-)Leben auszuschließen. Bösl verfolgt mit dieser Darstellung das Ziel, diesen in der historischen Forschung bislang marginalisierten Aspekt der Konstruktion von Behinderung aufzuarbeiten und den Untersuchungsgegenstand stärker zu gewichten. Sie konzentriert sich dabei im ersten Teil auf die sprachliche und argumentative Herstellung von Behinderung in wissenschaftlichen und politischen Behinderungsdiskursen. Im zweiten Teil werden die komplexen politischen Aushandlungsprozesse sowie die darin involvierten Akteursnetze dargestellt und die ambivalenten Konsequenzen der damit geschaffenen sozialstaatlichen Rahmenbedingungen diskutiert. Im dritten Teil geht die Autorin ausschließlich auf die Rehabilitationsstrategien als Form des Umgangs mit behinderten Menschen ein, um abschließend im vierten Teil einerseits die medizinischen (z. B. Prothetik) und anderseits die technischen und baulichen Entwicklungen zu erörtern. Die Arbeit schließt mit einer Bilanz der Behindertenpolitik in der Reformära ab 1970. Bösl liefert damit nicht nur einen zeitgeschichtlich wertvollen Beitrag, sondern schließt an aktuelle Debatten zum Diversity Management an, welche oftmals den kritischen Blick auf sozial konstruierte Kategorien und Normalisierung-/Normierungsdiskurse vermissen lassen.
Eva Voß (EV)
Dr., Politikwissenschaftlerin, Senior Referentin für Diversity Management bei der Bertelsmann AG.
Rubrizierung: 2.342 | 2.35 Empfohlene Zitierweise: Eva Voß, Rezension zu: Elsbeth Bösl: Politiken der Normalisierung. Bielefeld: 2009, in: Portal für Politikwissenschaft, http://pw-portal.de/rezension/31553-politiken-der-normalisierung_37578, veröffentlicht am 16.03.2010. Buch-Nr.: 37578 Inhaltsverzeichnis Rezension drucken