Gerd Koenen

Was war der Kommunismus?

Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht 2010 (FRIAS Rote Reihe 2); 143 S.; kart., 12,90 €; ISBN 978-3-525-32301-4
Katalysiert durch die politischen und gesellschaftlichen Verwerfungen in der Zeit des Ersten Weltkrieges sollte der von radikalen Splittergruppen getragene Kommunismus zu einer geschichtsmächtigen Kraft werden, die dem 20. Jahrhundert ihren Stempel aufdrücken sollte. Und ausgerechnet im rückständigen Russland bot sich ihnen die lang ersehnte Gelegenheit, der Theorie die Praxis folgen zu lassen. Was aber war der Kommunismus und lässt er sich angesichts der Unterschiede und der Vielgestaltigkeit der nationalen Bewegungen überhaupt als Singular definieren? Der Autor antwortet mit Ja und benennt dafür zwei Gründe: Zum einen handelte es sich bei den kommunistischen Parteien tatsächlich um Parteien neuen Typs, die dem Ganzen einen systemischen Charakter gaben, der sich von dem der faschistischen oder der liberalen Sammlungsorganisationen unterschied. Zum anderen gab es eine bestimmte Folge von Ereignissen, die sich am Ende zu einem historischen Gesamtzyklus zusammenfügten. Koenen spricht vom Kommunismus nicht im Sinne eines gesellschaftlichen Endzustandes, sondern von einer Bewegung, die mit dem Anspruch angetreten war, die Welt zu verändern. Die ideengeschichtliche Herleitung der Theorie fällt daher eher knapp aus. In kurzen Abschnitten, die sich unter anderem mit dem Phänomen des Kommunismus, mit der Machtergreifung der Bolschewiki, der Entwicklung vom russischen zum „Weltbolschewismus“, mit der Internationalen, der politischen Ökonomie, dem Terror der Stalin-Ära, mit Maos China und der Auflösung des sozialistischen Lagers befassen, versucht der Autor eher die praktische Seite der Theorie darzustellen. Koenen kann die Frage nach dem, was der Kommunismus war, aufgrund des Bibliotheken füllenden Stoffs zwar nicht abschließend beantworten. Im Nachwort der argumentativ teils recht zugespitzten, stilistisch jedoch brillant verfassten Schrift wird aber bereits verkündet, dass dieser Essay nur ein „erster tastender Schritt“ (129) auf einem Weg sei, an dessen Ende ein sehr viel umfassenderes Buch stehen soll. Man darf gespannt sein.
Michael Vollmer (MV)
M. A., Politikwissenschaftler, wiss. Mitarbeiter, Professur für Politische Theorie und Ideengeschichte, TU Chemnitz.
Rubrizierung: 2.1 | 2.25 | 2.62 Empfohlene Zitierweise: Michael Vollmer, Rezension zu: Gerd Koenen: Was war der Kommunismus? Göttingen: 2010, in: Portal für Politikwissenschaft, http://pw-portal.de/rezension/31659-was-war-der-kommunismus_37724, veröffentlicht am 27.05.2010. Buch-Nr.: 37724 Rezension drucken

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