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Walter Laqueur: Putinismus. Wohin treibt Russland?

09.09.2022
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Autorenprofil
Vincent Wolff, M.P.P.
Aus dem Englischen übersetzt von K.-D. Schmidt.
München, Propyläen 2022

Walter Laqueur trägt mit seiner bereits 2015 erschienenen Analyse „Putinismus. Wohin treibt Russland?“, 2022 mit Vorwort von Karl Schlögel neu verlegt, posthum zum Behaviorismus des darauf beruhenden Herrschaftssystems bei. Fokussiert werden hierzu innere Faktoren, wie Historie, Ideolog(i)en und nicht zuletzt Profiteure: Geheimdienstler, Oligarchen, die russisch-orthodoxe Kirche und Militärs. All dies charakterisiere, so unser Rezensent Vincent Wolff, ein rational agierendes Regime, das als Nachfolger des zerfallenen Sowjetimperiums Rohstoffe, die Russian Angst sowie westliche Hoffnungen zu nutzen wisse. (tt)

Eine Rezension von Vincent Wolff

„Der Putinismus, wie man das heutige Herrschaftssystem auf den Begriff bringen könnte, basiert auf einem autoritären Regime, das die Interessen verschiedener Gruppen der russischen Gesellschaft berücksichtigt“ (74), so fasst es Walter Laqueur zusammen. Diese Gruppen seien bestimmte Oligarchen, die russisch-orthodoxe Kirche und die sogenannten „Silowiki“, also führende Vertreter*innen der Geheimdienste und des Militärs. Der Erfolg Putins fuße dabei vor allem auf dem wirtschaftlichen Fortschritt durch gestiegene Rohstoffpreise und sei durch die chaotischen Zustände nach dem Zerfall der Sowjetunion, die das Etablieren einer starken Staatsmacht ermöglichte, begünstigt worden.

Laqueur möchte zeigen, dass nicht externe, sondern Russland-interne Faktoren für die innere Verfasstheit und die Außenpolitik verantwortlich seien – nicht immer linear oder monokausal, doch aber eben führend. Der Fokus liegt dabei auf den Ereignissen seit dem Niedergang der Sowjetunion, vor allem in der Ära Jelzin und Putin.

Das Buch wurde vor fast zehn Jahren verfasst – ist aber keinen Tag gealtert. Durch ein Vorwort von Karl Schlögel ergänzt, wird der zeitlose Charakter unterstrichen. Schlögel erkennt an, dass Laqueur bereits frühzeitig gesehen habe, „was die meisten noch nicht gesehen hatten oder wollten“ (10).

Ausführlich befasst sich Laqueur mit der Rezeption von Putin und der politisch forcierten Personalisierung, die so weit führe, dass heute mehr Russ*innen an Putin als an Jesus glaubten. Dabei sei die Rolle des KGB entscheidend, zahlreiche Vertreter*innen der Behörde seien in den Jahren nach der Sowjetunion in führende Positionen des Staates gewechselt. Dies sei einmalig, in keinem anderen Land habe die politische Polizei jemals das Kommando gehabt: „Die Mitarbeiter der Staatssicherheitsdienste wurden zum neuen Adel Russlands erhoben“ (73).

Doch wo finden sich die ideologischen Grundlagen des Regimes? Das Problem der Analyse: „Muss man Äußerungen, die nicht nur exzentrisch, sondern in jeder Hinsicht unglaublich sind, beim Wort nehmen?“ (22) Die ideologischen Grundlagen des Putinismus fußten auf Verschwörungsmythen, Nationalismus und Autoritarismus. Führende Vordenker und einflussreiche Berater (alles Männer) würden randständigen Theorien über Geopolitik und Antisemitismus anhängen – so sei die orthodoxe Kirche Russlands einer der Hauptverbreiter der antisemitischen ‚Protokolle der Weisen von Zion‘. Der Konfabulation käme eine zentrale Rolle zu.

Dabei ist es nicht nur Alexander Dugin, der unsere Aufmerksamkeit verdiene, sondern vor allem Iwan Iljin. Putin habe mehrfach dessen Bücher empfohlen, habe ihn in Reden zur Lage der Nation zitiert und an seinem Grab Blumen niedergelegt. Iljin präsentiere eine passende Doktrin für den Putinismus. Putins Anhänger glaubten „den Propheten gefunden zu haben, von dem sie ihre neue Ideologie entlehnen können“ (168). Iljin sei in den 1920er- und 1930er-Jahren ein russischer Sympathisant des Nationalsozialismus gewesen, der eine Rückkehr zur Religiosität einforderte und für das Führerprinzip eintrat. Sein russischer Nationalismus könne heute als Schablone für eine Putin-Ideologie dienen.

Laqueur will aufklären und bringt ein normatives Element mit. Es geht dem Autor darum, mit Mythen aufzuräumen und der Verklärung Russlands entgegenzuwirken: „Ich finde es merkwürdig und sogar aberwitzig, dass die Linke außerhalb Russlands […] Russland weiterhin für ein irgendwie linkes Land hält“ (11).

Der Autor kommt wiederholt auf die Bedeutung der wirtschaftlichen Faktoren zu sprechen. So sei der Einbruch bei den Rohstoffpreisen ein Brandbeschleuniger für den Niedergang der Sowjetunion gewesen; andernfalls hätte sich das System noch zwei Jahrzehnte gehalten. Aus dieser Abhängigkeit habe sich das Land nicht befreit, im Gegenteil: „Der Anteil von Erdöl und Erdgas am Nationaleinkommen ist in den letzten hundert Jahren von 7 auf 50 % gestiegen. Diese beiden Rohstoffe sind Russlands einzige bedeutende außenpolitische Waffe“ (250). Es sind fast hellseherische Worte in der gegenwärtigen Debatte.

Dabei habe Russland immer starke außenpolitische Ambitionen gehabt, das habe den Staatshaushalt aber seit jeher belastet. Russland trage heute zwei Drittel des tadschikischen Haushaltes, vermutlich sehe es auf der annektierten Krim nicht anders aus. Auch Armenien und Kirgistan habe Russland substanzielle Mittel zukommen lassen. Bereits vor der Annexion der Krim hätten sich diese ‚Reichskosten‘ auf sechs Prozent des russischen Haushaltes belaufen, Tendenz steigend. Auf diese Weise werde versucht, innenpolitische Konflikte zu kitten. „Aber es ist mehr als zweifelhaft, dass dieser psychologische Faktor auf lange Sicht ebenso wichtig sein wird, wie er es in der jüngsten Vergangenheit gewesen ist“ (280).

Laqueur hat eine klare Botschaft an den Westen: Verringert eure Energie-Abhängigkeit von Putin. Diese Botschaft hat nach knapp zehn Jahren einen gewissen Nachklang – der Autor selbst rechnete schon damals nicht damit, dass dies passieren werde. Zudem hält Laqueur eine demokratische Entwicklung für unwahrscheinlich, im Gegenteil sogar: „Das Gefühl, in einer belagerten Festung zu leben, ist in Russland tief verwurzelt und reicht weit in die Geschichte zurück“ (313). Solange sich dies nicht ändere, sei eine politische Öffnung auch nicht vorstellbar. Vielen Russ*innen sei eine Diktatur lieber als chaotische Zustände: „Solange die Hälfte der Menschen an die Größe und Güte Stalins glaubt, kann man nichts anderes erwarten“ (312).

Das Werk hat fast prophetischen Charakter, auch wenn der rote Faden unterwegs wiederholt verlorengeht. Im Kern kristallisiert sich jedoch eine Tendenz heraus: Russland hat irrationale Ziele, handelt aber rational, um diese zu erreichen. Nur so lässt sich das Verhalten des Putin-Regimes erklären. Laqueur zeigt dies anschaulich und kurzweilig auf, und trägt damit posthum (er verstarb bereits 2018) zur Erkenntnis über die gegenwärtige Lage bei. Laqueur fehlt, aber mit diesem Werk hat er noch einmal seine große Bedeutung für die sozialwissenschaftliche Forschung unter Beweis gestellt. Das Buch ist ein wertvolles Erbe an die Allgemeinheit.

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