Manfred Bissinger / Wolfgang Thierse (Hrsg.)

Was würde Bebel dazu sagen? Zur aktuellen Lage der Sozialdemokratie

Göttingen: Steidl 2013; 493 S.; 24,- €; ISBN 978-3-86930-670-4
In den Händen hält man zunächst ein schön ausgestattetes Buch in sattem Rot aus dem für diese Qualitäten berühmten Steidl‑Verlag. Spontan drängt sich der Gedanke auf, dass man gar nicht wusste, dass sich die Sozialdemokratie in einem derart guten Zustand befindet. Der Titel – „Was würde Bebel dazu sagen“ – verweist zudem auf eine historische Kontinuität und damit die Möglichkeit einer entsprechenden Selbstvergewisserung, konnte die SPD doch gerade ihr 150. Jubiläum feiern und Bebels 100. Todestag (2013) begehen. Mit August Bebel kann sich die deutsche Sozialdemokratie auf einen Urvater berufen, der so ziemlich alles richtig gemacht hat: die Arbeiterbewegung geeint und an den Erfordernissen der praktischen Politik ausgerichtet, für die Gleichberechtigung der Frauen sowie gegen den Antisemitismus gestritten – und vor Ausbruch des Ersten Weltkrieges verstorben und damit nicht in die Debatte um Kriegsanleihen und ‑beteiligung verwickelt. Die 37 Autorinnen und Autoren ziehen in ihren Beiträgen, die verschiedenen Themenbereichen (etwa Arbeiterbewegung, Religion, Europa oder Energiefrage) zugeordnet sind, immer wieder die langen Linien von der Vergangenheit und versuchen, diese in die Zukunft fortzuschreiben. Die Spannweite der Beiträge von allgemein‑unverbindlich bis zu konkret‑kritisch lässt sich allein schon an den Artikeln des SPD‑Vorsitzenden Sigmar Gabriel und des Juso‑Bundesvorsitzenden Sascha Vogt ablesen. Gabriel will die Partei als reformfähige Kraft positionieren, die zwar die Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer nicht aus den Augen verliert, aber doch vor allem für die ganze Gesellschaft wirken will; Vogt fragt angesichts der SPD‑Politik seit Schröder, wie vor dem Hintergrund von Steuersenkungen für Wohlhabende, einer faktischen Rentenkürzung durch die Rente mit 67 und der systematischen Schwächung der Gewerkschaften überhaupt auch nur die „mittelfristige Zielorientierung“ (126) der SPD aussehen könnte. Schlagworte wie „Freiheit, Gerechtigkeit und Solidarität“ (Gabriel, 107) oder neuerdings auch „Partizipation“ (109) allein sind so gesehen also noch kein Programm. Vogt zitiert deshalb mahnend Bebel: „‚Sobald die Prinzipienfrage bei unserer praktischen Tätigkeit in den Hintergrund tritt […] vielleicht geradezu verleugnet wird, verläßt die Partei den festen Boden, auf dem sie steht und wird eine Fahne, die sich dreht wie der Wind weht.‘“ (116)
Natalie Wohlleben (NW)
Dipl.-Politologin, Redakteurin pw-portal.de.
Rubrizierung: 2.331 | 2.343 | 2.35 | 2.36 | 2.342 Empfohlene Zitierweise: Natalie Wohlleben, Rezension zu: Manfred Bissinger / Wolfgang Thierse (Hrsg.): Was würde Bebel dazu sagen? Göttingen: 2013, in: Portal für Politikwissenschaft, http://pw-portal.de/rezension/36957-was-wuerde-bebel-dazu-sagen_45082, veröffentlicht am 10.04.2014. Buch-Nr.: 45082 Inhaltsverzeichnis Rezension drucken

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