David Priestland

Weltgeschichte des Kommunismus. Von der Französischen Revolution bis heute. Aus dem Englischen von Klaus-Dieter Schmidt

Berlin: Siedler Verlag 2009; 784 S.; 32,- €; ISBN 978-3-88680-708-6
Warum konnte der Kommunismus – diese von Zwang und Gewalt geprägte Variante der Modernisierung – über einen so langen Zeitraum und rund um den Globus so viele Menschen in seinen Bann ziehen? Was ist sein Wesen? Der britische Historiker Priestland geht diesem Faszinosum vor allem in der geistigen Welt nach, ideengeschichtlich sowie in Literatur und Film. Dies geschieht allerdings immer im Abgleich mit dem Geschehenen, sodass sich der utopische, unerreichbare Charakter der kommunistischen Idee enthüllt. Den Beginn der Geschichte des Kommunismus setzt Priestland mit der Französischen Revolution an, mit der sowohl die unsterblichen Ideen von Freiheit und Gleichheit verbunden sind als auch die Gewaltherrschaft der Jakobiner. Marx schreibt er die originäre Leistung zu, die französische revolutionäre Tradition umgeformt zu haben, an die Seite der politischen Gleichheit stellte er die wirtschaftliche und erkannte die Bedeutung der Naturwissenschaften und der modernen Ökonomie. Aber „Marx irrte sich mit seiner Annahme, ökonomische Ungleichheiten würden zwangsläufig zu einer Revolution führen“ (22). Und Lenin merkte bald nach seinem Machtantritt, „wie viel Wunschdenken 1917 im Spiel gewesen war“ – „die radikale Gleichheitsforderung der einfachen Menschen [ließ sich] nicht mit dem Aufbau eines funktionstüchtigen Staates vereinbaren“ (97). Aufschlussreich ist die Feststellung Priestlands, dass der Nationalismus für die Durchsetzung und Etablierung der Regime eine ausschlaggebende Bedeutung hatte – nicht nur in Russland, sondern auch beispielsweise in China, wo Mao noch den Konfuzianismus hinzugefügt habe, oder in Nordkorea, wo bis heute „eine Spielart des Kommunismus mit starken lokalen Wurzeln“ (371) herrsche. Eine radikale, romantische Mobilisierung sei aber auf Dauer im größten Teil des Ostblocks nicht möglich gewesen, schon in der Phase des Hochstalinismus seien die Regime, die ihre alten Versprechen nicht hätten halten können, Kompromisse mit breiteren Bevölkerungsschichten eingegangen – verbunden mit einem neuen und, wie sich zeigte, ebenfalls unerfüllbaren Versprechen: dem nach mehr Konsum.
Natalie Wohlleben (NW)
Dipl.-Politologin, Redakteurin pw-portal.de.
Rubrizierung: 2.1 | 2.22 | 2.25 | 5.43 Empfohlene Zitierweise: Natalie Wohlleben, Rezension zu: David Priestland: Weltgeschichte des Kommunismus. Berlin: 2009, in: Portal für Politikwissenschaft, http://pw-portal.de/rezension/31471-weltgeschichte-des-kommunismus_37463, veröffentlicht am 28.01.2010. Buch-Nr.: 37463 Inhaltsverzeichnis Rezension drucken

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