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Rezension / 15.01.2026

Patrick Haenni & Jerome Drevon: Transformed by the People. Hayat Tahrir al-Sham’s Road to Power in Syria

London, Hurst & Company 2025

Die Autoren folgten für ihre Feldforschung der Einladung von Ha’yat Tahrir al-Sham (HTS) nach Syrien und zeichnen in „Transformed by the People“ das Bild einer dschihadistischen Bewegung, die sich infolge einer leisen Revolution ideologisch mäßigte. Doch hat sich damit ihre Herrschaftslogik verändert, wie der Titel suggeriert? Sascha Ruppert-Karakas zweifelt und deutet auf deutliche methodische Schwächen der Arbeit zum besagten islamistischen Politikprojekt, in dem Brutalität nicht als Relikt des Vergangenen, sondern als Strukturmerkmal eines neuen autoritären Herrschaftsprojekts zutage trete.

Eine Rezension von Sascha Ruppert-Karakas

Von der dschihadistischen Terrorzelle zum zentrierten Herrschaftsakteur?

Mit dem überraschenden Dominoeffekt der Offensive, die das Assad-Regime innerhalb von elf Tagen zum Einsturz und damit eine Bewegung an die zentralen Schaltstellen der Macht in Damaskus brachte, die noch vor wenigen Jahren als syrischer Ableger al-Qaidas galt, war absehbar, dass dieses historische Ereignis eine Welle wissenschaftlicher und journalistischer Publikationen nach sich ziehen würde. Ein erster Aufschlag kam kein Jahr nach dem einjährigen Jubiläum der Abdankung Assads im September 2024 von Jerome Drevon und Patrick Haenni beim britischen Hurst Verlag. Unter dem gewagten Titel „Transformed by the People“ entwerfen die beiden Autoren die These einer stillen Revolution in der islamistischen Hochburg im Nordwesten Syriens: Ha’yat Tahrir al-Sham (HTS) erscheint in dieser Lesart nicht als ein militant durchgesetztes Machtprojekt, sondern als ein Produkt eben jener gesellschaftlichen Kräfte, die es zu beherrschen vorgibt: eine Bewegung, die laut den Autoren von der stummen Mehrheit Idlibs in einen Prozess der Mäßigung gezogen wurde. Aus dem einst salafistisch-dschihadistischen Vollstrecker sei ein auf eigentümliche Weise „zentrierter“ Herrschaftsakteur geworden, der sich den Erwartungen, Routinen und stillschweigenden Normen eines konservativen Alltags anpassen musste – und gerade darin seine Transformation gefunden habe (3-6).

Diese „Revenge of Society“ (8), wie die Autoren sie nennen, sei der Motor einer Entradikalisierung, die HTS nicht auf der Ebene doktrinärer Theologie, sondern in den sozialen Räumen und Alltagspraktiken Idlibs vollzogen habe. Über die schrittweise Einbindung traditioneller sunnitischer Normen, die Umarmung revolutionärer Narrative und die Marginalisierung jener Hardliner, die sich dem neuen Kurs widersetzten. Der Wandel, so die Autoren, sei weniger ideologische Revision gewesen als sozial erzwungen – ein Prozess der Relokalisierung, der HTS aus den radikalen Randzonen in das Zentrum eines konservativ-revolutionären Alltags zurückgeführt habe. Um diesen Prozess analytisch zu fassen, bedienen sich Haenni und Drevon eines großen historischen Vergleichs, nämlich dem zur Thermidor-Phase der Französischen Revolution. In Anlehnung an die Dynamik revolutionärer Bewegungen am Ende des Jakobinerregimes argumentieren sie, dass der revolutionäre Furor von HTS spätestens ab 2022 an politische und gesellschaftliche Realitäten gestoßen sei und die Bewegung gezwungen habe, die Grenzen ihrer eigenen Transformationsansprüche anzuerkennen – „forced to confront the limits of their transformative ambitions“ (8), wie sie schreiben. Die Gesellschaft, weit davon entfernt, Objekt eines radikalen Umbaus zu sein, sei damit zum eigentlichen Subjekt geworden. Die HTS-Elite habe gelernt, sich nach der „stummen Mehrheit“ auszurichten, um die lautstarke Minderheit der dschihadistischen Hardliner zu neutralisieren – eine Anpassung, die der Bewegung zu Stabilität und schließlich zur Macht in Damaskus verholfen habe.

In dieser Lesart ist die Deradikalisierung von HTS weniger ein theologischer Bruch als ein politisches Manöver, geboren aus Überlebenszwang, sozialer Trägheit und geopolitischer Einbettung (14).

Ein Überblick

Zur Bearbeitung dieser These ist das Werk in zwölf Kapitel aufgeteilt. In Kapitel 1 behaupten die Autoren, dass Jabhat al-Nusra (JN) von Beginn an angeblich weniger ideologisch geschlossen als pragmatisch agierte und globale jihadistische Referenzen mit lokaler Anpassung und selektiver Gewalt verband, um sich im syrischen Gewaltmarkt hegemonial zu positionieren. Kapitel 2 schildert, wie HTS seine Dominanz in Idlib durch die schrittweise Ausschaltung rivalisierender Fraktionen im oppositionellen Spektrum, die gezielte Eindämmung des Einflusses von al-Qaida und darauffolgend durch den Ausbau zentralisierter Kontroll- und Kooptationsmechanismen konsolidierte. Kapitel 3, 4 und 5 widmen sich der Frage, wie HTS seine jihadistische Vergangenheit organisatorisch und ideologisch hinter sich ließ, ohne einen expliziten doktrinären Bruch zu vollziehen. Ersichtlich wird das den Autoren zufolge durch eine gezielte Marginalisierung von ideologischen Hardlinern bei gleichzeitiger Beibehaltung eines salafistischen Profils, dessen normative und politische Substanz durch Institutionalisierung, Kodifizierung von Recht und eine pragmatische Nutzung religiöser Autorität schrittweise entkernt wurde, um soziale Akzeptanz sicherzustellen.

Kapitel 6, 7 und 8 verschieben den analytischen Fokus von Ideologie und Bewegungsgeschichte hin zu den konkreten Folgen der behaupteten Transformation für Governance, gesellschaftliche Einbindung und Machtkonsolidierung. An Beispielen wie der Öffnung gegenüber den sunnitischen Sufi-Orden, einer moderierenden Neuausrichtung im Verhältnis zu religiösen Minderheiten in Idlib wie den Drusen und den Christen, sowie der Annäherung an ein Bevölkerungsklientel außerhalb der islamistischen Blase argumentieren Haenni und Drevon, dass HTS schrittweise zu einem Modell niedrig-intensiven Autoritarismus übergegangen sei, das weniger auf offene Repression als auf Kooptation, selektive Toleranz und die Internalisierung von Grenzen setzt. Die Einbindung von Sufis erscheint dabei als bewusste Abkehr von einer salafistischen Exklusivität, die Minderheitenpolitik als strategische Entschärfung konfessioneller Bruchlinien und die Hinwendung zur vermeintlich „schweigenden Mehrheit“ als Versuch, gesellschaftliche Hegemonie jenseits ideologischer Mobilisierung zu stabilisieren.

In Kapitel 9, 10 und 11 führen die Autoren ausgewählte sozioökonomische und politische Herausforderungen in Idlib ab den 2020er Jahren an, durch die die Autoren ihre Deradikalisierung-These von HTS zu belegen versuchen. Anhand von Fragen wirtschaftlicher Liberalisierung, Konsumregulierung, öffentlicher Moral und symbolischer Politik argumentieren Haenni und Drevon, dass HTS zunehmend pragmatische, kostenorientierte Entscheidungen getroffen habe, die auf sozioökonomische Stabilisierung, Governability und gesellschaftliche Akzeptanz zielen. Zugleich zeigen die Kapitel, dass dieser Kurs Spannungen mit Teilen des islamistischen Kernmilieus erzeugt, die sich in populistisch aufgeladenen Protesten gegen Marktöffnung, moralische Flexibilisierung und politische Kompromisse artikulieren. Diese inneren Konflikte deuten die Autoren als Indikator dafür, dass HTS seinen zentristischen Kurs nicht nur rhetorisch verfolgt, sondern ihn gegen Widerstände aus dem eigenen ideologischen Lager durchzusetzen versucht.

Im abschließenden Kapitel 12 interpretieren Haenni und Drevon die von ihnen behauptete Entradikalisierung von HTS als einen Prozess der ideologischen Neuausrichtung in einem illiberalen Zeitalter, den sie mit den Entwicklungspfaden rechtspopulistischer Bewegungen in Europa vergleichen, um HTS’ Transformation als Teil allgemeinerer Dynamiken illiberaler Zentrierung zu lesen und das Phänomen aus einer vermeintlich orientalisierten Sonderlogik herauszulösen.

Feldarbeit im autoritären Sozialen Raum und dessen analytischen Einschränkungen

Die empirische Grundlage des Buches ruht im Wesentlichen auf Gesprächen mit zentralen Akteuren aus dem innersten Elitenkreis von HTS – also jenen, die den behaupteten Wandel selbst vertreten. Auch wenn die Autoren betonen, dass ihre Feldforschung zahlreiche Gesprächspartner jenseits des HTS-Umfelds einbezog, spiegelt sich diese behauptete Breite in der eigentlichen Analyse kaum wider. Stattdessen wird die Darstellung überwiegend von Sichtweisen geprägt, die der Bewegung nahestehen oder ihrem Ziel zumindest aufgeschlossen gegenüberstehen. In der Folge weist die Analyse stellenweise einen bemerkenswert unkritischen Duktus auf und reproduziert mehrfach eine auffällig positive Perspektive über die Gruppe.

Ein Grund dafür könnte sein, dass es hier kein unabhängiger Feldzugang zustande kam, sondern auf Einladung der Führung von HTS (9-10) erfolgte, was eine asymmetrische Zugangsarchitektur erzeugt, in der die Gruppe den Informationsfluss strukturell steuern konnte. Die Autoren benennen den daraus resultierenden Relational Bias zwar, unterschätzen jedoch dessen Tragweite: Autoritäre Bewegungen kuratieren ihre Außensicht gezielt über jene Kanäle, die sie kontrollieren.[1] Zwar verweisen die Autoren auf ergänzende Gespräche mit Aktivisten und zivilgesellschaftlichen Akteuren in Idlib, schließen jedoch die sich im Exil befindende Opposition weitgehend aus, da deren Perspektive angeblich nur einen „limited analytic value“ habe (11). Diese Entscheidung verzerrt die Triangulation systematisch zugunsten interner Narrative und übersieht zugleich, welchen Einschränkungen gerade kritische Stimmen innerhalb Syriens unterliegen. Damit bleiben jene Perspektiven marginalisiert, die Repression, Gewalt und autoritäre Praktiken am klarsten benennen könnten – und dies aus einem sicheren Kontext heraus. Diese Blindstelle ist, wie die Autoren selbst einräumen, beabsichtigt: Die „darker aspects of the movement“ (11) – Sicherheitsapparate, Menschenrechtsverletzungen und Gewaltinstitutionen – bleiben randständig, weil sie den Blick auf die politisch-religiöse Evolution zu verengen drohten. Eine Transformationsanalyse ohne systematische Kontextualisierung des Gewaltregimes gerät jedoch zwangsläufig in Schieflage und erzeugt legitimierende Nebenwirkungen.

Das Forschungsdesign läuft letztlich darauf hinaus, die Führung der HTS weitgehend in ihren eigenen Rechtfertigungsnarrativen sprechen zu lassen, um daraus Transformationsfähigkeit und zivilpolitisches Potenzial abzuleiten. In der Summe droht daraus eine unbeabsichtigte Normalisierung oder sogar politische Entlastung der Gruppe – ein Effekt, der angesichts fortbestehender repressiver und autoritärer Strukturen besonders in der aktuellen Phase ihrer Konsolidierung hochproblematisch erscheint.

Personenkult mit wissenschaftlichem Gütesiegel?

Ganz neu ist diese Konstellation für Syrien nicht. Schon David W. Lesch legte 2005 mit „The New Lion of Damascus: Bashar al-Asad and Modern Syria“ ein Werk vor, das auf privilegierten Zugang zu den innersten Machtzirkeln setzte – und in Teilen durch die biografische Überhöhung des jungen Assad wie eine staatliche Propaganda mit wissenschaftlichem Gütesiegel wirkte. Bashar erscheint dort als moderner Reformer, selbstlos, vom Volk getragen – zentrale Narrative des Personenkults fanden so ihren Weg in eine akademische Erzählung. „Transformed by the People“ ist in mancher Hinsicht das Pendant auf der anderen Seite des Zauns: reich an empirischem Material, mit klugen Beobachtungen zur lokalen Verankerung von HTS und einem durchaus plausiblen Ausblick auf dessen Vorbildfunktion für andere islamistische Akteure. Und doch wirkt der Transformationsgedanke nur bedingt zu Ende gedacht und hinterlässt an manchen Stellen eine verdächtige Leerstelle. Das Buch folgt keiner klar umrissenen Forschungsfrage zur Transformation der HTS, sondern betrachtet die Bewegung innerhalb eines narrativen Rahmens, in dem die Kontextualisierung Vorrang vor einer systematischen Analyse der politischen Auswirkungen auf die Zukunft Syriens hat. Die Argumentation basiert weniger auf einer Untersuchung der Mechanismen autoritärer Veränderungen als vielmehr auf dem zweiten erklärten Ziel der Autoren: der Entdämonisierung der Gruppe um al-Sharaa (12).

Die Autoren rahmen die Entwicklung von HTS als Transformationsprozess – doch bei näherer Betrachtung wirkt er weniger wie ein Bruch als wie eine strategische Selbstoptimierung unter veränderten politischen Bedingungen. Die ideologischen Neurahmungen, die sie als Indikatoren dieses Wandels deuten, erscheinen vielmehr instrumentell: Sie stabilisieren Herrschaft, erweitern die lokale Anschlussfähigkeit und dienen der Hegemonialisierung, ohne die ideologische Kernarchitektur der Bewegung tatsächlich infrage zu stellen. Unter dem Anspruch einer nüchternen, realistischen Perspektive auf das „Neue“ in Idlib bleibt so die zentrale Frage, welche Konsequenzen diese Lesart für die politische Zukunft Syriens hat, weitgehend offen – und damit auch, ob der Optimismus, den das Buch programmatisch einfordert, empirisch wirklich einzulösen ist. Konkreten Anlass zur Skepsis geben dabei ganz konkrete Darbietungen involvierter Personen, die analog zu einem sich entwickelnden Personenkult um al-Sharaa anschließen,[2] der derzeit in einigen westlichen Perspektiven identifizierbar ist. Ein zentrales Problem des Buches ist die durchgehend vorteilhafte Zeichnung Ahmad al-Sharaas. Er erscheint nicht als der Architekt eines neuen autoritären Herrschaftsmodells, sondern als ein nahezu graziler Entscheider, der von äußeren Zwängen – radikalen Kommandeuren, geopolitischen Konfliktlinien oder den Erwartungen eines konservativen Umfelds – in harte Entscheidungen gedrängt wird. Seine Rolle wird dadurch systematisch entpolitisiert:

Statt als intentional handelnder Akteur mit klarer Machtagenda erscheint er als Vermittler, der sich im Grunde um Ausgleich bemüht, sektiererischer Rhetorik widerspricht und sogar schützend gegenüber gefährdeten Gruppen – etwa den Jesiden – auftritt (21). Problematisch ist nicht nur die narrative Entlastung, sondern auch ihre empirische Basis. Die positiven Zuschreibungen stammen fast ausschließlich aus dem unmittelbaren Umfeld al-Sharaas oder aus anonymisierten Stimmen, deren Glaubwürdigkeit die Autoren nicht hinterfragen. So entsteht ein Personenbild, das strukturelle Gewalt und autoritäre Praktiken in den Hintergrund treten lässt und die Verantwortung der Führung in eine moralisch überhöhte Figur projiziert.

Fabrizierte Mäßigung oder Performed for the People?

Die Analyse der gesellschaftlichen ‚Demand-Seite‘ bleibt auffallend unpräzise. Die Autoren beschreiben die Transformation von HTS als Ergebnis einer sozialen Trägheitskraft, die der Bewegung Grenzen setzte und sie in den Rahmen des ‚akzeptablen‘ zurückholte (173-195). Doch diese Logik unterschlägt, dass JN/HTS selbst jene sozialen Räume strukturiert hat, in denen sich Zustimmung, Kritik oder Anpassung überhaupt artikulieren konnten. Wer als „silent majority“ erscheint, ist das Resultat autoritärer Vorstrukturierung: Toleriert wurde ein konservativ-orthodoxes Spektrum, während progressive, feministische, linke oder liberal-demokratische Milieus marginalisiert, eingeschüchtert oder eliminiert wurden.[3] Die Integration traditioneller Sufi-Orden (141-156) – schon unter Assad ein zentraler Pfeiler autoritärer Stabilität[4] – bestätigt eher die Selektivität dieser Öffnung als ihre Breite. Deswegen ist auch die Analyse der Integrationsfähigkeit breiter revolutionärer Akteure mit Vorsicht zu genießen: Liest man Autoren wie Samar Yazbek[5] oder Yassin al-Haj Saleh[6], die unermüdlich auf die „gestohlene Revolution“ durch islamistische Kräfte verwiesen, bereitet die scheinbare Offenheit gegenüber einer angeblichen sozialen Breite deutliche Bauchschmerzen. Das paradigmatische Gegenbeispiel Raed Fares,[7] dessen Ermordung durch HTS nur in einem Nebensatz vorkommt (187), zeigt, wie begrenzt diese Öffnung tatsächlich war: Integriert wurde, wer sich beugte; beseitigt, wer eine alternative politische Zukunft artikulierte oder die Denkstrukturen von HTS als Wurmfortsatz einer durch das Assad Regime kultivierten Politik des Antagonismus diskreditierte. Eine Transformationsanalyse, die diese autoritäre Präfigurierung des sozialen Raums ausblendet,[8] überschätzt zwangsläufig die Agency der Bevölkerung und unterschätzt das strategische Kalkül von HTS.

Ideologische Neuformulierung unter gewalttätigen Prämissen

Die Analyse der Autoren zeigt letztlich selbst, dass Ideologie keineswegs ein nachrangiges oder gar konträres Element zu pragmatischer Politik ist. Vielmehr wird sichtbar, dass das Primat der Entscheidung – die bewusste Degradierung doktrinärer Prinzipien zu einer bloßen Rechtfertigungsressource – selbst ein ideologischer Modus ist. Niemand steht außerhalb von Ideologie, und Carl Schmitts Denken liefert die politisch-theoretische Blaupause für genau diese Form der Dezision als ideologische Struktur. HTS wurde nicht post-ideologisch, sondern zu einer autoritären Bewegung, die Ideologie hochfunktional einsetzt, indem sie jene Elemente hervorhebt, die ihre Herrschaft sichern. Was die Autoren als „Retraditionalisierung“ deuten (258), ist eine Reartikulation einer ideologischen Matrix,[9] kein Distanzierungsprozess. Damit stellt sich die Frage, ob sich hier tatsächlich ein Ausstieg aus dem Jihadismus vollzieht – oder ob lediglich periphere und zentrale Elemente der Ideologie neu gewichtet werden. Wie Yassin al-Haj Saleh schrieb, kann eine Struktur salafistisch bleiben, ohne in jeder Doktrin salafistisch zu sprechen.[10]

Entscheidend ist daher weniger, ob HTS rhetorisch an salafistische oder jihadistische Traditionen anknüpft, sondern ob sich die Herrschaftslogik verändert hat. Solange die politische Ordnung auf einer absoluten, personalisierten Souveränität al-Sharaas beruht, solange islamische Gesetzgebung den unverhandelbaren normativen Rahmen setzt und Abweichler durch ein repressives Gewaltregime diszipliniert werden, bleibt die Bewegung strukturell identisch mit jihadistischen Akteursformen, unabhängig davon, wie moderat oder pragmatisch ihre Selbstdarstellungen erscheinen mögen.

Deradikalisierung mit radikaler Basis?

Indikatoren für diese Perspektive bietet die anhaltende sektiererische Brutalität, die sich – wie die jüngsten Massaker an drusischen Gemeinden in Suweida[11] sowie die Angriffe an der Küste auf Alawiten[12] – längst nicht auf ein radikales Randmilieu beschränkt, sondern tief in den Strukturen des neuen Machtapparats verankert ist. Haenni und Drevon konzedieren, dass sich hier ein neues sunnitisch-suprematistisches Gewaltreservoir Bahn bricht (294), ohne jedoch klarzumachen, wie sich dieses Phänomen von einem salafistisch-dschihadistischen Gedankengut abgrenzt. Vielmehr versuchen sie, diese Dynamik in die Figur einer „re-radicalisation from below“ einzupassen (295), während sie die Führung als im Wesentlichen deradikalisiert beschreiben. Damit gerät ihr Deradikalisierungsbegriff konzeptionell unter Druck: Aus politikwissenschaftlicher Perspektive ist schwer zu begründen, warum eine Bewegung, deren Sicherheitsapparate nachgewiesenermaßen an großflächiger sektiererischer Gewalt beteiligt sind oder diese zumindest dulden, noch als ‚deradikalisiert‘ gelten soll, nur weil die Zentrale rhetorisch zur Zurückhaltung aufruft und die Verantwortung an ‚untere Ebenen‘ delegiert.

Dort, wo das Buch selbst Verstrickungen von General Security in die Küstenmassaker andeutet, entscheiden sich die Autoren, trotz der eindeutigen Berichtslage,[13] für eine Minimalinterpretation und deuten auf die Entgleisungen mittlerer Kommandostrukturen hin, während sie zugleich betonen, dass es keine gerichtsfesten „smoking guns“ für eine Beteiligung der Spitze gebe (294). Damit bleiben die Autoren analytisch schmalspurig, weil autoritarismustheoretisch naheliegende Lesarten – etwa eine bewusste Delegation und Fragmentierung von Gewalt zur Verwischung von Verantwortlichkeit – ausgeblendet werden.[14]

Zuspitzung erfährt diese Schieflage in dem Versuch, das fortbestehende Gewaltpotenzial im HTS-Milieu über eine Analogie zur europäischen radikalen Rechten einzuordnen und damit analytisch zu relativieren: Laut den Autoren würde der Mainstreaming-Prozess rechtspopulistischer Parteien zeigen, dass immer ein radikaler Sockel zurückbleibe, ohne den übergeordneten Moderationsprozess zu gefährden (270-276). Dieser Vergleich ist mindestens ambivalent. Ein großer Teil der Forschung zur europäischen radikalen Rechten liest genau diese Dynamik als Warnsignal: Die kommunikative Mäßigung der Parteiführung nach außen zielt auf eine Potenzierung der Anschlussfähigkeit in der Bevölkerung ab,[15] um die im inneren erhaltene Radikalität über „legale“ Wege zu implementieren.[16] Übertragen auf die HTS bedeutet dies, dass das Fortbestehen eines ausgeprägten Sektierertums – das sich sowohl in Regierungsmethoden als auch in selektiver Zwangsausübung und Gewalt manifestiert – kein Überbleibsel einer aufgegebenen dschihadistischen Vergangenheit ist, sondern ein strukturelles Merkmal eines neuen autoritären Herrschaftsprojekts, das wenig Anlass zu Optimismus hinsichtlich der politischen Zukunft Syriens gibt.

Für wen ist's denn nun?

Vor diesem Hintergrund verengt sich auch der potenzielle Leser*innenkreis des Buches. Zwar bietet das Werk einen instruktiven Überblick über die faktischen Herausforderungen und Entwicklungslinien von HTS zwischen 2017 und 2024, sensibilisiert für die organisatorische und ideologische Differenzierung innerhalb des islamistischen Spektrums Syriens und liefert aufschlussreiche Einblicke in die Selbstwahrnehmung der führenden Elite während des postulierten Transformationsprozesses von einer dschihadistischen Terrorzelle zu einem islamistischen Politikprojekt. Angesichts der methodischen Voreingenommenheit und der unzureichenden wissenschaftlichen Reflexion bleibt die Studie jedoch vor allem eine Lektüre für erfahrene Syrienkenner*innen. Der strukturelle Bias des Forschungsdesigns sowie die stark selektive Aufarbeitung der Organisationsgeschichte – etwa im Hinblick auf das gewaltsame Profil der Gruppe oder die machiavellistischen Machtkämpfe al-Sharaas mit innerorganisatorischen Rivalen – führen dazu, dass zentrale Erkenntnisse nur randständig behandelt werden. Damit gehen erhebliche Defizite in Objektivität, Reliabilität und Validität der vorgelegten Analyse einher, die es nicht erlauben, das Buch guten Gewissens als Standardwerk für eine kohärente Analyse von HTS zu empfehlen.


Anmerkungen:

[1] Guriev, Sergei/Treisman, Daniel (2022): Spin Dictators: The Changing Face of Tyranny in the 21st Century, Princeton: Princeton University Press.

[2] Hauch, Lars (2025): The Cult of Sharaa the Redeemed, online unter: https://www.syriaintransition.com/en/home/archive/issue-29/the-cult-of-sharaa-the-redeemed

[3] Daher, Jospeh (2018): Révolution and Counter-Revolution in Syria, origins and developments, online unter: https://www.semanticscholar.org/paper/R%C3%A9volution-and-Counter-Revolution-in-Syria%2C-origins-Daher/0506ef00c413ee9201c337d7022d038b9548e870

[4] Pinto, Paulo (2006): Sufism, Moral Performance and the Public Sphere in Syria, online unter: https://journals.openedition.org/remmm/3026

[5] Yazbek, Samar (2015): Die gestohlene Revolution: Reise in mein zerstörtes Syrien, Hamburg: Nagel & Kimche.

[6] Al-Haj Saleh, Yassin (2017): The Impossible Revolution: Making Sense of the Syrian Tragedy, London: Hurst Publisher.

[7] Ohne Autor (23.11.2022): Four Years Have Passed Since Activist Raed al-Fares Was Killed: As the Party Responsible for His and Hamoud Jneed’s Assassination, Hay’at Tahrir al-Sham Must be Held Accountable, online unter: https://snhr.org/blog/2022/11/23/four-years-have-passed-since-activist-raed-al-fares-was-killed-as-the-party-responsible-for-his-and-hamoud-jneeds-assassination-hayat-tahrir-al-sham-must-be-held-accountable/

[8] Ruppert-Karakas, Sascha (2024): Die Politik des Antagonismus: Zur Dynamik autoritärer Lebenswelt in Assads Syrien, Berlin: Duncker & Humblot.

[9] Freeden, Michael (2003): Ideology: A Very Short Introduction, Oxford: Oxford University Press.

[10] Al-Haj Saleh, Yassin (26.05.2025): الدولة المترددة: عن الاعتدال والتطرف في سورية اليوم, online unter: https://aljumhuriya.net/ar/2025/05/26/%D8%A7%D9%84%D8%AF%D9%88%D9%84%D8%A9-%D8%A7%D9%84%D9%85%D8%AA%D8%B1%D8%AF%D8%AF%D8%A9/

[11] Turkmani, Abdullah (03.10.2025): The Suwayda Roadmap: A Critical Reading Will It Address the Roots of Syria’s Crisis?, online unter: https://aljumhuriya.net/en/2025/10/03/the-suwayda-roadmap-a-critical-reading/

[12] Ohne Autor (14.08.2025): “Widespread and Systematic” The International Commission of Inquiry Report on the Coastal Massacres, online unter: https://aljumhuriya.net/en/2025/08/14/widespread-and-systematic/

[13] Michael, Maggie (30.06.2025): Syrian forces massacred 1,500 Alawites. The chain of command led to Damascus, online unter: https://www.reuters.com/investigations/syrian-forces-massacred-1500-alawites-chain-command-led-damascus-2025-06-30/

[14] Ahram, Ariel (2011): Proxy Warriors: The Rise and Fall of State-Sponsored Militias, Stanford: Stanford University Press.

[15] Wodak, Ruth (2015): The Politics of Fear: What Right-Wing Populist Discourses Mean, New York: SAGE Publications.
Bonansinga, Donatella (2024): Visual de-demonisation: A new era of radical right mainstreaming, in: The British Journal of Politics and International Relations, Vol 27, Issue 2, S. 603-611.
Samaras, Georgios (2025): Mnemonic normalisation in the visual politics of the German far-right, in: Language & Communication Volume 105, S. 181-193.

[16] Scheppele, Kim (2018): Autocratic Legalism, in: The University of Chicago Law Review, Vol. 85, No. 2, S. 545-584.



DOI: https://doi.org/10.36206/REZ26.1
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