Politik, Protest und Leidenschaft

Aus den Rezensionen vom 23. Juni 2016

Die Artikulation politischer Interessen, Meinungen und Forderungen wird heute vielfach als Event inszeniert, Politik auf Emotionen, auf „Spaß, Erlebnis, Spektakel und Vergnügen“ reduziert. Diesen Befund untermauert Gregor J. Betz in seiner Dissertation anhand von Fallbeispielen. Demnach geht es den Protestakteuren weniger um politische Inhalte, sondern um die Mobilisierung einer zunehmend desinteressierten Bevölkerung. Mit einer besonderen und bisher kaum als eigenständige Kategorie untersuchten Form des politischen Protestes setzt sich Christiane Leidinger auseinander: Sie entwirft eine Theorie politischer Aktionen und versucht dabei, mit einem engen Begriffsverständnis zugleich deren vielfältige Spielarten zu erfassen. Die Autorin differenziert zwischen der zum Teil juristisch wie moralisch gefärbten Außenwahrnehmung politischer Aktionen und der Binnenperspektive, die – von den Intentionen der Aktivist_innen ausgehend – ein umfassenderes Verständnis ermöglicht. Aus einer solchen Binnenperspektive heraus bietet Nadja Tolokonnikowa in ihrem Buch „Anleitung für eine Revolution“ tiefe Einblicke in die Aktionen der von ihr mitbegründeten russischen Punkband Pussy Riot. Ihre leidenschaftlichen Schilderungen, so heißt es in der Rezension, offenbaren geradezu ihren Drang zu politischer Aktion. Um künstlerisch-emanzipatorische Praktiken geht es auch in einem von Michael Brie herausgegebenen Sammelband zur kritischen Transformationsforschung. Dass mit künstlerischen Aktivitäten häufig eine Repolitisierung einhergeht, betrachtet Jacques Rancière als problematisch. In „Der emanzipierte Zuschauer“ philosophiert er in fünf Essays über das schwierige Verhältnis von Politik und Kunst und plädiert für eine „Entkoppelung von künstlerischen Hervorbringungen und gesellschaftlichen Zwecken“.

Bedeuten neue Formen der politischen Kommunikation auch ein Mehr an politischer Beteiligung? Nähert man sich dieser Frage aus dem Blickwinkel der Wahlforschung, muss sie verneint werden, wie sich in einem von Michael Jäckel und Uwe Jun edierten Sammelband am Beispiel der Wahlen zum Deutschen Bundestag zeigt. Zwar haben die Medien an Gewicht gewonnen und geben vor, wie Personen und Inhalte präsentiert werden. Dabei zeigt sich allerdings, dass die traditionellen Medien gegenüber den neuen sozialen Netzwerken immer noch als die wichtigere Informationsquelle wahrgenommen werden. Tatsächlich ist es zudem so, dass das Phänomen einer sozial ungleichen politischen Partizipation zunimmt, wie Armin Schäfer in seiner Habilitationsschrift nachweist – soziale Ungleichheit führt also zu einer Verringerung der Wahlbeteiligung. Um diese die Demokratie gefährdende Entwicklung aufzuhalten, empfiehlt Schäfer, über die Einführung einer Wahlpflicht nachzudenken. Die demokratische Mitwirkung von Migrantinnen und Migranten über die Ausländer- und Integrationsbeiräte, die auf kommunaler Ebene seit Jahrzehnten Verfahren zur politischen Repräsentation von Zuwanderern ermöglichen, untersucht Christiane Bausch. Ihr Ergebnis ist ernüchternd: Das Ziel der Inklusion werde nicht erreicht, sondern über die Festschreibung der Menschen als Zuwanderer sogar konterkariert. Als Ideal aktiver politischer Beteiligung wird in dem Band „Bürgerstaat und Staatsbürger“ das Schweizer Milizsystem vorgestellt. In diesem nehmen die Bürgerinnen und Bürger nebenberuflich öffentliche Aufgaben wahr – sie seien besser als eine Berufsverwaltung in der Lage, der erhöhten Dynamik und Komplexität der modernen Gesellschaft gerecht zu werden.

Christiane Leidinger

Zur Theorie politischer Aktionen. Eine Einführung

Münster: edition assemblage 2015; 152 S.; brosch., 12,80 €; ISBN 978-3-942885-96-6
Obwohl sich mit dem Fokus auf politische Aktionen sehr viel über Aktivist_innen und ihre Netzwerke, ihr Selbstverständnis sowie die Erfolgschancen von Protest erfahren lasse, behandele die etablierte Protest‑ und Bewegungsforschung politische Aktionen selten als gesonderte Kategorie, stellt Christiane Leidinger einleitend fest. Um politische Aktionen als eigenständiges Untersuchungselement von Protesten zu profilieren, unternimmt sie im Wesentlichen zwei Schritte. Sie erarbeitet einen Begriff von politischen Aktionen, der es erlaubt, ihn von benachbarten Begriffen möglichst genau ...weiterlesen
Gregor J. Betz

Vergnügter Protest. Erkundungen hybridisierter Formen kollektiven Ungehorsams

Wiesbaden: Springer VS 2016 (Erlebniswelten); XII, 299 S.; softc., 49,99 €; ISBN 978-3-658-11415-2
Diss. TU Dortmund; Begutachtung: R. Hitzler, M. Pfadenhauer. – Politik ist vieles und immer geht es auch um Interessen. Daran hat sich – abgesehen von den dem jeweiligen Zeitgeist geschuldeten Spielregeln – seit der Antike wenig geändert. Heute werden Politik im Allgemeinen und der Protest im Besonderen als Event verstanden und inszeniert, verdrängen den Kampf um Inhalte und Überzeugungen und wollen doch in ihrer Exklusivität wahrgenommen werden. Genau hier setzt die Analyse von Gregor J. Betz an. Betrachtet man die zunehmend ...weiterlesen
Nadja Tolokonnikowa

Anleitung für eine Revolution. Aus dem Russischen von Friederike Meltendorf und Jennie Seitz

Berlin: Hanser 2016; 220 S.; 17,90 €; ISBN 978-3-446-24774-1
Nadja Tolokonnikowa wird den meisten Menschen bekannt sein als Mitglied der künstlerisch‑politischen Gruppe Pussy Riot. In dem Buch gewährt sie tiefere Einblicke in die Vorbereitung und den Ablauf der Aktionen von Pussy Riot. Außerdem analysiert sie die politische Lage in Russland, besonders in Hinblick auf die Rechte von Frauen, Homosexuellen und der politischen Opposition insgesamt. Schließlich schildert sie ihren umstrittenen sechszehnmonatigen Gefängnisaufenthalt, der auf das „Punk‑Gebet“ von Pussy Riot in der Christ‑Erlöser‑Kathedrale folgte. Abgesehen von den höchst ...weiterlesen