Die herausgeforderte Demokratie

Aus den neuen Rezensionen vom 5. März 2015

Der Strom der Schriften, in denen die Schattenseiten des neoliberalen Wirtschaftens rund um den Globus aufgelistet, kritisiert und mit Änderungsvorschlägen konfrontiert werden, hält unvermindert an. Exemplarisch dafür steht dieses Mal das Buch „Teilen, nicht töten", in dem Friedhelm Hengsberg wider den „Imperialismus des Internationalen Finanzkapitals" anschreibt. Er fordert eine gelebte Solidarität, verwirklicht in einem demokratiekonformen Kapitalismus. Bisher aber scheint eher die Demokratie marktkonform zu sein – ein Zustand, der an ihrem Fundament zu zehren droht. Nimmt man aber das große Ganze des demokratischen Staates in den Blick, kann bei dieser Analyse nicht mehr stehen geblieben werden. Denn von nicht zu unterschätzender Bedeutung für Wohl und Wehe der Demokratie ist, dass sie zwar in der Antike erfunden wurde, jetzt aber im digitalen Zeitalter zu bestehen hat. Was dies bedeutet, zeigt eine Frage in dem Sammelband „Voraussetzungen und Garantien des Staates": Behält das Diktum Böckenfördes, dass der freiheitliche Staat von Voraussetzungen lebe, die er selbst nicht garantieren könne, unter veränderten technologisierten Bedingungen überhaupt seine Gültigkeit? Oder müssen, um die Wirklichkeit von Staat, Gesellschaft und Demokratie zu erfassen, jetzt gänzlich andere Erklärungsansätze entwickelt werden? Auf welche Herausforderungen dabei im Extremfall zu antworten ist, illustriert der Band „Die globale Überwachung" von Glenn Greenwald über die Enthüllungen Edward Snowdens.

Martin Welker / Monika Taddicken / Jan-Hinrik Schmidt / Nikolaus Jackob (Hrsg.)

Handbuch Online-Forschung. Sozialwissenschaftliche Datengewinnung und -auswertung in digitalen Netzen

Köln: Herbert von Halem Verlag 2014 (Neue Schriften zur Online-Forschung 12); 588 S.; hardc., 38,- €; ISBN 978-3-86962-090-9
Der digitale Strukturwandel hat längst auch die Wissenschaft erfasst. Um dessen Bedeutung für die sozialwissenschaftliche Empirie zu verstehen, braucht es keine drastischen Deutungen wie jene, nun würden „Social Physics“ (Alex Pentland) die Sozialwissenschaften ersetzen. Eine überzeugendere Basis liefert dieses Handbuch. Es führt grundlegend in das Thema Online‑Forschung ein und offenbart dessen enorme Komplexität. Die sechs Abschnitte befassen sich mit den...weiterlesen
Hans Vorländer (Hrsg.)

Demokratie und Transzendenz. Die Begründung politischer Ordnungen

Bielefeld: transcript Verlag 2013 (Edition Politik); 530 S.; 39,80 €; ISBN 978-3-8376-2278-2
Für die Mehrzahl der Beiträge dieses Bandes ist ex‑ oder implizit das Diktum von Ernst‑Wolfgang Böckenförde leitend, dass der freiheitliche, säkularisierte Staat von Voraussetzungen lebe, die er selbst nicht garantieren könne. Vorländer bezeichnet diese Voraussetzungen in seiner Einführung als „Diskurse, die Indisponibilitäten zu generieren versuchen“ (15). Dabei handele es sich um „Annahmen, Vorstellungen, Diskurse und Praktiken“, die das „positiv gesetzte...weiterlesen
Ralph Weber / Martin Beckstein

Politische Ideengeschichte. Interpretationsansätze in der Praxis

Göttingen u. a.: Vandenhoeck & Ruprecht 2014 (Uni Taschenbücher 4174); 249 S.; kart., 19,99 €; ISBN 978-3-8252-4174-2
Innerhalb der Subdisziplin der Politischen Theorie und Ideengeschichte ist zuletzt ein gesteigertes Interesse an Methodenfragen zu beobachten (siehe Buch‑Nr. 45105 und Buch‑Nr. 41238), und eben dieser Trend setzt sich mit dem Werk von Ralph Weber und Martin Beckstein fort. Die Autoren richten ihr Augenmerk in dem als Lehrbuch angelegten Band auf Interpretationsansätze in der politischen Ideengeschichte. Hervorzuheben ist, dass sie es dabei nicht bei der bloßen...weiterlesen