Die große Transformation

Aus den Rezensionen vom 25. August 2016

Der Anker, den Karl Polanyi 1944 mit „The Great Transformation“ geworfen hat, um die Entwicklung der Gesellschaft unter dem Einfluss der Marktwirtschaft trotz aller ideologischen Hochwasser analysieren zu können, liegt noch heute fest auf Grund. Die Frage, wie die von ihm diagnostizierte Verselbstständigung der Ökonomie wieder zu vertäuen ist, prägt beispielsweise die Analysen im Doppelband „Transformation im 21. Jahrhundert“, in dem nach den zeitgemäßen Perspektiven für eine Gesellschaft Ausschau gehalten wird, die es trotz Deregulierung und Rückbau von Sozialleistungen nicht aufgegeben hat, sich als Gemeinschaft zu verstehen. Die Autoren nehmen deshalb Kurs auf die Postwachstumsgesellschaft. Michael Brie zeigt in einem fiktiven Dialog Polanyis mit Nancy Fraser, dass dessen Analyse sich nicht nur mit dem Naturschutz, sondern auch dem Streben nach Emanzipation verknüpfen lässt – mit den Texten beider, des Wirtschaftshistorikers und der Feministin, lässt sich in Richtung einer solidarischen Gesellschaft und einer besseren Marktordnung weiterdenken. Überlegungen zur Postwachstumsgesellschaft setzen auch den Band „Wachstum im Wandel“ der Bertelsmann Stiftung unter Segel. In einem der Beiträge sieht Hartmut Rosa den gegenwärtigen Wachstumszwang als Systemfehler des Gegenwartskapitalismus, Markt und Wettbewerb sollten vielmehr einen begrenzten Ort zugewiesen bekommen, ganz im Sinne – so der Tenor des Bandes – einer sozialen Marktwirtschaft, die ihren Namen verdient.

Bedeuten neue Formen der politischen Kommunikation auch ein Mehr an politischer Beteiligung? Nähert man sich dieser Frage aus dem Blickwinkel der Wahlforschung, muss sie verneint werden, wie sich in einem von Michael Jäckel und Uwe Jun edierten Sammelband am Beispiel der Wahlen zum Deutschen Bundestag zeigt. Zwar haben die Medien an Gewicht gewonnen und geben vor, wie Personen und Inhalte präsentiert werden. Dabei zeigt sich allerdings, dass die traditionellen Medien gegenüber den neuen sozialen Netzwerken immer noch als die wichtigere Informationsquelle wahrgenommen werden. Tatsächlich ist es zudem so, dass das Phänomen einer sozial ungleichen politischen Partizipation zunimmt, wie Armin Schäfer in seiner Habilitationsschrift nachweist – soziale Ungleichheit führt also zu einer Verringerung der Wahlbeteiligung. Um diese die Demokratie gefährdende Entwicklung aufzuhalten, empfiehlt Schäfer, über die Einführung einer Wahlpflicht nachzudenken. Die demokratische Mitwirkung von Migrantinnen und Migranten über die Ausländer- und Integrationsbeiräte, die auf kommunaler Ebene seit Jahrzehnten Verfahren zur politischen Repräsentation von Zuwanderern ermöglichen, untersucht Christiane Bausch. Ihr Ergebnis ist ernüchternd: Das Ziel der Inklusion werde nicht erreicht, sondern über die Festschreibung der Menschen als Zuwanderer sogar konterkariert. Als Ideal aktiver politischer Beteiligung wird in dem Band „Bürgerstaat und Staatsbürger“ das Schweizer Milizsystem vorgestellt. In diesem nehmen die Bürgerinnen und Bürger nebenberuflich öffentliche Aufgaben wahr – sie seien besser als eine Berufsverwaltung in der Lage, der erhöhten Dynamik und Komplexität der modernen Gesellschaft gerecht zu werden.

Silke Hünecke

Überwindung des Schweigens. Erinnerungspolitische Bewegung in Spanien

Münster: edition assemblage 2015; 300 S.; 24,80 €; ISBN 978-3-942885-73-7
Erinnerungspolitik ist ein wesentliches Element der Aufarbeitung und Überwindung der Verbrechen repressiver und diktatorischer Systeme. In Falle der Franco‑Diktatur in Spanien allerdings kennzeichnete sich die Transici Ón, also der langsame Übergang von der Diktatur zur repräsentativen Demokratie, durch die Leitung, Kontrolle und Zustimmung der franquistischen Eliten. Hierbei war die Amnestie für die Träger des Franquismus wesentliche Bedingung für den Übergang zur Demokratie. „Dies hatte ein gesamtgesellschaftliches Schweigen ...weiterlesen
Ulrich Mählert (Hrsg.)

Die DDR als Chance. Neue Perspektiven auf ein altes Thema. Hrsg. im Auftrag der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur

Berlin: Metropol Verlag 2016; 220 S.; 16,- €; ISBN 978-3-86331-283-1
Der Blick fällt zunächst auf das Autorenverzeichnis und man fängt an zu suchen – aber es fehlen einige Namen, die einem spontan einfallen würden, etwa Historiker wie Ilko‑Sascha Kowalczuk, die unmittelbar mit der Materie arbeiten und lebensecht darüber schreiben können, oder Nachwuchswissenschaftler wie Emmanuel Droit, die jüngst erhellende Dissertationen vorgelegt haben. Aber statt einen frischen Blick auf den Forschungsstand zu werfen, dreht sich der Band immer wieder um das verstaubte Diktum von 2003, die DDR sei ...weiterlesen
Peter Hallama / Stephan Stach (Hrsg.)

Gegengeschichte. Zweiter Weltkrieg und Holocaust im ostmitteleuropäischen Dissens

Leipzig: Leipziger Universitätsverlag 2015 (Schriftenreihe der Societas Jablonoviana 3); 294 S.; hardc., 29,- €; ISBN 978-3-86583-933-6
Die Annahme, dass erst nach dem Ende des Staatssozialismus in Mittel‑ und Osteuropa die Aufarbeitung des Zweiten Weltkriegs und des Holocausts eingesetzt habe, sei ein weitverbreitetes Vorurteil, wie die Herausgeber in ihrer Einleitung klarstellen. Bei der Erforschung kommunistischer Geschichtspolitik gebe es die Neigung, „die ideologischen Ziele der Machthaber mit der sozialen Realität gleichzusetzen“ (10). Dies sei ein Fehler, kritisieren Peter Hallama und Stephan Stach. Denn schon weit vor dem Fall des ...weiterlesen