Den Staat denken

Die neuen Rezensionen vom 23. Oktober 2014

Wie der Staat selbst ist auch das Denken über den Staat einem stetigen Wandel unterzogen. Trotz der Mehrdeutigkeit des Staatsbegriffes und verschiedener konkurrierender Verständnisse von Staat und Staatsbürgerschaft handele es sich dabei aber keinesfalls um „Universale", sondern um „geschichtlich konkrete Begriffe", wie Paul-Ludwig Weinacht in seinen Studien zur Begriffsgeschichte des Staates herausarbeitet. In seinen Abhandlungen geht er bis ins 14. Jahrhundert zurück, setzt sich mit theoretischen Klassikern ebenso wie mit gegenwärtigen Staatstheorien auseinander. Neben diesem Überblickswerk bieten zwei weitere Bände Gelegenheit zur Rückbesinnung auf klassische staatstheoretische Positionen. In dem von Peter Brandt und Detlef Lehnert edierten Sammelband geht es um das Staatsverständnis von Ferdinand Lassalle, der diesen anhand seiner rechtsphilosophischen Texte und Verfassungsreden in die Strömungen der sozialdemokratischen Staatstheorie eingeordnet wird. Auf diese Weise gelinge es den Autoren, wie Robert van Ooyen in der Rezension hervorhebt, Lassalle aus dem engen sozialdemokratischen Rezeptionskontext zu lösen und ihn als Klassiker des politischen Denkens zu verorten. Einen republikanischen Politikansatz verfolgt Hans Buchheim in seinem Werk Der neuzeitliche republikanische Staat, zu dessen Schlüsselbegriffen er unter anderem Frieden, Freiheit, Ebenbürtigkeit sowie Allgemeinwohl und Repräsentation zählt. Aus dieser Perspektive nimmt er Bezug auf das Grundgesetz und begreift die freiheitlich-demokratische Grundordnung als „das ‚freiheitlich-republikanische' Substrat der europäischen Staatsphilosophie".

Stine Marg

Mitte in Deutschland. Zur Vermessung eines politischen Ortes

Bielefeld: transcript Verlag 2014; 294 S.; kart., 32,99 €; ISBN 978-3-8376-2728-2
Diss. Göttingen; Begutachtung: F. Walter. – Um es gleich vorweg zu nehmen: Die politische und gesellschaftliche Mitte in Deutschland, sie existiert – sie ist also weder Utopie noch Phantom. Allerdings unterliegt sie vielfältigen Wandlungsprozessen und „Spreizungen“ (256). Stine Marg unternimmt in ihrer fundierten empirischen Analyse den Versuch, dazu gleich zwei Fragen zu beantworten. Bei beiden geht sie davon aus, dass es so etwas wie die politische und gesellschaftliche Mitte und ihre nachgerade „mystische Aura“ (11), um deren Eroberung politische Parteien aus ...weiterlesen
Theodor Heuss (Hrsg.)

Privatier und Elder Statesman. Briefe 1959-1963. Herausgegeben und bearbeitet von Frieder Günther

Berlin/Boston: Walter de Gruyter 2014 (Theodor Heuss. Stuttgarter Ausgabe: Briefe); 621 S.; 39,95 €; ISBN 978-3-598-25129-0
Langsam fiel er aus der Zeit – Theodor Heuss, der 1959 seine zweite Amtszeit als Bundespräsident beendete, mag sich zwar nicht grundsätzlich geändert haben. Die junge Bundesrepublik aber, der er beim Übergang von Diktatur zu Demokratie zweifelsohne geholfen hatte, beschleunigte sich in ihrer Modernisierung, es kam zu einer „‚Umgründung der Republik‘“, wie Herausgeber Frieder Günther in der Einleitung Manfred Görtemaker zitiert. „Seit etwa 1957 entwickelte sich ...weiterlesen
Jörg Hafkemeyer

Der Patriot. Der lange Weg des Egon Bahr

Berlin: vorwärts buch GmbH 2012; 157 S.; 20,- €; ISBN 978-3-86602-315-4
Egon Bahr wird in dieser „Art von Biografie“ anlässlich seines 90. Geburtstages gewürdigt. Der Journalist Jörg Hafkemeyer stellt dabei die Genese der neuen Ostpolitik und ihre Umsetzung 1970 in den Verträgen von Moskau und Warschau sowie im Grundlagenvertrag 1972 in den Mittelpunkt. Als enger Mitarbeiter Willy Brandts – als sein „Kammerdiener“ (14), wie er selbst scherzhaft meinte – und dann vor allem in seiner Funktion als Staatssekretär im Bundeskanzleramt hatte Bahr den „Wandel durch Annäherung“, so die von ihm gefundene ...weiterlesen