Der liberale Kern

Die neuen Rezensionen vom 16. Oktober 2014

Die Schriften des englischen Philosophen und Ökonomen John Stuart Mill regen nach wie vor an, über eine liberale Zivilisierung der Welt nachzudenken. Dies zeigt eine neu publizierte Sammlung einiger seiner Aufsätze. Als von ungebrochener Aktualität erweisen sich seine Forderungen nach einer innenpolitisch bedeutsamen liberalen Aktivierung des gebildeten Bürgers, der eigenverantwortlich etwa gegen zentralistische Tendenzen des Staats handelt, und nach einer außenpolitisch wirksamen liberalen Emanzipation der Menschheit. Diese Lektüre könnte, gerade mit Blick auf die Bundesrepublik, mit der eines Bandes über die Freiburger Kreise gekoppelt werden, in dem auch an Walter Euckens ordoliberale Ideen über die Ausgestaltung einer sozial gebundenen Wirtschaft erinnert wird. Weitaus jüngeren Datums sind die Überlegungen Judith N. Shklars über den Liberalismus der Furcht von 1989, die nun auf Deutsch vorliegen und von Essays begleitet werden, was sicher der weiteren Rezeption den Weg ebnen wird. Die 1992 verstorbene Politikwissenschaftlerin formulierte an den Liberalismus die Aufgabe, mittels des demokratischen Verfassungsstaates der Grausamkeit Einhalt zu gebieten und politische Bedingungen herzustellen, die jeden Menschen ohne Furcht und Vorurteil frei handeln lassen. Dem Eigentum schreibt sie dabei eine marginale Rolle zu, dem Erhalt des Arbeitsplatzes eine große. Shklar sieht dieses liberale Verständnis denn auch nicht in Macht- und Verteilungskämpfen der frühen Neuzeit verwurzelt, sondern in den Religionskriegen und damit im Kampf um Toleranz.

François Guesnet / Gwen Jones (Hrsg.)

Antisemitism in an Era of Transition. Continuities and Impact in Post-Communist Poland and Hungary

Frankfurt a. M. u. a.: Peter Lang 2014; 301 S.; 59,95 €; ISBN 978-3-631-64629-8
Antisemitische Ideologien haben sich insbesondere während des 19. Jahrhunderts entwickeln können und existieren bis heute fort. Mit Polen und Ungarn konzentrieren sich die Autor_innen dieses Sammelbandes auf zwei osteuropäische Länder, in denen der Antisemitismus seit seiner Entstehung eine Rolle gespielt hat und die auch in jüngerer Zeit Gegenstand medialer Berichterstattung über antisemitische Äußerungen und geplante terroristische Aktivitäten waren. „Its [the volume‘s] main focus […] is to assess how post‑Communist transition has affected ...weiterlesen
Alexandra Bartels / Tobias von Borcke / Markus End / Anna Friedrich (Hrsg.)

Antiziganistische Zustände 2. Kritische Positionen gegen gewaltvolle Verhältnisse

Münster: Unrast 2013; 358 S.; 19,80 €; ISBN 978-3-89771-518-9
Mit dem Sammelband richten sich die Autorinnen und Autoren gegen die „Stigmatisierung und Verfolgung von Menschen, die als ‚Zigeuner‘ fremd identifiziert werden“ und verstehen ihre Beiträge „als Bestandteil einer umfassenden Gesellschaftskritik“ (8). Sie verfolgen damit einen interdisziplinären Ansatz, um Antiziganismus als soziales Phänomen zu analysieren und ihn damit „theoretisch wie in der Praxis zu bekämpfen“ (18). Alexandra Bartels eröffnet den Band mit einer Diskussion um die Diskriminierung, die sich aus ...weiterlesen
Gergana Baeva

Nationale Identität als Medieninhalt. Theoretische Konzeption und empirische Messung am Beispiel Bulgariens

Baden-Baden: Nomos Verlagsgesellschaft 2014 (Schriftenreihe Politische Kommunikation und demokratische Öffentlichkeit 11); 341 S.; brosch., 64,- €; ISBN 978-3-8487-1338-7
Diss. FU Berlin. – Gergana Baeva geht mit Blick auf die Konstruktionsmechanismen kollektiver Identität zwei miteinander verbundenen Fragen nach. Zum einen fragt sie, „welche Nationalität in den bulgarischen Massenmedien ausgehandelt und verbreitet wird“ (15). Daran anschließend und mit Blick auf den Prozess der europäischen Integration untersucht sie ferner, inwiefern die Öffnung nach Europa Rückwirkungen auf die nationale Identitätskonstruktion mit sich bringt. Nationale Identität wird also als Ergebnis eines diskursiven Prozesses ...weiterlesen