Diktatur im Detail

Aus den Rezensionen vom 26. Mai 2016

Repression, die in bürokratische Prozesse gefasst wurde, charakterisierte die Diktatur in der DDR. Die Forschung hat seit dem Fall der Mauer intensiv die Möglichkeit genutzt, die dazugehörigen Akten einzusehen und Zeitzeugen zu befragen. Dass sich dabei gerade durch die Beschäftigung mit Detailfragen aussagekräftige Erkenntnisse gewinnen lassen, zeigt Bertram Triebel in seiner Dissertation: Nachzulesen ist, wie die SED an der traditionsreichen Bergakademie Freiberg sukzessive in jeglicher Hinsicht die Entscheidungsgewalt übernahm – sukzessive deshalb, weil erst engagierte Parteigenossen gewonnen und arbeitsfähige Strukturen aufgebaut werden mussten. Wie in anderen Fallstudien wird auch an diesem Beispiel deutlich, dass die Diktatur zwar über Strukturen und Institutionen organisiert wurde, tatsächlich aber immer der Einzelne sie trug – oder sich dagegen entschied. So fanden sich auch in der DDR Oppositionelle zusammen und wie in anderen Teilen des Ostblocks standen sich zunehmend oppositionelle Bewegung und starrköpfiges Regime gegenüber. Die Legitimität des ostdeutschen Regimes schickte sich damit an zu verschwinden, wie die geheimen Berichte an die SED aus dem Jahre 1981 verraten. Bis zum Ende des Jahrzehnts spitzte sich diese Konfrontation zu, was in dem Band „Fasse Dich kurz!“ am Beispiel der Telefonüberwachung noch einmal deutlich wird. Erzählt wird die beeindruckende Geschichte, wie vom persönlichen Mut einiger getragen ein grenzüberschreitender und unzensierter Kommunikationsraum geschaffen wurde, der zum Resonanzboden der Friedlichen Revolution werden sollte.

Bedeuten neue Formen der politischen Kommunikation auch ein Mehr an politischer Beteiligung? Nähert man sich dieser Frage aus dem Blickwinkel der Wahlforschung, muss sie verneint werden, wie sich in einem von Michael Jäckel und Uwe Jun edierten Sammelband am Beispiel der Wahlen zum Deutschen Bundestag zeigt. Zwar haben die Medien an Gewicht gewonnen und geben vor, wie Personen und Inhalte präsentiert werden. Dabei zeigt sich allerdings, dass die traditionellen Medien gegenüber den neuen sozialen Netzwerken immer noch als die wichtigere Informationsquelle wahrgenommen werden. Tatsächlich ist es zudem so, dass das Phänomen einer sozial ungleichen politischen Partizipation zunimmt, wie Armin Schäfer in seiner Habilitationsschrift nachweist – soziale Ungleichheit führt also zu einer Verringerung der Wahlbeteiligung. Um diese die Demokratie gefährdende Entwicklung aufzuhalten, empfiehlt Schäfer, über die Einführung einer Wahlpflicht nachzudenken. Die demokratische Mitwirkung von Migrantinnen und Migranten über die Ausländer- und Integrationsbeiräte, die auf kommunaler Ebene seit Jahrzehnten Verfahren zur politischen Repräsentation von Zuwanderern ermöglichen, untersucht Christiane Bausch. Ihr Ergebnis ist ernüchternd: Das Ziel der Inklusion werde nicht erreicht, sondern über die Festschreibung der Menschen als Zuwanderer sogar konterkariert. Als Ideal aktiver politischer Beteiligung wird in dem Band „Bürgerstaat und Staatsbürger“ das Schweizer Milizsystem vorgestellt. In diesem nehmen die Bürgerinnen und Bürger nebenberuflich öffentliche Aufgaben wahr – sie seien besser als eine Berufsverwaltung in der Lage, der erhöhten Dynamik und Komplexität der modernen Gesellschaft gerecht zu werden.

Marcin Zaremba

Die große Angst. Polen 1944-1947. Leben im Ausnahmezustand. Übersetzt von Sandra Ewers

Paderborn: Ferdinand Schöningh 2016; 629 S.; 49,90 €; ISBN 978-3-506-78093-5
Die (historische) Emotionsforschung als kulturwissenschaftlich motivierter Zugriff auf Geschichte und Politik hat in den vergangenen Jahren einen starken Aufschwung erlebt (siehe etwa Buch‑Nr. 38386 und 47110). Der Warschauer Historiker und Soziologe Marcin Zaremba wählt diesen Ansatz, um ein Deutungsangebot der polnischen Geschichte in der Zeit zwischen dem Einmarsch der Roten Armee in der zweiten Jahreshälfte 1944 und den Parlamentswahlen im Januar 1947 vorzulegen. Ausgehend vom Grundgefühl der „Angst“ (der Titel des vieldiskutierten und mehrfach ...weiterlesen
Tõnu Tannberg (Hrsg.)

Behind the Iron Curtain. Soviet Estonia in the Era of the Cold War

Frankfurt a. M. u. a.: Peter Lang 2015 (Tartu Historical Studies 5); 431 S.; 76,95 €; ISBN 978-3-631-66849-8
Wissenschaftliche Studien über den Kalten Krieg tendieren dazu, sich auf das Handeln der beiden konkurrierenden Supermächte UdSSR und USA zu konzentrieren. Differenzierter versucht dieser Sammelband den Konflikt als einen multidimensionalen zu begreifen – „taking place on various levels with a multitude of players fulfilling different roles“ (120). Insbesondere die Etablierung sowjetischer Hegemonie in den neuen Republiken nach dem Zweiten Weltkrieg „was a complex, multifaceted, and at times even contradictory ...weiterlesen
Friedrich Wolff (Hrsg.)

Das Politbüro der DDR vor Gericht

Berlin: BWV Berliner Wissenschafts-Verlag GmbH 2016; 1.115 S.; 149,- €; ISBN 978-3-8305-3570-6
„In der DDR war nichts geschehen, was auch nur im Entferntesten mit My Lai oder Auschwitz vergleichbar gewesen wäre.“ (13) Mit diesem Satz kritisiert der Herausgeber, dass die nach der Wende eingeleiteten Gerichtsverfahren gegen SED‑Funktionäre in die Nähe der Nürnberger Prozesse gestellt worden seien. Überhaupt war für Wolff die juristische Aufarbeitung des DDR‑Unrechts „ein Flop“ (13). So seien viele der angeklagten Politbüromitglieder aus gesundheitlichen Gründen nicht verurteilt worden. Nach „dem Anschluss der DDR an ...weiterlesen