Linke Hoffnungen, revisited

Aus den neuen Rezensionen vom 26. März 2015

Wird über Krisenphänomene geschrieben, geschieht dies unübersehbar auch aus Motiven, die nicht immer nur dem allgemeinen Fortschritt der Menschheit verbunden sind, sondern mitunter der dezidiert linken Hoffnung auf einen grundlegenden Wandel des Vorhandenen. Ein Beispiel dafür liefert eine Interpretation des Marx'schen Maschinenfragments: der Philosoph Christian Lotz erkennt in der Schrift die Begründung dafür, dass der Kapitalismus das Potenzial in sich trägt, sich selbst zu überwinden – durchaus unter Mithilfe der Produktivkräfte, die sich in ihm und für ihn weiterentwickelt haben. Dass eine derartige Perspektive Woche für Woche einer nennenswerten Anzahl an Autoren erstrebenswert erscheint, hat sicher mit den sozialen wie politischen Formen kapitalistischer und damit auch krisenhafter Vergesellschaftung zu tun, wie sie etwa in dem Band von Wolfgang Kastrup und Helmut Kellershohn geschildert werden. Die Kritik zielt dabei immer wieder auf eine Demokratisierung und damit einhergehend auf die (Rück-)Eroberung sozialer Räume. In diesem Kontext kann auch der Band über die „Ungleichheit in kapitalistischen Gesellschaften" von Boike Rehbein und Jessé Souza gelesen werden. Sie kritisieren, dass gemäß des dominierenden Weltbildes soziale Ungleichheiten vor allem als individuelles Versagen gedeutet würden, was den Einzelnen entwürdige. Zu erinnern ist hier an das Versprechen der Aufklärung, das auch linken Hoffnungen immer wieder Auftrieb verleiht: die Gleichheit aller Menschen.

Ulrich Peters

Unbeugsam & widerständig. Die radikale Linke in Deutschland seit 1989/90

Münster: Unrast 2014; 728 S.; 29,80 €; ISBN 978-3-89771-573-8
Das Ende der Blockkonfrontation 1989/90 markiert den historischen Moment vom vielfach beschworenen Ende der Geschichte, der Universalisierung des liberalen Kapitalismus. Natürlich geht die Geschichte seither weiter, aber sie beschreibt sich in veränderten Koordinaten, besonders für jene Bewegung, für die mit der Systemalternative ein zentraler Bezugspunkt der eigenen oppositionellen Position verloren gegangen ist. Ihr Standpunkt der grundlegenden Kritik ist das Kriterium der radikalen Linken, deren Geschichte Ulrich Peters ab jenem Moment bis ...weiterlesen
Martin Albrow

Global Age Essays on Social and Cultural Change

Frankfurt a. M.: Vittorio Klostermann 2014 (Recht als Kultur 5); 250 S.; kart., 23,90 €; ISBN 978-3-465-04211-2
Mit seinem 1996 erschienenen Werk „The Global Age: State and Society beyond Modernity“ ist der britische Soziologe Martin Albrow bereits früh zu einer prominenten Gegenstimme gegen den alles umfassenden und erklären wollenden Begriff der Globalisierung geworden. Mit dieser Essaysammlung stellt der Autor bisher unveröffentlichte Texte aus zwanzig Schaffensjahren zu dem von ihm geprägten Gegenkonzept zur Globalisierung – dem „Global Age“ – vor. Für Albrow stellt...weiterlesen
Douglass C. North / John Joseph Wallis / Barry R. Weingast

Gewalt und Gesellschaftsordnungen. Eine Neudeutung der Staats- und Wirtschaftsgeschichte. Übersetzt von Monika Streissler

Tübingen: Mohr Siebeck 2013; XVII, 326 S.; brosch., 49,- €; ISBN 978-3-16-152815-6
Dieses Gemeinschaftswerk von zwei Ökonomen (North; Wallis) und einem Politikwissenschaftler (Weingast) ist außerordentlich ambitioniert: Die Sozialwissenschaften hätten bisher den Zusammenhang von wirtschaftlicher und politischer Entwicklung nicht plausibel erklären können. Dieses Defizit lasse sich erst beheben, wenn sich die Sozialwissenschaften systematisch damit auseinandersetzten, „wie eine Gesellschaft die Frage der immer und überall drohenden Gewalt löst“ (XI). Zur Umsetzung des damit verbundenen Anspruchs entwerfen die ...weiterlesen