Reinhard Hildebrandt

Staat und Zivilgesellschaft

Frankfurt a. M. u. a.: Peter Lang 2011; 299 S.; geb., 47,80 €; ISBN 978-3-631-61973-5
In einer Mischung aus Essay und Analyse versucht Hildebrandt, sich dem Begriff der Zivilgesellschaft anzunähern, ihr Verhältnis zum Staat einerseits und zu den sie konstituierenden Individuen andererseits auszuloten. Trotz der mittlerweile kaum noch überschaubaren Literatur zu diesen und ähnlichen Fragen ergibt sich die Notwendigkeit einer weiteren Betrachtung aus Sicht des Autors aus dem mangelhaften beziehungsweise unvollendeten Charakter eben dieser Analysen. Diese würden die auch in zivilgesellschaftlichen Zusammenhängen immer wieder beobachtbare Widersprüchlichkeit zwischen selbstgesetzlichem und eigennützigem Verhalten von Individuen nicht zu Ende denken und wichen deshalb letzten Endes und der Einfachheit halber immer wieder auf eine deskriptive und/oder normative Definition von Zivilgesellschaft aus. Genau diesen Konflikt zwischen Kooperation und Eigennutz, zwischen sozialem und egoistischem Verhalten stellt der Autor (unter anderem) in den Mittelpunkt seiner Überlegungen. Die Zivilgesellschaft steht nicht, wie oft behauptet, zwischen Staat, Markt und Familie – sie erwächst im Gegenteil aus all diesen Bereichen, nimmt deren widersprüchliche Handlungslogiken auf und ist in diesem Sinne keine machtneutrale Zone (wie auch oft behauptet), sondern existiert im Umfeld von Hierarchien, gesellschaftlichen Kräfteverhältnissen und hegemonialen Formationen. In diesem Sinne kann die Zivilgesellschaft zunächst auch nicht die erhoffte Alternative zu staatlicher Gesetzgebung bieten, weil sich auch dann immer nur die mächtigsten auf Kosten der schwächsten Interessen durchsetzen würden. Dies zeigt Hildebrandt an den Beispielen der „Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft“ sowie der Auswirkungen der Globalisierung, um darauf aufbauend die „Good Governance“-Debatte zu kritisieren. Aufbauend auf all diesen Überlegungen erfordert eine vitale und demokratische Zivilgesellschaft, dass „Gemeinwohlbelange starker hegemonialer Formationen nicht so behandelt werden, als ob es Pflicht des Staates sei, sie kritiklos umzusetzen“ (282). Die Zivilgesellschaft zu demokratisieren und sie zumindest teilweise unabhängiger von gesellschaftlichen Machtverhältnissen zu machen, bedeutet für den Autor in der logischen Konsequenz deshalb auch, konstruktive Kritik an der gegenwärtigen Form der repräsentativen Demokratie zu üben.
Björn Wagner (BW)
Dipl.-Politologe, Doktorand und Lehrbeauftragter, Universität Jena.
Rubrizierung: 2.2 | 2.331 | 2.32 | 5.42 | 5.41 | 5.33 Empfohlene Zitierweise: Björn Wagner, Rezension zu: Reinhard Hildebrandt: Staat und Zivilgesellschaft Frankfurt a. M. u. a.: 2011, in: Portal für Politikwissenschaft, http://pw-portal.de/rezension/34809-staat-und-zivilgesellschaft_41847, veröffentlicht am 19.07.2012. Buch-Nr.: 41847 Inhaltsverzeichnis Rezension drucken

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