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Rezension

Big Data und der digitale Ungehorsam
Neue Wege der Politisierung?

In seiner Dissertation (Universität Potsdam) verknüpft Eric Mülling die beiden Themenkomplexe Big Data und digitaler Ungehorsam. Dies ist insofern spannend, als er technische Entwicklungen in Bezug zu demokratischen Grundrechten setzt.

Der Begriff Big Data beschreibt eine „stetige Sammlung und sekundenschnelle Verarbeitung vielfältigster Datenbestände“. Er wird häufig im ökonomischen Kontext genutzt, Mülling hingegen wendet ihn konsequent auf politische und soziologische Ereignisse an. (7) Unter digitalem Ungehorsam versteht der Autor eine auf das Internet fokussierte Variante des zivilen Ungehorsams, der sich durch den Protest einzelner Personen, wie zum Beispiel Edward Snowden, Julian Assange und Chelsea Manning, aus Angst vor der Entstehung eines Überwachungsstaates auszeichnet. Die Akteure des digitalen Ungehorsams stellen dabei klassische politische Fragen wie die nach der Freiheit des Einzelnen oder nach Teilhabe und Transparenz mit neuen Mitteln. (69)

Die algorithmische Analyse menschlichen Verhaltens hat große Auswirkungen auf die Zivilgesellschaft. Allerdings gibt es bislang keine Untersuchungen, die die Folgen des Einsatzes von Big-Data-Software, wie sie auch von autokratischen Regimen zur Überwachung ihrer Gegner eingesetzt wird, für Netzaktivisten in demokratischen Gesellschaften untersucht. Dies voraussetzend stellt Mülling zwei Forschungsfragen: Erstens: Was ist digitaler Ungehorsam? Und zweitens: Wie beeinflusst Big Data die Netzaktivisten in Ihrem Ungehorsam?

Die Arbeit untergliedert sich in fünf Teile. Zunächst erfolgen Begriffsbestimmungen. Dem schließen sich Darstellungen der Auswirkungen der technischen Revolution an. Vor allem werden Cloud Computing, Big Data, Algorithmen und Deep Learning detailliert und verständlich beschrieben. Im dritten Teil beleuchtet Mülling das theoretische Fundament der Protest- und Bewegungsforschung. Im Schwerpunkt behandelt der Autor den zivilen Ungehorsam, als eine Unterkategorie der Protestbewegung. Daraus werden wiederum der Technikprotest als internetbasierte Form des demokratisch legitimierten Protestes und schließlich der „Digitale Ungehorsam“ (69) abgeleitet.

Anschließend stellt Mülling zehn Thesen vor, die er mittels seiner Arbeit belegen möchte. Zwei wesentliche Thesen darunter sind: „T3: Digitaler Ungehorsam politisiert entpolitisierte Fragen“ (75) und „T8: Im Agieren der Big-Data-Akteure zeigen sich hegemoniale Methoden“ (80). Auf der Grundlage der Thesen erstellt der Autor einen Interviewleitfaden und beschreibt im folgenden Kapitel ausführlich sein methodisches Vorgehen für die empirische Erhebung. Dabei werden auch die Schwierigkeiten der Kontaktaufnahme, beispielsweise mit Netzaktivisten wie Edward Snowden anschaulich dargestellt. Der Zeitraum der Untersuchung umfasst die Zeit von 2000 bis 2017 und ist auf die Betrachtung der Ereignisse in Deutschland beschränkt. Der Autor begründet dies damit, dass der Einsatz von Big Data hier am schnellsten und intensivsten umgesetzt wird. Als empirische Grundlage dienen zehn Interviews, bestehend aus acht Gesprächen mit digitalen Protestakteuren und zwei Interviews mit Big-Data-Experten. Darunter befinden sich Persönlichkeiten wie Daniel Domscheit-Berg und Yvonne Hofstetter, die einem größeren Publikum bekannt sein könnten.

Im letzten Teil erfolgt eine Analyse der erhobenen Daten, wobei sich die Überprüfung der Thesen lediglich auf die Aussagen der Interviewpartner stützt; eine detaillierte Analyse der empirischen Daten erfolgt nicht. Seine zu Beginn gestellten Forschungsfragen beantwortet Mülling wie folgt. Unter digitalem Ungehorsam versteht er eine Unterform des zivilen Ungehorsams mit anderen (technischen) Mitteln. Seine zweite Forschungsfrage, inwieweit Big Data die Netzaktivisten in ihrem Ungehorsam beeinflusst, beantwortet er zurückhaltend. Letztendlich stellt er fest, dass Big Data bei weitem nicht in dem Maße im politischen Kontext eingesetzt wird, wie es bereits in wirtschaftlichen Anwendungsfällen, zum Beispiel im Marketing, der Fall ist.

Der große Mehrwert der Dissertation von Eric Mülling liegt in der Anwendung des Begriffes Big Data auf das politische Feld demokratischer Protestaktionen. Dem Autor gelingt es, die beiden wissenschaftlichen Disziplinen der Politikwissenschaft und der Informatik miteinander zu verknüpfen, und das auf eine sehr anschauliche und nachvollziehbare Weise, die auch interessante Randgebiete – wie beispielsweise der Einsatz von Big Data als Cyberwaffe – berücksichtigt.

Das große Manko der Arbeit jedoch ist die geringe empirische Basis. Rückschlüsse aus lediglich zehn Experteninterviews zu ziehen und diese zu verallgemeinern ist wissenschaftlich nur bedingt nachvollziehbar.

Aufgrund der allgemeinverständlichen Sprache ist die Dissertation leicht lesbar und zum Teil sogar spannend. Darauf verweist Mülling explizit in seiner Einleitung. Allerdings sorgt die Sprache auch dafür, dass wissenschaftliche Erkenntnisse und persönliche Erlebnisse des Autors nicht sauber voneinander getrennt werden können. Die Arbeit wirkt dadurch teilweise populärwissenschaftlich.

Auffällig ist die Sympathie des Autors zu den Akteuren des digitalen Ungehorsams. Bereits in der Formulierung der Thesen in Kapitel vier ist zu erkennen, dass der Autor für die Akteure des digitalen Ungehorsams Partei ergreift. Die Big-Data-Akteure hingegen werden weitgehend negativ dargestellt. Diese subjektive Bewertung ist kritikwürdig.

Alles in allem bereichert die Dissertation die politikwissenschaftliche Fachliteratur. Das Themengebiet, das Mülling mit seiner Arbeit öffnet, bietet reichlich Potenzial. Vor allem der Ansatz, zwei wissenschaftliche Disziplinen miteinander zu vernetzen, wirkt überzeugend.

Verfasst von:

Marko Jakob

Erschienen am:

6. März 2019

Eric Mülling

Big Data und der digitale Ungehorsam

Wiesbaden, VS Verlag für Sozialwissenschaften 2019

Aus der Annotierten Bibliografie

Dieter Deiseroth / Annegret Falter (Hrsg.)

Whistleblower in der Sicherheitspolitik/Whistleblowers in Security Politics. Preisverleihung - Awards 2011/2013 (Chelsea E. Manning – Edward J. Snowden)

Berlin: BWV Berliner Wissenschafts-Verlag GmbH 2014 (Wissenschaft in der Verantwortung); 233 S.; kart., 24,- €; ISBN 978-3-8305-3333-7
Für die einen wurden sie zu Verrätern, für die anderen sind sie Helden: Whistleblower sind spätestens mit den Enthüllungen durch Edward Snowden und Chelsea Manning zu vieldiskutierten Akteuren auch in der internationalen Politik geworden. Anlässlich der Verleihung des internationalen Whistleblower‑Preises für die Jahre 2011 und 2013 (geehrt wurden dieses Mal Whistleblower im Bereich der Sicherheitspolitik) legen Dieter Deiseroth, Richter am Bundesverwaltungsgericht in Leipzig und Mitglied der Jury, und ...weiterlesen


Julian Assange / Jacob Appelbaum / Andy Müller-Maguhn / Jérémie Zimmermann

Cypherpunks. Unsere Freiheit und die Zukunft des Internets. Aus dem Englischen von Andreas Simon dos Santos

Frankfurt a. M./New York: Campus Verlag 2013; 206 S.; brosch., 16,99 €; ISBN 978-3-593-39913-3
Das Internet, so stellt der Wikileaks‑Aktivist Julian Assange zu Beginn fest, „hat sich in den gefährlichsten Wegbereiter des Totalitarismus verwandelt, mit dem wir es je zu tun hatten. Das Internet ist eine Bedrohung der menschlichen Zivilisation“ (1). Bei dieser Publikation handelt es sich um die Niederschrift einer Diskussion im März 2012 zwischen Assange, der sich zu dieser Zeit unter Hausarrest befand, und den Netzwerkaktivisten Jacob Appelbaum, Jérémie Zimmermann und Andy...weiterlesen


Marcel Rosenbach / Holger Stark

Staatsfeind WikiLeaks. Wie eine Gruppe von Netzaktivisten die mächtigsten Nationen der Welt herausfordert

Stuttgart: Deutsche Verlags-Anstalt 2011; 335 S.; 2. Aufl.; brosch., 14,99 €; ISBN 978-3-421-04518-8
Das Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“ war als exklusiver journalistischer Partner in Deutschland hautnah dabei, als eine Gruppe von Netzaktivisten um den Australier Julian Assange Ende November 2010 mit der Veröffentlichung von knapp 300.000 US‑Botschaftsdepeschen aus aller Welt im Internet den wohl bisher größten Coup landete, der je im Zusammenhang mit WikiLeaks, der Enthüllungsplattform für geheime Regierungsdokumente, stand. Ihm schloss sich eine beispiellose Auseinandersetz...weiterlesen


Daniel Domscheit-Berg

Inside WikiLeaks. Meine Zeit bei der gefährlichsten Website der Welt

München: Econ 2011; 304 S.; kart., 18,- €; ISBN 978-3-430-20121-6
Im Jahre 2006 hob das Hacker-Duo Julian Assange und Daniel Domscheit-Berg die Internetplattform WikiLeaks aus der Taufe, um geheime Dokumente jeder Art einer breiten Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Vier Jahre später endete die Zusammenarbeit und Freundschaft zwischen Assange und seiner Nummer Zwei auf spektakuläre Art und Weise. In diesem Buch rechnet der langjährige WikiLeaks-Sprecher Domscheit-Berg mit seiner Zeit bei der Organisation und seinem ehemaligen Freund ab. Während in der ersten...weiterlesen


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