Andreas Anter (Hrsg.)

Wilhelm Hennis' Politische Wissenschaft. Fragestellungen und Diagnosen

Tübingen: Mohr Siebeck 2013; XIII, 369 S.; brosch., 59,- €; ISBN 978-3-16-152235-2
Sorgenfalten als Markenzeichen – Wilhelm Hennis erspähte in der „deutschen Unruhe“ (so der Titel seiner Studie zur Hochschulpolitik von 1969) fortwährendes Abenteurertum; das politische Zusammenleben brauche hingegen Maß und Zurückhaltung. Der gut lesbare und ästhetisch angenehm unzeitgemäße Band versammelt – als Hommage zum 90. Geburtstag avisiert – zum Totengedenken Beiträge über Hennis’ stets knappe Diagnosen zur Verfassung, zum Regieren, zur Arbeit des Bundestages, Kritiken zum Parteienstaat und zur Hochschulpolitik, Gedanken über die Max‑Weber‑Rezeption und Hennis’ internationale Wirksamkeit. Ideen zur Politikwissenschaft im aristotelischen Sinn fasst Graf Kielmansegg – in Anlehnung an Schiller – unter dem Titel „Was heißt und zu welchem Ende treibt man Politikwissenschaft?“ so zusammen: Zweck politischen Handelns bleibe die „gute Ordnung“ (10). Dies zu erkennen und zu verbreiten, ist Politologen aufgegeben. Sie sollen die Einengung des Einzelnen durch den Staat brandmarken, im Zweifel den Bundeskanzler in die Schranken weisen. Der mit der Schrift „Politik und praktische Philosophie“ 1959 habilitierte Hennis stimmte – ausweislich des Interviews mit Stephan Schlak – Siegfried Landshut darin zu, die „Fraglichkeit der Situation“ (330) lehre Distanz. Der Politologe sah alles Politische als Existenzialist, die Nachkriegszeit als gefährdete Demokratie. Hennis missfiel Carlo Schmids Faible für Stefan George, Karl Jaspers hielt er nicht bloß für einen „Bußprediger“ (vielmehr zu Recht mit der Schuldfrage befasst), Carl Schmitt keineswegs nur für einen „Kritiker der politischen Institutionen“ (331). Mit Verve legt der Band die Bedingungen offen, unter denen Hennis’ Analysen entstanden. Dabei erstaunt die von Andreas Anter freigelegte Skepsis gegen das „werthafte Verfassungsdenken“ (86) mehr als die Sympathie für die britische Nüchternheit. Es ist paradox: Eine geglückte Demokratie lässt Kritiker kleinkariert aussehen – die Weimarer Staatslehre (bei Hennis stets als Folie präsent) erscheint aus umgekehrter Lage heute ertragreich. Obgleich Hennis’ Diagnosen das große Ganze betrafen, macht dieser Umstand seinem Andenken – wie der ganzen Politologie – zu schaffen.
Sebastian Liebold (LIE)
Dr., Politologe und Zeithistoriker, wiss. Mitarbeiter, Institut für Politikwissenschaft, Technische Universität Chemnitz.
Rubrizierung: 1.3 | 1.1 Empfohlene Zitierweise: Sebastian Liebold, Rezension zu: Andreas Anter (Hrsg.): Wilhelm Hennis' Politische Wissenschaft. Tübingen: 2013, in: Portal für Politikwissenschaft, http://pw-portal.de/rezension/182-wilhelm-hennis-politische-wissenschaft_43551, veröffentlicht am 18.04.2013. Buch-Nr.: 43551 Inhaltsverzeichnis Rezension drucken

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