Neue Fragen an die Philosophie

Aus den Rezensionen vom 1. Dezember 2016

Die Politische Philosophie in ihrer europäischen Ausprägung ist eine lange, in sich verwobene Ideengeschichte, die neue Ansätze immer wieder in Rückkopplung auf ältere Ausformulierungen gewinnt. Wie fruchtbar dieses Vorgehen seit mittlerweile über zweitausend Jahren immer noch ist, vermittelt ein Tagungsband, der auf den 26. Weltkongress der International Association for Philosophy of Law and Social Philosophy zurückgeht: Hier erweist sich die Rechtsphilosophie Kants als nach wie vor aktueller Ausgangspunkt, um über das Spannungsverhältnis von Recht und Moral und in der Folge über das von Freiheit und Zwang nachzudenken. Dennoch ist mit dem nunmehr erschienenen dritten Band der Reihe „Politische Theorien der Gegenwart“ festzustellen, dass sich für das 21. Jahrhundert auch ganz neue Themen in den Vordergrund schieben: nicht mehr zu übersehen der Feminismus, aber etwa auch die Frage, ob und wieweit wir in die Postdemokratie geraten sind, oder wie Konzepte wie das der Akteur-Netzwerke nach Bruno Latour die politische Gegenwart zu erklären helfen. In dem von Philipp H. Roth publizierten Band „Macht“ sind ebenfalls Beiträge unter anderem zur Postdemokratie, zum Semiotischen als eigener Dimension sowie Nietzsche und Luhmann verbindende Überlegungen zur sozialen Macht zu finden. Zudem wird noch eine neue Erscheinung der Macht hervorgehoben – diejenige, die durch eine zunehmende Vernetzung von Kommunikation und Technologien die Gesellschaft neu gerade strukturiert.

Bedeuten neue Formen der politischen Kommunikation auch ein Mehr an politischer Beteiligung? Nähert man sich dieser Frage aus dem Blickwinkel der Wahlforschung, muss sie verneint werden, wie sich in einem von Michael Jäckel und Uwe Jun edierten Sammelband am Beispiel der Wahlen zum Deutschen Bundestag zeigt. Zwar haben die Medien an Gewicht gewonnen und geben vor, wie Personen und Inhalte präsentiert werden. Dabei zeigt sich allerdings, dass die traditionellen Medien gegenüber den neuen sozialen Netzwerken immer noch als die wichtigere Informationsquelle wahrgenommen werden. Tatsächlich ist es zudem so, dass das Phänomen einer sozial ungleichen politischen Partizipation zunimmt, wie Armin Schäfer in seiner Habilitationsschrift nachweist – soziale Ungleichheit führt also zu einer Verringerung der Wahlbeteiligung. Um diese die Demokratie gefährdende Entwicklung aufzuhalten, empfiehlt Schäfer, über die Einführung einer Wahlpflicht nachzudenken. Die demokratische Mitwirkung von Migrantinnen und Migranten über die Ausländer- und Integrationsbeiräte, die auf kommunaler Ebene seit Jahrzehnten Verfahren zur politischen Repräsentation von Zuwanderern ermöglichen, untersucht Christiane Bausch. Ihr Ergebnis ist ernüchternd: Das Ziel der Inklusion werde nicht erreicht, sondern über die Festschreibung der Menschen als Zuwanderer sogar konterkariert. Als Ideal aktiver politischer Beteiligung wird in dem Band „Bürgerstaat und Staatsbürger“ das Schweizer Milizsystem vorgestellt. In diesem nehmen die Bürgerinnen und Bürger nebenberuflich öffentliche Aufgaben wahr – sie seien besser als eine Berufsverwaltung in der Lage, der erhöhten Dynamik und Komplexität der modernen Gesellschaft gerecht zu werden.

Lars P. Feld / Ekkehard A. Köhler / Jan Schnellenbach (Hrsg.)

Föderalismus und Subsidiarität

Tübingen: Mohr Siebeck 2016 (Untersuchungen zur Ordnungstheorie und Ordnungspolitik 68); 199 S.; 55,00 €; ISBN 978-3-16-153839-1
Wie lassen sich, so fragen die Herausgeber in ihrem Vorwort, Zentralisierung und Dezentralisierung innerhalb eines politischen Systems in ein ausgewogenes Verhältnis bringen – allzumal, wenn föderale Strukturen noch in supranationale Kontexte eingebettet sind? Im Zuge der Reaktion auf diese Problematik versammelt der Band sowohl Grundsatzbeiträge als auch solche, die spezifischen (Teil‑)Problemstellungen gewidmet sind. Von ebenso grundsätzlicher wie aktueller Bedeutung ist die von Roland Vaubel in seinem Beitrag mit Blick auf die Europäische ...weiterlesen
Nicole Deitelhoff / Michael Zürn

Lehrbuch der Internationalen Beziehungen. Per Anhalter durch die IB-Galaxis

München: C. H. Beck 2016; 390 S.; ISBN 978-3-406-65439-8
„Keine Panik“, so lautet der Eintrag über den Planeten Erde in dem von Douglas Adams geschriebenen interstellaren Reiseführer „Per Anhalter durch die Galaxis“. Dieses Lehrbuch stellt sich mit seinem „kurzweiligen wie informativen“ (Verlagsankündigung) Angebot in diese Tradition, wenn es durch die „Internationalen Beziehungen (IB) als Galaxis“ (11) zu führen verspricht. Das Orientierungsangebot von Nicole Deitelhoff und Michael Zürn folgt dabei dieser Logik: Das multiparadigmatische Universum der Internationalen Beziehungen bietet – ähnlich ...weiterlesen
Felix Wassermann

Asymmetrische Kriege. Eine politiktheoretische Untersuchung zur Kriegführung im 21. Jahrhundert

Frankfurt a. M./New York: Campus Verlag 2015; 357 S.; 29,90 €; ISBN 978-3-593-50314-1
Diss. HU Berlin; Begutachtung: H. Münkler, C. Daase. – Das Phänomen Krieg ist Bestandteil der menschlichen Existenz. Daher wundert es nicht, dass immer wieder neu versucht wird, es zu analysieren, zu kategorisieren und zu verstehen. Seit der Antike wurden ganze Theoriegebäude errichtet, um den klassischen, den großen Krieg zu beschreiben. Doch dieser Krieg verändert sich, er passt sich wie ein Chamäleon den jeweiligen Konflikten an, erfindet sich immer wieder neu. Wenn es nach 1945 ein verbindendes Element gibt, so ist es die ...weiterlesen