E pluribus (non) unum

Die neuen Rezensionen vom 2. Oktober 2014

Das Dienstsiegel der Vereinigten Staaten von Amerika ist immer noch mit „E pluribus unum" – „Aus vielen eines" – beschriftet. Die Bestandsaufnahme aktueller gesellschaftspolitischer Themen in dem Band „The United States as a Divided Nation" zeigt aber eben dieses: Eine gespaltene Gesellschaft, in der Bildungsgerechtigkeit fehlt, Rassismus zum Alltag gehört und die nicht nur über Waffengesetze, Minderheitenrechte oder auch die Außenpolitik streitet. Es gehört sicher eine Portion Optimismus dazu, wenn der Autor Styles Sass dem Land dennoch eine geringere innere Zerrissenheit als allgemein angenommen attestiert – immerhin hat, so das Argument, Barack Obama zweimal die Präsidentschaftswahlen gewonnen. Auch in „Entscheidungen", den Memoiren Hillary Rodham Clintons über ihre Zeit als Außenministerin, schimmert der Eindruck durch, dass die USA unter Obama in eine neue Phase eingetreten sind. Nach außen fällt das Land nicht mehr mit ideologischen Worthülsen auf, die eigenen Interessen werden auch in kleinen politischen Schritten verfolgt und angesichts der globalen Herausforderungen wird die Bedeutung von Kooperation betont. Dieser Eindruck aber wird mittlerweile durch den NSA-Skandal konterkariert, zu dem Marcel Rosenbach und Holger Stark eine Bestandaufnahme geschrieben haben. Die Geheimdienstaktivitäten waren demnach nur zu einem Drittel auf die Terrorabwehr ausgerichtet und vor allem ein Instrument zur Überwachung politischer Akteure im Ausland und der Wirtschaftsspionage. Die USA sind, so könnte man aus den Neuerscheinungen herauslesen, nicht nur innerlich, sondern auch im Umgang mit der restlichen Welt immer noch in sich uneinig.

Byung-Chul Han

Psychopolitik. Neoliberalismus und die neuen Machttechniken

Frankfurt a. M.: S. Fischer 2014; 124 S.; geb., 19,99 €; ISBN 978-3-10-002203-5
Byung‑Chul Hans hat das Zeug, zum kritisch‑konservativen Shooting Star der kulturwissenschaftlichen Diskussion zu avancieren. Seine Publikationen sind oft nicht länger als 100 Seiten und zeichnen sich durch eine präzise, sprachlich schöne Ausdrucksweise in einem pointiert‑kurzen Satzbau aus. Der etwas gewöhnungsbedürftige Begriff der „Psychopolitik“ verweist auf die Denktradition, in der sich Han selbst verortet: Neben Foucault nimmt er Bezug auf Deleuze, Heidegger,...weiterlesen
Philipp Lepenies

Die Macht der einen Zahl. Eine politische Geschichte des Bruttoinlandsprodukts

Frankfurt a. M.: Suhrkamp 2013 (edition suhrkamp 2673); 186 S.; 16,- €; ISBN 978-3-518-12673-8
Kommunikationen über politische Interventionen auf der Basis von Quantifizierungen haben etwas eigentümlich Suggestives – scheinen Zahlen doch Sachverhalte stark komprimiert und zugleich objektiv zu beschreiben. In der Regel wird dabei die mit der Berechnungsweise derartiger Kennziffern verbundene Selektivität ausgeblendet. Das gilt – wie Philipp Lepenies in seiner Studie anschaulich zeigt – in besonderem Maße für den im Rahmen der Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung (VGR) verwendeten Indikator des Bruttoinlandsproduktes ...weiterlesen
Brigitte Aulenbacher / Maria Dammayr (Hrsg.)

Für sich und andere sorgen. Krise und Zukunft von Care in der modernen Gesellschaft

Weinheim/Basel: Beltz Juventa 2014 (Arbeitsgesellschaft im Wandel); 256 S.; 29,95 €; ISBN 978-3-7799-3042-6
Der demografische Wandel und die gestiegene Frauenerwerbstätigkeit lassen einen Bereich in das Blickfeld rücken, der lange Zeit als Privatangelegenheit galt – Care. Darunter wird die Sorge(‑arbeit) für andere (Kinder, Ältere, Kranke) und zunehmend auch um sich selbst verstanden. Diese Sorge ist zentral für den gesellschaftlichen Zusammenhalt, aber die Bedingungen, unter denen sie geleistet wird, sind gegenwärtig von Krisenprozessen gekennzeichnet. In dem Sammelband werden diese Herausforderungen aufgegriffen und die Entwicklungstendenzen ...weiterlesen