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Monica Kalt

Tiersmondismus in der Schweiz der 1960er und 1970er Jahre. Von der Barmherzigkeit zur Solidarität

Bern u. a.: Peter Lang 2010 (Social Strategies 45); XV, 570 S.; 75,90 €; ISBN 978-3-0343-0306-4
Geschichtswiss. Diss. Basel; Gutachter: J. Mooser, G. Kreis. – Ende der 60er-, aber vor allem in den 70er-Jahren entwickelte sich in der Schweizer Öffentlichkeit ein großes Interesse an entwicklungspolitischen Fragen. Es entstanden Solidaritätsbewegungen, die als Vorgängerinnen der Antiglobalisierungsbewegung der 90er-Jahre gelten. Mit ihrer Generalforderung nach globaler Gerechtigkeit und Gleichheit knüpften diese, so Kalt, an die Diskurstraditionen des christlichen Humanismus, der Aufklärung und der Arbeiterbewegung an. Diese Bewegungsorganisationen und -gruppierungen verfolgten mehrere miteinander verwobene Anliegen, wie etwa die Erhaltung des Friedens, die Selbstbestimmung der Völker, die Emanzipation der Frauen, ökologische Nachhaltigkeit, Ressourcengerechtigkeit oder die Beachtung der Menschenrechte. Die Aktivisten arbeiteten gemeinsam auf eine individuelle, soziale und wirtschaftliche Erneuerung hin. Verankert waren sie sowohl in der Studentenbewegung als auch in reformkirchlichen Kreisen. Im Bewusstsein, dass die Unterentwicklung des Südens ihr Gegenstück in der Überentwicklung des Nordens hatte, bemühten sich die Aktivisten um Bewusstseinsbildung und Aufklärung der eigenen Gesellschaft. Anhand der Aktionen der Solidaritätsbewegungen zeichnet Kalt eine Diskursgeschichte des deutschschweizerischen „Tiersmondismus“ nach. Sie attestiert den Tiersmondisten politische und symbolische Erfolge. Der Arbeitsgruppe Dritte Welt Bern sei es etwa im Nestlé-Prozess gelungen, den weltweit tätigen Konzern in Argumentationsnöte zu bringen und den entwicklungspolitischen Anliegen breite Resonanz zu verschaffen. Sie haben dazu beigetragen, dass die Stimmen des Südens wahrgenommen, ihre Perspektiven und ihre Vorstellungen als legitim anerkannt wurden. Die zentrale Leistung „tiersmondistischer Bewusstseinsarbeit bestand daher in der Dezentrierung, in der Historisierung sowie Kontextualisierung und Partikularisierung eigener entwicklungspolitischer Sinnkonstruktionen“ (529).
Sabine Steppat (STE)
Dipl.-Politologin, Redakteurin pw-portal.de.
Rubrizierung: 2.5 | 4.44 Empfohlene Zitierweise: Sabine Steppat, Rezension zu: Monica Kalt: Tiersmondismus in der Schweiz der 1960er und 1970er Jahre. Bern u. a.: 2010, in: Portal für Politikwissenschaft, http://pw-portal.de/rezension/32663-tiersmondismus-in-der-schweiz-der-1960er-und-1970er-jahre_38995, veröffentlicht am 22.12.2010. Buch-Nr.: 38995 Inhaltsverzeichnis Rezension drucken