Vom Missbrauch des Islam

Die neuen Rezensionen vom 28. August 2014

Das politische Denken, das im Islam wurzelt, hat eine lange Ideengeschichte. Der Politikwissenschaftler Farid Hafez beginnt sein Überblickswerk dazu mit dem Philosophen Abu Nasr Muhammad al-Farabi, der sich an Aristoteles anlehnte, und den politischen Berater Nizam al-Mulk, der vor tausend Jahren über die Aufgaben eines Herrschers nachdachte. Eine Wirkung bis in die Gegenwart schreibt Hafez dem mittelalterlichen Gelehrten Ibn-Taymiyya zu – auch negativer Art: Al Kaida habe dessen Ideen zu Krieg und Widerstand für eigene Zwecke instrumentalisiert. Überschritten ist damit ein Rubikon, der Philosophie und Religion von Willkür und Gewalt trennt. Der Islam bleibt dabei die wichtigste Legitimationsquelle der dschihadistischen Ideologie, deren wesentliche Merkmale in dem Band von Rüdiger Lohlker und Tamara Abu-Hamdeh herausgearbeitet werden. Dazu gehören die Annahme einer Gefährdung durch die Kultur des Westens, die Betonung von Männlichkeit und ein Starkult um getötete Kämpfer. Der totalitäre Anspruch, einzig legitimes Sprachrohr der islamischen Umma zu sein, ist mit dem gegenwärtigen Terror des „Islamischen Staates" in Irak und Syrien eskaliert. Christoph Günther erklärt in seiner Dissertation, dass die Voraussetzungen dafür aber vor allem in den ganz realen Wirren des Irak-Kriegs zu suchen sind.

Günter Amendt

Legalisieren! Vorträge zur Drogenpolitik. Hrsg. von Andreas Loebell. Mitarbeit: Alfred von Meysenbug

Zürich: Rotpunktverlag 2014; 243 S.; brosch., 19,90 €; ISBN 978-3-85869-590-1
Günter Amendt hatte sein Leben der Aufklärung verschrieben; erst der sexuellen, später zunehmend der drogenpolitischen. Amendt trug wesentlich zu einer Versachlichung der öffentlichen Diskussion bei, indem er drogenpolitische Dogmen präzise aber nüchtern demontierte. In einer kontrollierten Legalisierung sah er ein Mittel, das Drogenproblem entschärfen zu können. Drei Jahre nach seinem Tod gibt Andreas Loebell nun einen Band mit Vorträgen Amendts zur Drogenpolitik heraus, um, wie er schreibt, „vierzig Jahre internationale und europäische Drogenpolitik ...weiterlesen
Tanja Fröhlich

Klimaskepsis in Deutschland. Handlungsempfehlungen für Politik und Wissenschaft

Frankfurt a. M. u. a.: Peter Lang 2014; 164 S.; geb., 34,95 €; ISBN 978-3-631-63335-9
Die Untersuchung von Tanja Fröhlich dreht sich hauptsächlich um den Begriff „Glaubwürdigkeit“. Wie glaubwürdig ist die internationale Klimaforschung, die einen anthropogenen Klimawandel beobachtet? Wie glaubwürdig ist stellvertretend dafür der Zwischenstaatliche Ausschuss für Klimaänderungen (Intergovernmental Panel on Climate Change, IPCC)? Und letztendlich: Wie glaubwürdig sind die sogenannten Klimaskeptiker, wer sind sie, worin liegt ihre Motivation, womit argumentieren sie? Gründlich nimmt sich die Autorin zuerst des allgemeinen Wissenschaftsbetriebs ...weiterlesen
Jochen Ostheimer / Markus Vogt (Hrsg.)

Die Moral der Energiewende. Risikowahrnehmung im Wandel am Beispiel der Atomenergie

Stuttgart: Verlag W. Kohlhammer 2014 (Ethik im Diskurs 10); 266 S.; kart., 34,90 €; ISBN 978-3-17-022933-4
Mit der Explosion dreier Reaktorblöcke des Atomkraftwerks in Fukushima Daiichi infolge des Tohoku‑Erdbebens vom 11. März 2011 kam es bei der damaligen schwarz‑gelben Bundesregierung zu einer „spektakulären Kehrtwende“ (244) in der deutschen Atompolitik, die als Ausstieg aus dem Ausstieg bezeichnet wurde. Die Beiträge dieses Sammelbandes verzahnen aus sozialwissenschaftlicher, ethischer, ökonomischer und nicht zuletzt auch physikalischer Perspektive die diversen Rationalitäten dieses dezidiert politischen wie moralischen Problems ...weiterlesen