Kapitalistische Landnahme

Aus den neuen Rezensionen vom 23. April 2015

Was im Alltag unübersehbar geworden ist, wird auch in der sozialwissenschaftlichen Literatur mehr und mehr problematisiert: die Ökonomisierung aller Lebensbereiche. Dass die Analyse dieser Entwicklung mit einem Rückgriff auf Klassiker der marxistischen Theorie – die auch zur Geschichte der Sozialdemokratie gehören – bereichert werden kann, zeigt der von Ingo Schmidt herausgegebene Band über „Rosa Luxemburgs ‚Akkumulation des Kapitals'". Davon ausgehend erklärt Klaus Dörre die gegenwärtige kapitalistische Landnahme damit, dass sich die marktkonforme Gesellschaft nicht aus sich selbst heraus reproduzieren kann, weshalb sie fortwährend auf die Okkupation eines nichtkapitalistischen Anderen angewiesen ist. Zu Luxemburgs Zeiten war dies nach außen die Kolonisierung anderer Länder, heute werden im Inneren private Lebensbereiche vermarktlicht. Dies reicht bis hin zu einer Ökonomisierung von Liebe und Gefühlen, wie Martin Schmid und Thomas Slunecko in dem Band „Machtwirkung und Glücksversprechen" kritisieren – das unternehmerische Selbst agiere auf professionellen digitalen Partnermärkten als sein eigener Liebesunternehmer und betreibe vergleichendes Risikomanagement. Die Literatur zum Thema bietet neben solchen Bestandsaufnahmen auch Vorschläge, die auf die Wiedereinhegung der Ökonomie zielen – zumal, sollte Marx Recht haben, die Arbeit immer weniger wird. Heinz Steinert will den Zugang zu lebensnotwendigen Gütern nicht mehr länger von Anrechten abhängig sehen, die nur durch nicht mehr zukunftsfähige Vollzeitarbeitsverhältnisse zu erwerben sind. Und Serge Embacher pocht auf die Demokratie und fordert – wider das marktradikale Sperrfeuer, wie er schreibt, – eine neue Kultur der Bürgerbeteiligung.

Norbert Hoerster

Wie lässt sich Moral begründen?

München: C. H. Beck 2014; 143 S.; 12,95 €; ISBN 978-3-406-66786-2
Der Philosoph Norbert Hoerster liefert mit seinem Werk über die interessenfundierte Begründung von Moral eine Neufassung von „Ethik und Interesse“ (2002, siehe Buch‑Nr. 22989). Einführend erläutert er sein Konzept von Moral und Moralnormen: Jede Moral bestehe aus Normen, die weitgehend zustimmungsfähig seien. Daher sei es von zentraler Bedeutung für die Philosophie, eine „überzeugende Methode der Moralbegründung“ (15) zu finden, denn die Zustimmung hänge ab von einer rationalen und intersubjektiv überzeugenden ...weiterlesen
Franziska Dübgen

Was ist gerecht? Kennzeichen einer transnationalen solidarischen Politik

Frankfurt a. M./New York: Campus Verlag 2014; 330 S.; kart., 39,90 €; ISBN 978-3-593-50099-7
Ist Entwicklungspolitik gerecht? Oder allgemeiner gefragt: Wie verhalten sich die beiden Begrifflichkeiten Entwicklung und Gerechtigkeit zueinander? Im Hintergrund der Frage steht, dass das ökonomisch‑modernistische Entwicklungsdispositiv trotz offensichtlicher Problematiken nichts von seiner Dominanz verloren hat. Zwar mehren sich kritische Stimmen, implizit wird jedoch weiterhin postuliert, dass Armut (als Ausdruck von Ungerechtigkeit) eine Frage ökonomischer (Unter‑)Entwicklung sei. Aber kann ein Entwicklungsmodell ...weiterlesen
Christian Waldhoff (Hrsg.)

Gnade vor Recht – Gnade durch Recht?

Berlin: Duncker & Humblot 2014 (Wissenschaftliche Abhandlungen und Reden zur Philosophie, Politik und Geistesgeschichte 81); 161 S.; 39,90 €; ISBN 978-3-428-14385-6
Bedarf eine Republik, die immer mehr Bereiche gesellschaftlichen Seins verrechtlicht, überhaupt der Gnade, die, wie der Herausgeber in seiner Einführung unter Rückgriff auf Montesquieu konstatiert, wie ein monarchistisches Relikt daherkommt? Während der Gnadenakt in der politischen Öffentlichkeit kaum thematisiert wird und nur dann punktuell im Diskurs aufflackert, wenn es etwa um die Gnadengesuche ehemaliger RAF‑Terroristinnen und ‑Terroristen geht, steht doch außer Frage, dass in der europäischen Rechtsphilosophie Recht und Gnade ...weiterlesen