Jürgen Wahl

Von Mazowiecki zu Tusk. Solidarität europäischer Christdemokraten mit Polen

Bonn: Bouvier Verlag 2011; 232 S.; 22,- €; ISBN 978-3-416-03323-7
In einem Potpourri aus Erinnerungen, Quellenauszügen, Kurzbiografien und Interviews schildert der Publizist Jürgen Wahl die Bemühungen westeuropäischer Christdemokraten um Verständigung mit Vertretern polnischer konservativer Parteien seit Ende des Zweiten Weltkriegs. Besonders ausführlich erzählt er dabei von der schwierigen Partnersuche im organisatorisch instabilen (Post‑)Solidarność‑Lager zwischen 1980 und 1999. Ehe die Bürgerplattform (PO) und die Bauernpartei (PSL) eine institutionalisierte Kooperation mit der Europäischen Volkspartei (EVP) entwickelten, musste der Westen zunächst irritiert erkennen, dass der katholische Glaube polnische Politiker nicht zwangsläufig zur EVP führte. So berichtet Wahl über Fehleinschätzungen und Enttäuschungen der europäischen Christdemokratie im Nach‑Wende‑Polen: Zu lange und im Endeffekt ohne Ergebnis strebte sie etwa ein Bündnis mit Tadeusz Mazowiecki und Bronisław Geremek an, den angesehenen, aber basisfernen und strategielosen Vertretern des liberalen Parteienspektrums. Eine im Rahmen der Zentrumsallianz (PC) erhoffte stabile christliche Sammlungsbewegung scheiterte nicht zuletzt am Führungsstil des als verschlagen und skrupellos charakterisierten Jarosław Kaczy ński. CDU‑Mitglied Wahl war Vorsitzender des Arbeitskreises für Ostfragen im Zentralkomitee der deutschen Katholiken sowie deutscher Sprecher der EVP‑Fraktion im EU‑Parlament und deutet den Brückenbau nach Osten ausdrücklich als christdemokratische Heldengeschichte, die oft geflissentlich übersehen und zum Teil medial gar verfälscht werde. Davon zeugen neben breiten Ausführungen zum Dialogbeitrag der konservativen Robert‑Schuman‑Stiftung auch seine zahlreichen Bemerkungen über die angeblich unkritisch umjubelte, de facto seiner Meinung nach jedoch untätige Sozialdemokratie. Vor allem in der Darstellung persönlicher Begegnungen gewährt Wahl spannende Einblicke „hinter die Kulissen“. Jedoch schränken der unsystematische Aufbau, die fehlenden Quellenangaben und das nachlässige Lektorat die Lesefreude am Buch erheblich ein.
Andrea Priebe (AP)
M. A., Politikwissenschaftlerin, Institut für Politikwissenschaft, Universität Jena.
Rubrizierung: 2.61 | 3.1 | 3.4 | 2.22 | 2.23 Empfohlene Zitierweise: Andrea Priebe, Rezension zu: Jürgen Wahl: Von Mazowiecki zu Tusk. Bonn: 2011, in: Portal für Politikwissenschaft, http://pw-portal.de/rezension/33579-von-mazowiecki-zu-tusk_40189, veröffentlicht am 05.06.2013. Buch-Nr.: 40189 Inhaltsverzeichnis Rezension drucken

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