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Frust, Hass, Gewalt: Motive und Organisation von Dschihadisten

02.01.2017
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Dr. Dirk Burmester


spielzeugladenDie Radikalisierungsforschung hat seit den Anschlägen von 9/11 enorme Fortschritte erzielt. Insbesondere hinsichtlich des islamistischen Terrorismus lagen lange nur wenige Erkenntnisse zu Täter-Biografien vor – aus quantitativen Gründen, aber auch weil es scheinbar kaum Gemeinsamkeiten zu geben schien. Inzwischen sind zentrale Radikalisierungsmechanismen und auch Wandlungsprozesse so gut erforscht, dass sich eine darauf aufbauende Deradikalisierungsforschung und -praxis insbesondere in Europa und den USA etabliert. Die Politik hinkt demgegenüber noch etwas hinterher. Publikationen wie „Die neuen Dschihadisten“ von Peter R. Neumann und „Radikalisierung“ von Farhad Khosrokhavar erreichen breite Leserkreise und könnten hier bewusstseinsschärfend wirken. Der deutsche Politikwissenschaftler Neumann zählt zu den weltweit bekannten Terror-Experten, der französisch-iranische Soziologe Khosrokhavar prägt neben Olivier Roy und Gilles Kepel den Diskurs in Frankreich. Beide erforschen auf unterschiedliche Weise die Radikalisierung junger europäischer Dschihadisten, ihre Bücher legen entsprechend andere Schwerpunkte und ergänzen sich hervorragend.

Im Zentrum von Khosrokhavars Buch stehen die Motive der Täter und die Gründe ihrer Radikalisierung. Er stützt seine Arbeit insbesondere auf Studien mit radikalisierten Häftlingen. Der eigentlichen Analyse stellt er einen historischen Abriss zu früheren Terrorismus-Formen der Assassinen, der Anarchisten des 19. Jahrhunderts sowie der Linksterroristen und von Al Kaida im 20. Jahrhundert voran. Daran knüpft eine Auseinandersetzung mit der Rolle des Internets für Radikalisierungsprozesse an. Die mitunter verhängnisvolle Wirkung insbesondere der sozialen Medien ist inzwischen hinlänglich bekannt: Sinnsuchende und bereits Radikalisierte finden einander und treiben ihren Hass in den Echokammern der Netzforen und Chats wechselseitig voran. Al Kaida und der IS schätzen zudem die digitalen Medien als neuartiges und ungemein mächtiges Instrument ihrer Propaganda. Das Œuvre dschihadistischer Vordenker ist mehrsprachig und mit wenigen Mausklicks verfügbar. Der digitale Wandel ist somit eine wesentliche Voraussetzung für sich isoliert radikalisierende Autodidakten. Khosrokhavars Radikalisierungstypologie unterscheidet von diesen unter anderem noch introvertierte Fundamentalisten, Sektierer, Abenteurer, Frauen und andere. Der Pariser Forscher betont dabei, dass Radikalisierungen einem Ursachenbündel mit jeweils unterschiedlicher Gewichtung entspringen.

Das Buch ist stark auf die französischen Verhältnisse ausgerichtet. Die deutliche Mehrheit junger Dschihadisten rekrutiert sich dort aus den marginalisierten Banlieues, wobei Khosrokhavar mehrfach betont, dass sich nur eine Minderheit der Vorstadt-Jugendlichen radikalisiert. Diese Minderheit wähnt sich in einem Zustand weitreichender Exklusion, Benachteiligung und Demütigung. Sie sieht keinerlei Zukunftsperspektiven, ist psychisch labil, delinquent und leidet fast immer unter einem schwierigen familiären Hintergrund. Die Jugendlichen verleihen ihrem Frust und Hass einen höheren, pseudoreligiösen Sinn und legitimieren Gewalt gegen die verachtete Gesellschaft. Auf ihren Rachefeldzügen erfahren diese radikalen Verlierer (so bereits eine frühe Bezeichnung von Hans Magnus Enzensberger) als negative Helden eine auf anderem Weg scheinbar unerreichbare Bedeutsamkeit und Selbstwirksamkeit. Die zweite, kleinere Gruppe von Dschihadisten porträtiert Khosrokhavar weitaus knapper. Ihre Mitglieder entstammen der Mittelschicht, sind oft Konvertiten und wendeten sich als Sinnsuchende dem radikalen Islam zu.

Peter R. Neumann beschreibt primär die jüngere Entwicklung dschihadistischer Organisationen. Auch Neumann setzt sich zunächst mit früheren Terrorformen auseinander. Gegenüber Khosrokhavar holt er deutlich weiter aus und schildert ausführlich das Wellenmodell des US-Historikers David Rapoport, demzufolge es vier Terror-Wellen gegeben hat (anarchistisch, antikolonialistisch, linksextrem und religiös), die aus sozial oder politisch motivierten Bewegungen hervorgingen und jeweils ungefähr eine Generation lang Bestand hatten. Neumann zufolge handelt es sich bei dem gegenwärtigen Dschihadismus um eine neue Welle. Den größten Teil seines Buches nimmt die Darstellung der Entwicklung dschihadistischer Organisationen dieser „nächsten Welle“ (71) ein, die mit dem IS beginnt. Entsprechend konzentriert er sich auf die Ideologie, die Strukturen und die Anhänger des IS. Die ersten europäischen Syrien-Reisenden 2012 und 2013 seien zumeist davon motiviert gewesen, die sunnitische Bevölkerung zu verteidigen. Ihnen folgten Sinnsucher, „die ihr Bedürfnis nach Identität, Gemeinschaft, Macht und Männlichkeit“ (116) zu befriedigen trachteten. Zudem gebe es Mitläufer, die schlicht dem Anführer ihrer kleinen militanten Gruppe folgten. Der syrische Bürgerkrieg habe die Dschihadisten ins Zentrum der salafistischen Szene gebracht, weil ihr stetiger Aufruf zum Heiligen Krieg hier plötzlich plausibel erschienen sei. Neumann veranschaulicht zudem die zum Teil länderübergreifenden Netzwerke der Dschihadisten. Treibende Kraft hinter dieser Vernetzung und ideologischen Aufladung war erstaunlich oft der britische Anwalt und Jihadist Anjem Choudary, der in mehreren Ländern lokale Gruppen bei ihren Rekrutierungsbemühungen professionalisierte.

Beide Autoren weisen auf die enormen Gefahren hin, die von europäischen Dschihadisten und vielen Syrien-Rückkehrern ausgehen. Frühere Terrorbewegungen bestanden nur aus einer kleinen Zahl gewalttätiger Aktivisten und Unterstützer. Die Zahl europäischer Dschihadisten ist demgegenüber um ein Vielfaches größer. Umso mehr komme es auf umfassende Prävention und Deradikalisierungsmaßnahmen an, so das Fazit beider Autoren. Gefragt sind demnach viel Gleichmut und langfristige Leidensfähigkeit – schnelle Lösungen für das Problem des islamistischen Terrorismus sind jedenfalls nicht in Sicht.

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Bibliografische Angaben

 

Farhad Khosrokhavar

Radikalisierung

Hamburg, CEP Euroäische Verlagsanstalt 2016

 

Peter R. Neumann

Die neuen Dschihadisten: IS, Europa und die nächste Welle des Terrorismus

Berlin, Econ 2015


Weitere Literatur

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zum Thema
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