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Markus Brunner / Jan Lohl / Rolf Pohl / Marc Schwietring / Sebastian Winter (Hrsg.)

Politische Psychologie heute? Themen, Theorien und Perspektiven der psychoanalytischen Sozialforschung

Gießen: Psychosozial-Verlag 2012; 371 S.; brosch., 36,90 €; ISBN 978-3-8379-2118-2
Im Zentrum des Bandes steht die Frage nach Modernisierungsmöglichkeiten und Anwendungsgebieten der psychoanalytischen politischen Psychologie. Bereits der defensiv klingende Buchtitel verdeutlicht die gegenwärtige Position dieser aus der Kritischen Theorie hervorgegangenen Fachrichtung. Entsprechend geht es in den ersten drei Aufsätzen um Antworten auf die Frage, warum Sozialwissenschaften überhaupt die Psychoanalyse brauchen könnten. Die dann folgenden Aufsätze zu höchst unterschiedlichen Themen (z. B. die Muslimfeindschaft, sexuelle Aufklärungskampagnen oder Bourdieus Bezugnahmen zur Psychoanalyse) dürfen ebenfalls als beispielhafte Belege für die Bedeutsamkeit der fernab des akademischen Mainstreams agierenden psychoanalytischen politischen Psychologie gelesen werden. Manches Argument klingt allerdings etwas zu selbstbewusst: „[D]ie Psychoanalyse und ihre Erkenntnismethode bildet die für jede kritische Wissenschaft dringend erforderliche Erkenntnistheorie“ (27). Sonderlich selbstkritisch sind diejenigen, die so vehement Selbstreflexion einfordern, also nicht immer. So dürften sie sich schon fragen, warum ihre Interpretationen bei anderen Psychologen und Sozialwissenschaftlern so wenig Beachtung finden. Tatsächlich haben Psychoanalytiker zu vielen politischen Themen einiges zu sagen, etwa zu Identitätspolitik, Terrorismus, Radikalisierung oder Ökonomisierung. Wie das aussehen kann, verdeutlicht etwa der Beitrag von Gudrun Brockhaus zu dem Klassiker „The Authoritarian Personality“ von Adorno et al. Der psychoanalytische Gehalt der Studie (im Rahmen von Interviews) mit Verweisen auf die zum Teil widersprüchlichen Persönlichkeitsmerkmale faschistischer Menschen offenbart, dass hier erklärt werden kann, was etwa bei NS-Historikern in einer Art Black Box verbleibt. Der Disziplin geht es also nicht darum, Etiketten aus der Individualtherapie auf ganze Gesellschaften zu übertragen. Sie will verborgenen Sinn aufdecken. Ob dies tatsächlich auch mit Redemanuskripten gelingt wie mit einem Patienten sei dahingestellt; das Beispiel zum „War on Terror“ des George W. Bush vermag nicht so recht zu überzeugen. Einstellungsforscher etwa aber sollten die Möglichkeiten ihrer Messinstrumente reflektieren – was ist (wandelbare) politische Gesinnung, was persönlichkeitsbedingt? Der Sammelband enthält Beiträge einer Tagung der Arbeitsgemeinschaft Politische Psychologie an der Universität Hannover im Jahr 2009.
Dirk Burmester (DB)
Dr., Politikwissenschaftler, wiss. Angestellter der Freien und Hansestadt Hamburg.
Rubrizierung: 5.1 | 5.42 | 2.22 | 2.23 | 2.63 | 2.64 Empfohlene Zitierweise: Dirk Burmester, Rezension zu: Markus Brunner / Jan Lohl / Rolf Pohl / Marc Schwietring / Sebastian Winter (Hrsg.): Politische Psychologie heute? Gießen: 2012, in: Portal für Politikwissenschaft, http://pw-portal.de/rezension/35538-politische-psychologie-heute_42869, veröffentlicht am 08.11.2012. Buch-Nr.: 42869 Inhaltsverzeichnis Rezension drucken