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Michel Dormal

Terror und Politik. Eine politische Analyse des Islamismus aus Sicht einer Kritischen Theorie von Antisemitismus und totaler Herrschaft

Berlin: Lit 2009 (Politische Theorie 10); 191 S.; brosch., 19,90 €; ISBN 978-3-8258-1948-4
Politikwiss. Magisterarbeit Trier. – Dormal verbindet in seiner preisgekrönten Arbeit eine kritische Theorie des Antisemitismus im Anschluss an die „Frankfurter Schule“ und jüngere Antisemitismusforscher wie Lars P. Rensmann mit den totalitarismustheoretischen Ansätzen von Hannah Arendt und Claude Lefort, um auf dieser Grundlage einen Rahmen für die Analyse islamistischer Bewegungen zu gewinnen. Der Theorieentwicklung sind dabei etwa zwei Drittel des Buches gewidmet. Ein zentrales Moment ist die totalitäre Gewalt, in welcher der antipolitische Charakter des Totalitarismus zum Ausdruck komme, so Dormal. Im analytischen Teil konzentriert er sich auf islamistische Strömungen, die er bevorzugt als „dschihadistisch“ charakterisiert. Er durchläuft vier Schritte: Zunächst wird (1) die Genese von Dschihadismus und Judenhass in der islamischen Welt gesondert beschrieben, sodann (2) ihre Konvergenz, sowohl miteinander als auch mit dem europäischen Antisemitismus. Anschließend werden (3) Verschiebungen nachgezeichnet, die mit dem veränderten Referenzrahmen nach 1945 und den Thesen des wichtigsten dschihadistischen Vordenkers, Sayyid Qutb, zusammenhängen. Der letzte Analyseschritt betrifft (4) die Emergenz, indem er die Kristallisationen des Dschihad nach 1967 untersucht. Die Wertung als „totaler Krieg“ ist indes kriegsgeschichtlich und allgemein historisch unzutreffend, da der Dschihadismus nicht in den Bereich der totalen, von oben forcierten und gesteuerten Mobilisierung aller gesellschaftlichen Ressourcen gehört, sondern in den Kontext von Kleinkrieg, Terrorismus und asymmetrischem Konflikt. Den Fluchtpunkt der Studie bildet ein Abschnitt über „Praxis und Ideologie des Selbstmordterrors“, in dem die theoretischen Einsichten über Antisemitismus, Totalitarismus und Gewalt mit der Analyse des Dschihadismus verbunden werden. Leider ist Dormal auf Sekundäranalysen und Übersetzungen aus dem Arabischen angewiesen. Auch macht der allzu selbstbewusste Duktus die Lektüre dieser Magisterarbeit nicht zum Lesevergnügen. Ungeachtet dessen handelt es sich um einen anregenden theoretischen Ansatz.
Gideon Botsch (GB)
Dr., Dipl. Pol., wiss. Mitarbeiter, Moses Mendelssohn Zentrum für europäisch-jüdische Studien Potsdam (http://www.mmz-potsdam.de).
Rubrizierung: 5.43 | 5.42 | 2.25 Empfohlene Zitierweise: Gideon Botsch, Rezension zu: Michel Dormal: Terror und Politik. Berlin: 2009, in: Portal für Politikwissenschaft, http://pw-portal.de/rezension/31808-terror-und-politik_37918, veröffentlicht am 17.02.2010. Buch-Nr.: 37918 Inhaltsverzeichnis Rezension drucken