Heiko Beyer

Soziologie des Antiamerikanismus. Zur Theorie und Wirkmächtigkeit spätmodernen Unbehagens

Frankfurt a. M./New York: Campus Verlag 2014 (Campus Forschung 967); 222 S.; 36,90 €; ISBN 978-3-593-50057-7
Soziolog. Diss. Göttingen; Begutachtung: U. Liebe, A. Markovits. – Heiko Beyer widmet seine Dissertation dem für „viele Leser kontraintuitive(n) Phänomen der unumwundenen Amerikafeindschaft“ (15). Nach einer zu lang geratenen Einleitung und einer ebenso langen Geschichte des Antiamerikanismus beginnt ab Seite 51 eine ausführliche, kenntnisreiche, in mancherlei Hinsicht oft redundante Rekonstruktion unterschiedlichster Elemente einer „Theorie des Antiamerikanismus“ (als Rationalisierung sozialen Wandels und als Projektion verleugneter Selbstanteile), wobei Beyer den Zusammenhang mit Antisemitismus und Antikapitalismus en passant in einem Exkurs mit beleuchtet. Dabei wird deutlich, dass er sich für die Philologie antiamerikanischer Argumente und Schriften weniger, für eine kritische Theorie der Post‑, Spät‑ oder beschleunigten Moderne aber umso mehr interessiert. Das führt zu oftmals langatmigen Referaten über Hegel, Marx, Freud und Habermas, die (wenn auch informativ und meist gut geschrieben) für das Thema wenig Neues erbringen. In einem zweiten Hauptteil (ab Seite 137) setzt die Arbeit noch einmal ganz neu an: Anhand einer telefonischen Bevölkerungsumfrage wurden ca. 1.200 Personen in einem etwa dreißigminütigen Interview zu ihren Einstellungen zu den USA und den daraus ableitbaren Handlungsdispositionen befragt. Methodenkritik kann hier nicht geleistet werden. Gemessen an dem theoretischen wie empirischen Aufwand ist das Ergebnis eher bescheiden: Der Antiamerikanismus biete gegenwärtig eine der populärsten Erklärungen für sozialen Wandel und gesellschaftliche Modernisierungsprozesse an und sei (was Einstellung und Handlungsdisposition betreffe) „eine diskriminierende Einstellung, die das Objekt ihres Hasses essenzialistisch abwertet und schlimmstenfalls sogar mit Gewalt bekämpft“ (203 f.). Das bekannte Bild von den Kanonen und den Spatzen ist hier nicht ganz abwegig. Abwegig, um nicht zu sagen ärgerlich ist allerdings das durchgängig veranstaltete Kasperletheater, das um eine „geschlechtergerechte Sprache“ veranstaltet wird. Die vom Autor favorisierte „stochastische Genuswahl“ erleichtert nicht gerade das Lesen und ist in Einzelfällen nachgerade hochkomisch.
Georg Kamphausen (KAM)
Prof. Dr. Historische Soziologie, Kulturwissenschaftliche Fakultät, Universität Bayreuth.
Rubrizierung: 2.352.312.2 Empfohlene Zitierweise: Georg Kamphausen, Rezension zu: Heiko Beyer: Soziologie des Antiamerikanismus. Frankfurt a. M./New York: 2014, in: Portal für Politikwissenschaft, http://pw-portal.de/rezension/37250-soziologie-des-antiamerikanismus_45530, veröffentlicht am 03.07.2014. Buch-Nr.: 45530 Inhaltsverzeichnis Rezension drucken

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