Erik S. Reinert

Warum manche Länder reich und andere arm sind. Wie der Westen seine Geschichte ignoriert und deshalb seine Wirtschaftsmacht verliert. Übersetzt von Nina Sattler-Hovdar

Stuttgart: Schäffer-Poeschel 2014; XV, 239 S.; kart., 24,95 €; ISBN 978-3-7910-3184-2
Das bereits 2007 erstmalig erschienene, nun auch in deutscher Übersetzung vorliegende und aktualisierte Buch ist schwer zu fassen – vor allem, weil hier einerseits, wie auch bei so vielen anderen Büchern dieser Art, Kollektivakteure in Stellung gebracht werden: der Westen verliert, der Osten steigt ökonomisch auf etc. Andererseits finden sich zahlreiche wirtschaftstheoretische und ideengeschichtliche Analysen, die pointiert geschrieben sind, mitunter aber nicht – dem Platz geschuldet – in der nötigen Breite ausgeführt werden können. Dabei ist die Frage, um die es Erik S. Reinert geht, doch von grundlegendem Interesse. Der Wirtschaftswissenschaftler thematisiert jene „Kluft zwischen Theorie und Wirklichkeit“ (2) in den zeitgenössischen Wirtschaftstheorien – allen voran den liberalen –, die sie blind mache für das Thema Armut: „Das ökonomische Paradigma von heute versteht die Armut nicht, da es nicht in der Lage ist, ein qualitatives Verständnis für Verschiedenartigkeit einzubringen. Es ist auch schwierig, aus diesem Paradigma auszubrechen.“ (11) Hierfür nennt Reinert die folgenden zwei Ursachen, die beide zusammen die „Kastration des Intellekts“ (224) durch die heutige Ökonomik ermöglicht haben: Einerseits wurde von falschen theoretischen Prämissen ausgegangen, allen voran der Wirtschaftstheorie David Ricardos, die zu sehr auf den Handel fokussiert gewesen sei, dabei aber die menschlichen – sozialen, psychologischen etc. – Faktoren des Wirtschaftens unterbelichtet gelassen habe. Andererseits sei eine „fehlerhafte Geschichtsschreibung“ erfolgt, die bis in die Gegenwart hinein noch immer davon überzeugt sei, die wirtschaftliche Entwicklung im 19. Jahrhundert sei primär durch Freihandel ermöglicht worden: „Mehr irren kann man nicht.“ (222) Betrachtet man wie Reinert dann auch die EU als ein Projekt, das genau auf diesen beiden Fehlern basiert, dann verwundert seine Ablehnung gegenüber dieser Form der politischen Vergemeinschaftung kaum. Sie ist jedoch, da ist er sich sicher, keineswegs alternativlos: Soziale Reformen im Sinne der von Bruno Hildebrand maßgeblich beeinflussten Arbeiten des Vereins für Socialpolitik könnten den gegenwärtigen Kapitalismus dahingehend zivilisieren, dass ein umfassender, nach Möglichkeit europäischer Wohlfahrtsstaat geschaffen werde. „Meines Erachtens ist es diese Tradition, die in einem neuen Kontext wieder zum Leben erweckt werden sollte.“ (227) Das wäre dann immerhin ein wenig Hoffnung angesichts der sich in den vergangenen Jahren und Jahrzehnten beständig verschärfenden Armutsproblematik – nicht nur in Europa.
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Rubrizierung: 2.22.34.434.445.45 Empfohlene Zitierweise: Matthias Lemke, Rezension zu: Erik S. Reinert: Warum manche Länder reich und andere arm sind. Stuttgart: 2014, in: Portal für Politikwissenschaft, http://pw-portal.de/rezension/38169-warum-manche-laender-reich-und-andere-arm-sind_46521, veröffentlicht am 12.03.2015. Buch-Nr.: 46521 Inhaltsverzeichnis Rezension drucken

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