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Herbert Schui

Politische Mythen & elitäre Menschenfeindlichkeit. Halten Ruhe und Ordnung die Gesellschaft zusammen?

Hamburg: VSA 2014; 124 S.; 12,80 €; ISBN 978-3-89965-598-8
Die Umsetzung politischer Projekte erfordert stets eine kommunikative Begleitung, und bei zentralen Reformen ist ein entsprechendes Narrativ umso wichtiger. Dass diese Narrative oft nicht der Information, sondern der Ablenkung und Verschleierung dienen, ist das Thema von Herbert Schui. Anhand der sozioökonomischen Umwandlungen der vergangenen Jahrzehnte beobachtet er, wie die jeweiligen Reformschritte begründet wurden und warum diese Begründungen irreführend waren. Schui benutzt als Denkfigur den Mythos, dessen Ziel es ist, komplexe Zusammenhänge vermeintlich leicht darzustellen. An vielen Beispielen zeigt Schui das manipulative Potenzial solcher Mythen. So verhindert der Begriff des Leistungsträgers die Solidarisierung von Mittel‑ und Unterschicht; die Schuldenbremse fußt auf einer unzulässigen Analogie zwischen privaten und öffentlichen Schulden und die Debatte um den demografischen Wandel soll einen Generationenkonflikt konstruieren, der den Konflikt zwischen Arm und Reich überdeckt. Für Schui zeigen sich in all diesen Mythen ein gemeinsamer Zweck und ein gemeinsames Symptom. „Politische Mythen sollen der Tatenlosigkeit, der Resignation einen Sinn geben.“ (13) Die Bevölkerung soll also erkennen, dass eine gesellschaftliche Neuordnung, gerade in Fragen der (Vermögens‑)Verteilung, einerseits nicht wünschenswert und andererseits nicht realisierbar ist. Wenn die Frage nach Umverteilung dann nicht mehr gestellt wird, ist ein Symptom die gesellschaftliche Abgrenzung aller, die nicht als Leistungsträger erfasst werden können. Vor allem Arbeitslose werden ausgeschlossen und gering geschätzt, für Schui ein Zeichen, dass „[d]ie Demokratie dabei [ist] zu degenerieren“ (113). Bei der Lektüre muss man sich klar machen, dass Schui ehemaliger Bundestagsabgeordneter der Linken ist, und stellenweise verfällt er in einen sehr polemischen Ton. Dennoch gelingt es ihm, das Zusammenspiel von Wirtschaft und Politik bei der Verzerrung von Debatten zu erläutern und regt damit zu einem gesunden Maß an Skepsis an, von dem die Demokratie ihm zufolge nur profitieren kann.
Max Lüggert (MLÜ)
M. A., Politikwissenschaftler, Doktorand, Institut für Politische Wissenschaft und Soziologie, Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn.
Rubrizierung: 2.352.333 Empfohlene Zitierweise: Max Lüggert, Rezension zu: Herbert Schui: Politische Mythen & elitäre Menschenfeindlichkeit. Hamburg: 2014, in: Portal für Politikwissenschaft, http://pw-portal.de/rezension/37407-politische-mythen--elitaere-menschenfeindlichkeit_45625, veröffentlicht am 14.08.2014. Buch-Nr.: 45625 Inhaltsverzeichnis Rezension drucken