Heinz Mohnhaupt / Dieter Grimm

Verfassung. Zur Geschichte des Begriffs von der Antike bis zur Gegenwart

Berlin: Duncker & Humblot 1995 (Schriften zur Verfassungsgeschichte 47); IX, 144 S.; 98,- DM; ISBN 3-428-08311-3
In zwei Studien, die ursprünglich für das von Otto Brunner, Werner Conze und Reinhart Koselleck herausgegebene "Historische Lexikon zur politisch-sozialen Sprache in Deutschland" ("Geschichtliche Grundbegriffe") geschrieben wurden, verfolgen die Autoren die geschichtliche Entwicklung des Begriffs "Verfassung". Während der Artikel "Verfassung II" von Grimm im Vergleich zu seiner Aufnahme in den "Geschichtlichen Grundbegriffen" nahezu unverändert abgedruckt wurde, ist der im Lexikon um die Hälfte gekürzte Beitrag von Mohnhaupt hier in voller Länge veröffentlicht. In diesem ersten, gut zwei Drittel des Bandes umfassenden Teil "Verfassung I" analysiert der Autor die Entstehung und den Bedeutungswandel von der Antike bis in die Epoche der Aufklärung. Einer kurzen Betrachtung der griechischen und der römischen Staatsphilosophie, deren Ideen und Termini prägend für die weitere Entwicklung waren, folgt die detaillierte und auf umfangreiches Quellenmaterial gestützte Analyse der Entstehung der Begriffe "Konstitution", "Status", "Lex fundamentalis", "Grundgesetz" und "Verfassung" im Mittelalter und in der frühen Neuzeit. Zur Verdeutlichung des Wandels in den Begriffsinhalten greift der Autor nicht nur auf zahlreiche herrscherliche Verordnungen, Verträge von Ständen und Städten mit ihren fürstlichen Obrigkeiten, politische, staatsrechtliche und literarische Texte sowie Wörterbücher zurück, sondern er zieht auch medizinische Texte heran, die den metaphorischen Gehalt der Begriffe erhellen. Abgerundet wird die Studie, in deren Mittelpunkt der deutsche Sprachraum steht, durch kontrastierende Bezugnah­men auf Entwicklungen in England und Frankreich. Der Artikel "Verfassung II" von Grimm umspannt die Zeit von der Aufklärung, in der er sich mit dem ersten Teil überschneidet, bis zur Gegenwart. Ausgehend vom Beginn des Konstitutionalismus in England, Nordamerika und Frankreich wird gezeigt, wie der ältere Bedeutungsgehalt von Verfassung bzw. Konstitution als "Erfahrungsbegriff, der den politischen Zustand eines Staates umfassend wiedergibt" (100), auch in Deutschland immer mehr auf einen juristischen Kern verengt wird. Daß dieses moderne Verständnis nie zur vollen Durchsetzung gelangt ist, wird durch die Darstellung der Fortführung älterer und der Entstehung neuer Verfassungstheorien, die zum Ende der Weimarer Republik und mit Beginn der nationalsozialistischen Diktatur zur Auflösung des normativen Verfassungsbegriffs führten, verdeutlicht.
Wolfgang Wagner (WW)
Diplom-Kaufmann, Dr. rer. pol., Politologe, Gütersloh.
Rubrizierung: 2.21 | 5.3 Empfohlene Zitierweise: Wolfgang Wagner, Rezension zu: Heinz Mohnhaupt / Dieter Grimm: Verfassung. Berlin: 1995, in: Portal für Politikwissenschaft, http://pw-portal.de/rezension/1390-verfassung_1564, veröffentlicht am 25.06.2007. Buch-Nr.: 1564 Rezension drucken

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