Michael Wolffsohn

Über den Abgrund der Geschichte hinweg. Deutsch-jüdische Blicke auf das 20. Jahrhundert. Hrsg. von Thomas Brechenmacher und Tobias Grill

München: Olzog 2012; 238 S.; hardc., 29,90 €; ISBN 978-3-7892-8339-0
Mit Michael Wolffsohn ist in diesem Jahr einer der profiliertesten und zugleich umstrittensten deutsch-jüdischen Zeithistoriker und Publizisten emeritiert worden. Der zu diesem Anlass von seinen Schülern Brechenmacher und Grill editierte Band versammelt Beiträge aus den Jahren 1977 bis 2000. Sie sind Teilaspekten der deutsch-jüdischen Beziehungen nach der Katastrophe des Holocausts sowie der staatlichen Situation Israels gewidmet. Die Auswahl steht sinnbildlich für Wolffsohns Positionen als „bundesrepublikanischer Patriot“ (10), die bisweilen auf heftige Kritik gestoßen sind. Dazu gehört sein Anschreiben gegen die „unbescheidene, unempirische und selbstgestrickte […] Legende der Achtundsechziger“ (193), wonach diese als erste Nachkriegsdeutsche für die „Bewältigung“ der NS-Vergangenheit verantwortlich zeichneten. Wolffsohn konstatiert in einem Beitrag aus dem Jahr 1998 bereits für die Zeit zwischen 1955 und 1965 entscheidende Entwicklungen in dieser Hinsicht, etwa einen starken Rückgang von Negativeinstellungen gegenüber jüdischen Mitbürgern. Auch die deutsche Schuldhaftigkeit am Zweiten Weltkrieg sei bereits vor ‘68 in wachsendem Maße anerkannt worden. In einem 1997 erschienenen allgemeineren Artikel zum Thema Vergangenheitsbewältigung befasst Wolffsohn sich u. a. mit der Erinnerung an das „millionenfache individuelle Leid von Deutschen“ und schreibt: „Verbrechen von Deutschen waren kein Freibrief für Verbrechen an Deutschen“. Auch dies stellt eine nach wie vor umstrittene Position dar, v. a. wenn es in Bezug auf die jüngere Generation weiter heißt: „Heutzutage gegen unseren dezidiert nichtfaschistischen Staat ,antifaschistischen Widerstand‘ zu leisten ist einfach absurd und eine Verhöhnung der damaligen Opfer.“ (177) Ein Beitrag von 1990 ist Wolffsohns Eintreten für eine palästinensisch-jordanische Föderation als möglicher Lösung für den Nahost-Konflikt gewidmet. Erst im vergangenen Jahr hat Wolffsohn diesen Vorschlag erneuert, was für die Aktualität der Wiederveröffentlichung der Texte spricht. Überhaupt versammelt das Buch zahlreiche wichtige Befunde, die in Erinnerung zu rufen es sich lohnt.
Martin Munke (MUN)
M. A., Europawissenschaftler (Historiker), wiss. Hilfskraft, Institut für Europäische Studien / Institut für Europäische Geschichte, Technische Universität Chemnitz.
Rubrizierung: 2.35 | 2.31 | 2.63 Empfohlene Zitierweise: Martin Munke, Rezension zu: Michael Wolffsohn: Über den Abgrund der Geschichte hinweg. München: 2012, in: Portal für Politikwissenschaft, http://pw-portal.de/rezension/14518-ueber-den-abgrund-der-geschichte-hinweg_42516, veröffentlicht am 18.10.2012. Buch-Nr.: 42516 Inhaltsverzeichnis Rezension drucken

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