Kulminationspunkt Alltag

Aus den neuen Rezensionen vom 21. Mai 2015

Ob in der Ratgeberliteratur, in Castingshows oder sogar in der Esoterik – selbst das Alltagsleben gestaltet sich mittlerweile marktförmig, wie der Gewerkschafter Patrick Schreiner in seinem Buch Unterwerfung als Freiheit zeigt – das Selbst definiert sich nur noch über Leistung, Erfolg wie Misserfolg sind ausschließlich individualisiert. Ist das Politische damit zum Erliegen gekommen? Man könnte es fast glauben, so plausibel ist im Angesicht des Neoliberalismus die These von der Postdemokratie. Gegen dieses Ende der Geschichte regt sich aber, so zeigt der Blick auf die neuen Rezensionen, ebenso praktisch-politischer wie theoretischer Widerstand. Die zunächst durchaus naheliegende Frage lautet: Anders regieren? Stephan Lessenich et al. bejahen dies nicht nur, sondern fordern SPD, Grüne und Linke auf, ihre „sinnentleerte Abgrenzung" voneinander aufzugeben und einen Politikwechsel einzuleiten. Dass jegliche Politik auch den Alltag der Menschen erfasst, erklärt Rahel Jaeggi in ihrer Kritik der Lebensformen. Sie schreibt, dass in kapitalistisch verfassten Gesellschaften mit Basisinstitutionen wie dem Markt über das Spektrum sozial akzeptabler Lebensformen zwar bereits vorentschieden sei. Entgegen philosophischer Ansätze von Rawls bis Habermas ist sie aber der Überzeugung, dass der politischen Ordnung des liberalen Rechtsstaates eben deshalb keine ethische Neutralität aufzutragen ist. Vielmehr können individuelle Lebensformen nicht nur als Ausdruck ihrer Bedingungen kritisiert werden, sie sind vor allem auch als soziale Lernprozesse zu begreifen – und damit als (wieder) wandelbar.

Colin Crouch

Markt und Moral. Im Gespräch mit Peter Engelmann. Aus dem Englischen von Georg Bauer

Wien: Passagen Verlag 2014 (Passagen Gespräche 2); 134 S.; 14,45 €; ISBN 978-3-7092-0110-7
Colin Crouch, der in „Postdemokratie“ (siehe Buch‑Nr. 34827) eine pointierte Kritik ökonomisch bedingter Erosionstendenzen moderner Demokratien vorgelegt hat, befasste sich in seinen folgenden Publikationen („Das befremdliche Überleben des Neoliberalismus“, siehe Buch‑Nr. 41291, sowie „Jenseits des Neoliberalismus“, siehe Buch‑Nr. 43925) mit Möglichkeiten einer Einhegung der globalisierten Ökonomie. Dieser Band enthält zwei Gespräche, die der Herausgeber der Reihe 2013 mit Crouch anlässlich der Präsentation von ...weiterlesen
Tomáš Sedláček / David Graeber

Revolution oder Evolution. Das Ende des Kapitalismus? Gespräch mit Roman Chlupatý. Aus dem Englischen von Hans Freundl

München: Carl Hanser Verlag 2013; 144 S.; geb., 15,90 €; ISBN 978-3-446-44304-4
Tomáš Sedláček und David Graeber führen ihr Streitgespräch von einem gemeinsamen Ausgangspunkt aus: es gelte, „das Schlimmste zu verhindern“ (13). Seine ihm eigene Spannung bezieht das dokumentierte Gespräch aus der Tatsache, dass Sedláček, Professor für Wirtschaftsgeschichte an der Karls‑Universität Prag, und Graeber, Professor an der London School of Economics, zwei sehr unterschiedliche Standpunkte einnehmen, wenn es um die Frage nach dem angemessenen Umgang mit den kapitalistischen Systemen der ...weiterlesen
Francesca Raimondi

Die Zeit der Demokratie. Politische Freiheit nach Carl Schmitt und Hannah Arendt

Konstanz: Konstanz University Press 2014; 222 S.; 27,90 €; ISBN 978-3-86253-047-2
Diss. Frankfurt a. M.; Begutachtung: C. Menke. – In der politischen Theorie und Philosophie wird seit der Debatte um postdemokratische Zustände immer wieder das Verhältnis von Kapitalismus und Demokratie betrachtet. Während Autoren wie Alain Badiou Demokratie als unentwirrbar verwoben mit kapitalistischen Verhältnissen sehen und die negative Konnotierung aus der Antike betonen, interveniert Francesca Raimondi in diese Debatte und fragt, was Demokratie und demokratische Praktiken eigentlich sind – oder anders...weiterlesen