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Steffen Mau: Sortiermaschinen. Die Neuerfindung der Grenze im 21. Jahrhundert

03.03.2022
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Autorenprofil
Dr. Stefan Wallaschek
München, C.H. Beck 2021

Die Globalisierung habe keine grenzenlose Welt geschaffen, sondern – ganz im Gegenteil – zu einem Wiedererstarken territorialer Grenzen geführt, diagnostiziert der Soziologie Steffen Mau in seinem jüngsten Essay, das Stefan Wallaschek rezensiert hat. Allerdings seien Grenzen weniger absolute Barrieren als vielmehr raffinierte „Sortiermaschinen“, deren Funktion im Separieren und Selektieren der Passierberechtigten liege. Kenntnisreich beschreibt Mau die verschiedenen Grenztypen und -regime sowie ihre Transformation durch Prozesse der Digitalisierung und Exterritorialisierung. (dk)

Eine Rezension von Stefan Wallaschek

In den deutschsprachigen Sozialwissenschaften scheint sich in den vergangenen Jahren ein neuer Typus Publikation herauskristallisiert zu haben: Vornehmlich männliche Professoren wie Stephan Lessenich und Andreas Reckwitz, Wolfgang Streeck oder Philip Manow verfassen zeitdiagnostische Essays, die nicht theoretisch-philosophisch angelegt sind, sondern die empirische Forschung zu einem Thema stark kondensiert auf eine These zuspitzen, um sie einem breiteren, hauptsächlich nicht-akademischen Publikum zugänglich zu machen. Steffen Mau, Professor für Makrosoziologie an der Humboldt-Universität zu Berlin, reiht sich mit seinem Essay über Grenzen im 21. Jahrhundert in diese illustre Runde ein.

Mau schlägt vor, Grenzen als Sortiermaschinen zu interpretieren. Dabei werden sie sehr umfassend als „Prozesse, Technologien und Infrastrukturen [verstanden], mit Hilfe derer Sortiervorgänge durchgesetzt werden und die das Zusammenspiel von Territorialität, Zirkulation und Aufenthalt regulieren“ (19). Die Metapher der Sortiermaschine ist hierfür gut gewählt und wird vom Autor regelmäßig in Bezug zu den verschiedenen Grenzregimen gesetzt, wodurch sie ihre Schlüssigkeit entfaltet. Gerade da der Autor die „Personenmobilität ins Zentrum“ (19) der Analyse stellt und nicht noch versucht, die Metapher auf die Mobilität von Kapital, Gütern oder kulturellen Praktiken auszudehnen, wirkt sie umso einleuchtender.

Der Autor wendet sich gegen die Vorstellung, dass die seit den 1990er-Jahren umfassende Globalisierung in einem sich verselbstständigten, quasi automatischen und überall gleichzeitig und gleichwertig stattfindenden Prozess zu einer grenzenlosen Welt mit dem Staat als Nebendarsteller geführt habe. Dabei greift er auch auf seine langjährige Forschungstätigkeit in den Sonderforschungsbereichen in Bremen und Berlin zur Transformation von Staatlichkeit durch Globalisierungsprozesse und die Rekonfiguration von Räumen zurück. Mau beobachtet stattdessen ein Wiedererstarken der Grenze durch die Globalisierung und diagnostiziert, dass die „Globalisierung selbst ein Treiber von Bordering-Prozessen“ (36) sei. Zudem erfolge eine Vervielfältigung der Grenze in Form und Ausmaß, wodurch die Globalisierung auch als Verschränkung von „Öffnungs- und Schließungsglobalisierung“ (49) beschrieben werden könne: Während sich für einige (wenige) tatsächlich weniger Grenzen zeigten, werden für andere (viele) die Grenzen nur weniger sichtbar, nicht aber weniger unüberwindbar. Damit, so Mau, übe die Sortiermaschine ihre zwei zentralen Funktionen aus: eine Separierungs- und eine Selektionsfunktion (19). Beide seien miteinander verknüpft und ließen sich kaum voneinander getrennt betrachten. Daraus ergebe sich eine Inklusions- und Exklusionslogik, die über den territorialen Nationalstaat hinausgehe, weil Grenzen immer stärker digitalisiert und exterritorialisiert werden. Zudem weist Mau die Annahme zurück, dass liberaldemokratische Staaten weniger Grenzen errichteten. Vielmehr lagerten liberale Demokratien Grenzen aus oder verringerten lediglich ihre Grenzen zu ihren Nachbarn (zum Beispiel im Schengen-Raum der EU) und errichteten gleichzeitig umso stärkere Grenzregime an den neu geschaffenen Außengrenzen (etwa durch die Vorverlagerung europäischer Grenzkontrollen in den Niger).

Die zahlreichen Beispiele und die sehr anschauliche Darstellung zeigen die fortwährende Omnipräsenz der Grenze auf. Zugleich beschreibt Mau detailliert, wie sich die Grenzmaschine verändert hat, indem es zwar weiterhin physische Grenzen im Sinne von Mauern, Grenzzäunen und Schlagbäumen gebe (Kapitel 4). Und er legt dar, wie die Sortiermaschine funktioniere, ohne selbst sichtbar zu werden. Letzteres gelinge ihr insbesondere über ‚smart borders‘, also technologiegestützte digitale Grenzen, die meist geräuschlos signalisierten, ob man eine Grenze passieren dürfe (Kapitel 6).

Mau schafft es gekonnt, die verschiedenen Aspekte, Bereiche und Orte der Grenzen logisch zusammenzufügen und damit ein Panoptikum der Grenze und Grenzforschung darzulegen. Gleichzeitig wird den Leser*innen immer wieder (verstörend) klar aufgezeigt, wie allgegenwärtig Grenzen sind. Zwar seien für Menschen aus Westeuropa und Nordamerika Grenzen teilweise verschwunden, dafür tauchten sie aber an anderer Stelle, beispielsweise in Form von Gesundheitschecks in der Covid-19-Pandemie, wieder auf. Noch verheerender sei, dass für Menschen aus anderen Weltregionen noch viel strikter Grenzen gezogen werden als dies teilweise im 20. Jahrhundert der Fall war. Dieser Befund beschränke sich keineswegs nur auf die medial besonders präsente Fluchtmigration, sondern gelte auch für andere Formen der Migration.

Das von Mau gewählte Format des Essays deuten darauf hin, dass der Schwerpunkt nicht auf Theorie liegt. Höchstwahrscheinlich bleibt auch daher offen, wie sich nun dieses Potpourri an Beobachtungen theoretisch-konzeptionell fassen lässt: Wie kommt es, dass der Staat die Herstellung von Sicherheit, Souveränität und territorialer Hoheit, also sein ‚Kerngeschäft‘, so scheinbar selbstverständlich immer stärker an Sicherheitsfirmen und Digitalisierungsunternehmen abgibt, die für ihn die Kontrolle, Überwachung und Datensammlung eigener und fremder Bürger*innen übernehmen? Wem nutzt diese Sortiermaschinenindustrie und welche Ideen und Diskurse liegen ihr zugrunde? Tritt hier gar eine neue Gouvernementalität zutage, indem die Sortiermaschine das Bentham‘sche Panoptikum – nach Michel Foucault die zentrale Machttechnik zur Überwachung und Disziplinierung moderner Gesellschaften – verwirklicht?

Mau versucht, eine Umkehrung des Globalisierungsmythos darzulegen: Der Staat werde in der Globalisierung nicht schwächer, sondern differenziere seine Kontrollmechanismen aus, um weniger auffällig, aber umso effizienter kontrollieren zu können, wer der „Wandernde [sei], der heute kommt und morgen bleibt“ (Georg Simmel1 1908: 685). Oder wie der Autor selbst in Kapitel 8 zur Exterritorialisierung von Migrationskontrolle schreibt: „Der Staat als Grenzkontrolleur igelt sich nicht ein, sondern streckt sich aus, wird – aus nationalem Interesse – zum globalisierten und in internationale Zusammenhänge eingebetteten Akteur.“ (151)

Nach der Lektüre stellt sich die Frage nach der möglichen Kehrseite der Sortiermaschine: Wenn Grenzen Sortiermaschinen sind, wer bringt sie ins Stocken? Auf welche Weise und warum geschieht dies? Ebenso wie (reibungslose) Grenzkontrollen tagtäglich viele Millionen Male geschehen, so ist auch der irreguläre Grenzüberschritt sicherlich alltäglich (sei er gewollt oder ungewollt). Wird die Grenze nicht erst zur Grenze von Personenmobilität, wenn sie als solche durch soziale Handlungen geschaffen und anerkannt, aber womöglich auch infrage gestellt wird?

Die Kontestation der Sortiermaschine geschieht, wenn Grenzen überschritten werden, ohne von der Sortiermaschine erfasst oder daran gehindert zu werden, sodass die Funktionalität von Apparaten und institutionellen Arrangements vermeintlich umfassender Kontrolle und Steuerung herausgefordert wird. Dies hieße auch, diejenige Personenmobilität in den Blick zu nehmen, die die Sortiermaschine umgehen will und versucht, nach Alternativen und Umwegen zu suchen. In gewisser Weise fordert die Kehrseite der Sortiermaschine heraus, immer ausgefeiltere Technologien und Systeme zu entwickeln, um menschliche Mobilität zu erfassen und zu kontrollieren. Gleichzeitig mögen diese sozialen Handlungen sogar konstitutiv für dieses maschinenhafte Funktionieren und das Apersonelle der Grenze sein, welches aufgrund von Kriterien und Charakteristika Mobilität gewährt oder einschränkt (und weniger aufgrund persönlicher und individueller Entscheidungen). In Maus Essay kommen diese disruptiven, geradezu anarchistischen Elemente menschlicher Mobilität und die Infragestellung der Grenze nur sehr eingeschränkt vor. Womöglich hätten sie eine interessante Kontrastfolie zur eher funktionalistischen Perspektive auf Grenzen als Sortiermaschinen gebildet und dadurch etwas mehr empirische Irritation und begriffliche Herausforderung geschaffen, um über Grenzen in einer zutiefst ungleichen Welt nachzudenken.

Trotz dieser Nachfragen strotzt das Essay von empirischen Einsichten und klugen Beobachtungen zur Transformation von Grenzen. Kenntnisreich beschreibt der Autor die verschiedenen Typen und Funktionen der Sortiermaschine. Damit zeichnet er das Bild einer durch Staaten mitgestalteten Globalisierung, in der es vor allem um Grenzziehung und Grenzkontrolle als um Grenzabbau geht wie von Globalisierungsbefürworter*innen so häufig proklamiert wurde. 


Anmerkung

1 Simmel, Georg (1908): Soziologie. Untersuchungen über die Formen der Vergesellschaftung. 7. Auflage. Leipzig: Verlag von Duncker & Humblot.

 

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