Was ist Kapitalismus?

Aus den Rezensionen vom 4. Mai 2016

Weder Adam Smith noch David Ricardo verwenden ihn, bei Karl Marx taucht er nur einmal auf und erst Werner Sombart führt 1902 „Kapitalismus“ als analytischen Begriff ein – so nachzulesen im Handbuch der Politischen Philosophie und Sozialphilosophie. Die Genese des damit beschriebenen wirtschaftlichen Systems liegt allerdings so weit zurück, dass es als natürlicher Ausdruck der menschlichen Neigung zum Tausch wahrgenommen wird, kritisiert die kürzlich verstorbene Historikerin Ellen Meiksins Wood. Um eine alternative Erzählung zu ermöglichen, historisiert sie in ihrem Buch „Der Ursprung des Kapitalismus“ diese Wahrnehmung und öffnet den Blick für wirtschaftliche Transformationen und politische Verknüpfungen. Die Schichten, die sich durch historische wie ideengeschichtliche Entwicklungen im Laufe der Zeit abgelegt haben, werden auch in dem Band „Die Aktualität von Adam Smith“ freigelegt. Der große Begründer von Nationalökonomie und freier Marktwirtschaft gewinnt so keineswegs als Marktradikaler Kontur, sondern als ein Verfechter einer Ökonomie mit Moral, der dezidiert auf die gesamtstaatliche Verantwortung für Sicherheit, Infrastruktur und soziale Unterstützung hinwies. Die Theorie von Adam Smith ist auch Ausgangspunkt der „Analysen und Leitbilder des Kapitalismus“, die Jürgen Kromphardt in seinem überarbeiteten Standardwerk in ihren politischen wie historischen Bezügen erläutert. Damit erzählt er keine lineare Fortschrittsgeschichte, sondern zeigt den Kapitalismus als Teil der gesamtgesellschaftlichen Entwicklung mit all ihren Krisen und Widersprüchen. Als jüngstes Phänomen wird der Übergang vom Wohlfahrts- zum Finanzmarktkapitalismus herausgestellt, den es nun in seinen Konsequenzen zu verstehen gilt.

Bedeuten neue Formen der politischen Kommunikation auch ein Mehr an politischer Beteiligung? Nähert man sich dieser Frage aus dem Blickwinkel der Wahlforschung, muss sie verneint werden, wie sich in einem von Michael Jäckel und Uwe Jun edierten Sammelband am Beispiel der Wahlen zum Deutschen Bundestag zeigt. Zwar haben die Medien an Gewicht gewonnen und geben vor, wie Personen und Inhalte präsentiert werden. Dabei zeigt sich allerdings, dass die traditionellen Medien gegenüber den neuen sozialen Netzwerken immer noch als die wichtigere Informationsquelle wahrgenommen werden. Tatsächlich ist es zudem so, dass das Phänomen einer sozial ungleichen politischen Partizipation zunimmt, wie Armin Schäfer in seiner Habilitationsschrift nachweist – soziale Ungleichheit führt also zu einer Verringerung der Wahlbeteiligung. Um diese die Demokratie gefährdende Entwicklung aufzuhalten, empfiehlt Schäfer, über die Einführung einer Wahlpflicht nachzudenken. Die demokratische Mitwirkung von Migrantinnen und Migranten über die Ausländer- und Integrationsbeiräte, die auf kommunaler Ebene seit Jahrzehnten Verfahren zur politischen Repräsentation von Zuwanderern ermöglichen, untersucht Christiane Bausch. Ihr Ergebnis ist ernüchternd: Das Ziel der Inklusion werde nicht erreicht, sondern über die Festschreibung der Menschen als Zuwanderer sogar konterkariert. Als Ideal aktiver politischer Beteiligung wird in dem Band „Bürgerstaat und Staatsbürger“ das Schweizer Milizsystem vorgestellt. In diesem nehmen die Bürgerinnen und Bürger nebenberuflich öffentliche Aufgaben wahr – sie seien besser als eine Berufsverwaltung in der Lage, der erhöhten Dynamik und Komplexität der modernen Gesellschaft gerecht zu werden.

Michel Foucault

Die Strafgesellschaft. Vorlesung am Collège de France 1972-1973. Aus dem Französischen von Andrea Hemminger

Frankfurt a. M.: Suhrkamp 2015; 444 S.; 44,- €; ISBN 978-3-518-58621-1
Lange Zeit wurde auf die unveröffentlichten und von Foucault selbst nicht zur Publikation freigegebenen Manuskripte gewartet, die sich noch im Nachlass befinden. „Die Strafgesellschaft“ stellt dabei ein besonders begehrtes Material dar, denn sie enthält nicht weniger als die Vorarbeiten zu Foucaults Epochenwerk „Überwachen und Strafen“, das nicht nur einen bedeutenden Punkt in dessen Schaffen, sondern der jüngsten politischen Theoriegeschichte insgesamt markiert. Die 13 Vorlesungen sind systematisch ...weiterlesen
Hans-Martin Schönherr-Mann

Gewalt, Macht, individueller Widerstand. Staatsverständnisse im Existentialismus

Baden-Baden: Nomos Verlagsgesellschaft 2015 (Staatsverständnisse 77); 300 S.; brosch., 49,- €; ISBN 978-3-8487-1900-6
Der Existentialismus hat in der Staatstheorie bislang eine weitgehend marginalisierte Rolle gespielt. Das ist nicht verwunderlich, geht er doch von einem Primat des Individuums gegenüber dem Staat aus. Dass insbesondere der emanzipatorische Existentialismus, der vor allem mit den Namen Camus, Sartre, Merleau‑Ponty und de Beauvoir verbunden ist, dem Staat dabei „nicht nur eine abgrenzende Rolle“ zugesteht, sondern vielmehr „ein zivilgesellschaftliches Staatsverständnis, wi...weiterlesen
Nicola Condoleo

Vom Imaginären zur Autonomie. Grundlagen der politischen Philosophie von Cornelius Castoriadis

Bielefeld: transcript Verlag 2015; 195 S.; kart., 34,99 €; ISBN 978-3-8376-3189-0
Diss. phil. Zürich; Begutachtung: G. Kohler, P. Merz‑Benz. – Ins Zentrum ihrer Rekonstruktion der politischen Philosophie von Cornelius Castoriadis stellt Nicola Condoleo die Begriffe des Imaginären und der Autonomie. Das Imaginäre bezeichnet bei Castoriadis die grundlegende Fähigkeit der Gesellschaft, Bedeutungen zu erschaffen. Er unterscheidet dabei zwischen dem radikal Imaginären, dem schöpferischen Akt, bei dem neue Bedeutungen produziert werden, und den instituierten Bedeutungen , dem aktual Imaginären. Verliert die Gesellschaft das Bewusstsein ...weiterlesen