Ole Reissmann / Christian Stöcker / Konrad Lischka

We are Anonymous. Die Maske des Protests. Wer sie sind, was sie antreibt, was sie wollen

München: Goldmann 2012; 255 S.; 8,99 €; ISBN 978-3-442-10240-2
Drei Journalisten von Spiegel-Online versuchen, Anonymous zu charakterisieren. Ein Vergleich dieser „Web-Guerilla“ (10) mit der Umweltbewegung legt die zentrale Schwierigkeit offen: Hinter dem Label verbergen sich unterschiedliche, kaum institutionalisierte Gruppierungen. Als ganz guten Ausgangspunkt ihrer Betrachtung wählen die Autoren daher 4chan, ein amerikanisches Onlineforum, „eine Brutstätte für […] ansteckende[.] Ideen, aber auch ein abgründiger Ort, an dem Scheußlichkeiten, rassistische und sexistische Tiraden und Bilder weit jenseits der Grenzen des guten Geschmacks veröffentlicht werden“ (18). Dort haben kulturelle Codierung, Handlungsmaximen und viele anarchisch anmutende Aktionen ihren Ursprung. Die Motivation ist eine Mischung aus Spaß an der Provokation, kollektiver Rache und eher zufälliger strategischer Entscheidung, wo, wann und gegen wen losgeschlagen wird. Den Schritt von der latent zynischen Spaßguerilla zur politischen Bewegung überwand Anonymous beim Protest gegen Scientology sichtbar, wobei weiterhin galt: „der Protest sollte Spaß machen, die Aktivisten aus dem Internet wollten sich selbst nicht besonders ernst nehmen“ (67). In diesem Zusammenhang tauchte als Symbol auch die Maske von Guy Fawkes auf, auf deren Bedeutung mit einer gewissen Redundanz eingegangen wird. Ausgehend von der Resonanz auf die Aktionen verbreiterte sich die Basis von Anonymous, die Bewegung differenzierte sich aus. Gleichzeitig erreichte Anonymous zusätzliche Aufmerksamkeit, spätestens als im Zuge der Aktion Payback der Schwarm im Internet sich für die Beschneidung von Wikileaks an Kreditkartenfirmen zu rächen begann. Teile von Anonymous bekamen dadurch immer schärfere politische Konturen, ohne dass damit ein konzises Programm verbunden gewesen und ohne dass es deswegen zu einer Institutionalisierung gekommen wäre. Bei Anonymous handele es sich nach wie vor um „keine homogene Organisation“, die „aus vielen verschiedenen mehr oder weniger losen Gruppen, Initiativen und Einzelpersonen besteht“ (184). Nachdem deren Aktionismus sich aber auch im arabischen Frühling, bei Occupy Wallstreet und im mexikanischen Drogenkrieg niedergeschlagen hat, sind sich die Autoren jedenfalls sicher, dass die „Idee einer amorphen, gesichtslosen Bewegung von Informations-Anarchisten, der mit herkömmlichen Mitteln der Strafverfolgung nur schwer beizukommen ist, […] kaum mehr wegzukriegen sein“ (243) wird.
Stephan Klecha (SKL)
Dr., wiss. Mitarbeiter, Institut für Demokratieforschung der Universität Göttingen.
Rubrizierung: 2.22 Empfohlene Zitierweise: Stephan Klecha, Rezension zu: Ole Reissmann / Christian Stöcker / Konrad Lischka: We are Anonymous. München: 2012, in: Portal für Politikwissenschaft, http://pw-portal.de/rezension/14898-we-are-anonymous_42041, veröffentlicht am 12.04.2012. Buch-Nr.: 42041 Inhaltsverzeichnis Rezension drucken

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