„Ändere die Welt!“

Aus den Rezensionen vom 4. Februar 2016

Der Google-Mutterkonzern Alphabet ist jetzt das wertvollste börsennotierte Unternehmen der Welt – dieses Zeichen der Zeit ist keine Überraschung, folgt man der Argumentation des italienischen Philosophen Franco „Bifo“ Berardi. Mit marxistischen Analysetools erklärt er, was passiert ist: Die digitale Welt hat es dem globalen Finanzkapitalismus ermöglicht, sich zu verselbstständigen; in seiner zugespitzten Form hat er sich vom Menschen befreit und generiert seine Gewinne ohne ihn, Individuum und Gesellschaft sind marginalisiert. „Der Aufstand“ wird sich dieser Entwicklung aber entgegensetzen, ist sich Berardi sicher, der erste Schritt zur Handlungsfähigkeit müsse die Rückeroberung der Sprache vom Neoliberalismus sein. Mimmo Porcaro, einer der prominentesten Vordenker der italienischen Kommunisten, schlägt für den nächsten Schritt eine moderne sozialistische Staatlichkeit vor, in der sich zwei Komponenten verbinden: formale staatliche Institutionen und freie Kooperationen der Bürger. Im zweiten Band der „Welt der Commons“ wird ein neuer Raum zwischen staatlicher Steuerung und freiem Markt entworfen. Herausgestellt werden Erfahrungen mit gemeinsamem Handeln bei der Nutzung von Ressourcen (Ackerland, Wälder) und die Möglichkeiten bei internetbasierten Technologien, in Kunst und Forschung. Deutlich wird, dass es zur erfolgreichen Erweiterung dieses Raumes einer Kultur des Commoning bedarf, die durch persönliches Engagement und nicht durch Regeln und Institutionen dominiert ist. Angesichts von Armut und Hunger auf der Welt ist auch Jean Ziegler von der Notwendigkeit eines Kampfes gegen die Diktatur des Finanzkapitalismus, wie er schreibt, zutiefst überzeugt. Der globalen Zivilgesellschaft, die er im Entstehen sieht, ruft er zu: „Ändere die Welt!“

Bedeuten neue Formen der politischen Kommunikation auch ein Mehr an politischer Beteiligung? Nähert man sich dieser Frage aus dem Blickwinkel der Wahlforschung, muss sie verneint werden, wie sich in einem von Michael Jäckel und Uwe Jun edierten Sammelband am Beispiel der Wahlen zum Deutschen Bundestag zeigt. Zwar haben die Medien an Gewicht gewonnen und geben vor, wie Personen und Inhalte präsentiert werden. Dabei zeigt sich allerdings, dass die traditionellen Medien gegenüber den neuen sozialen Netzwerken immer noch als die wichtigere Informationsquelle wahrgenommen werden. Tatsächlich ist es zudem so, dass das Phänomen einer sozial ungleichen politischen Partizipation zunimmt, wie Armin Schäfer in seiner Habilitationsschrift nachweist – soziale Ungleichheit führt also zu einer Verringerung der Wahlbeteiligung. Um diese die Demokratie gefährdende Entwicklung aufzuhalten, empfiehlt Schäfer, über die Einführung einer Wahlpflicht nachzudenken. Die demokratische Mitwirkung von Migrantinnen und Migranten über die Ausländer- und Integrationsbeiräte, die auf kommunaler Ebene seit Jahrzehnten Verfahren zur politischen Repräsentation von Zuwanderern ermöglichen, untersucht Christiane Bausch. Ihr Ergebnis ist ernüchternd: Das Ziel der Inklusion werde nicht erreicht, sondern über die Festschreibung der Menschen als Zuwanderer sogar konterkariert. Als Ideal aktiver politischer Beteiligung wird in dem Band „Bürgerstaat und Staatsbürger“ das Schweizer Milizsystem vorgestellt. In diesem nehmen die Bürgerinnen und Bürger nebenberuflich öffentliche Aufgaben wahr – sie seien besser als eine Berufsverwaltung in der Lage, der erhöhten Dynamik und Komplexität der modernen Gesellschaft gerecht zu werden.

Ulrich Beck / Martin Mulsow (Hrsg.)

Vergangenheit und Zukunft der Moderne

Frankfurt a. M.: Suhrkamp 2014 (edition suhrkamp 2685); 430 S.; 20,- €; ISBN 978-3-518-12685-1
Der Sammelband lebt von seiner streng analytischen Fragestellung: In welcher Weise kann ein Dialog von soziologischen und geschichtswissenschaftlichen Perspektiven die Begriffe der „Ersten“ und „Zweiten“ Moderne schärfen? Einer umfangreichen Einleitung folgen neun Beiträge, in denen die Autor_innen sowohl dem Epochencharakter der beiden Modernen als auch deren Verlauf nachspüren und danach fragen, welche Dynamiken den Wandlungsprozess moderner Gesellschaften auszeichnetenund wie deren Periodisierung ...weiterlesen
Volker Gerhardt / Clemens Kauffmann / Hans-Christof Kraus / Reinhard Mehring / Peter Nitschke / Henning Ottmann / Martyn P. Thompson / Barbara Zehnpfennig (Hrsg.)

Politisches Denken. Jahrbuch 2014

Berlin: Duncker & Humblot 2014; 283 S.; 79,90 €; ISBN 978-3-428-14542-3
Die 1989 gegründete Deutsche Gesellschaft zur Erforschung des Politischen Denkens (DGEPD) versteht sich als eine Plattform, die durch internationale Kooperation und Kontakt mit der handelnden Politik eine breite, interdisziplinär ausgelegte Befassung mit Politik ermöglichen und fördern möchte. Das Jahrbuch 2014 erinnert mit einem Teil der Beiträge an die Anfänge der DGEPD. Dazu gehört einleitend ein kurzer Abriss der unter anderem von Gerhardt, Höffe, Ottmann, Thompson und Vollrath betriebenen Gründung und ihrer – nach Überwindung ...weiterlesen
Michael Burawoy

Public Sociology. Öffentliche Soziologie gegen Marktfundamentalismus und globale Ungleichheit. Hrsg. von Brigitte Aulenbacher und Klaus Dörre. Aus dem amerikanischen Englisch übersetzt von Regine Othmer

Weinheim/Basel: Beltz Juventa 2015 (Arbeitsgesellschaft im Wandel); 258 S.; 19,95 €; ISBN 978-3-7799-3047-1
Mit seinem Plädoyer für eine öffentliche Soziologie, erstmals 2004 als Ansprache an die American Sociological Association vorgetragen, hat der an der University of California, Berkeley, lehrende Michael Burawoy eine auch in Deutschland rasch an Aufmerksamkeit gewinnende Debatte über den Status des Faches angestoßen. Auf der Basis eines soziologischen Marxismus argumentiert Burawoy für eine reflexive, ebenso kapitalismus‑ und wissenschaftskritisch ausgelegte Erneuerung der fachlichen Perspektive, die drei Herausforderungen zugleich ...weiterlesen