Bewegtes Deutschland

Die neuen Rezensionen vom 20. November 2014

Das breite Feld des sozialen und politischen Engagements in Deutschland hat sich im Laufe der Zeit stark verändert. Die Zahl derer, die sich freiwillig engagieren, ist angestiegen; gleichzeitig hat das klassische Ehrenamt in etablierten Organisationen an Attraktivität verloren und es sind neue Formen bürgerschaftlicher Beteiligung entstanden. Was bewegt Menschen dazu, sich sozial oder politisch zu engagieren? Michael Beetz et. al. heben die identitätsstiftende Bedeutung bürgerschaftlichen Engagements hervor, das, trotz unterschiedlicher Orientierungsmuster in Ost- und Westdeutschland, dem einzelnen Spielräume für Anerkennung eröffnet. Ebenso zeigt Nina Apin, dass Menschen sich nicht aus Selbstlosigkeit, sondern aus dem Willen zur Mitbestimmung engagieren. Sie erläutert, dass bürgerschaftliches Engagement sich vermehrt politischer Mittel bedient, etwa beim urban gardening oder bei der Besetzung des Hamburger Gängeviertels. Angespornt seien die Engagierten von einer „vorpolitischen“ Vorstellung von einer besseren Gesellschaft. Interessant ist in diesem Zusammenhang auch der Blick von Andreas Pettenkofer auf die Entstehung der westdeutschen Umweltbewegung in den 1960er- und 1970er-Jahren. Dem gängigen Erklärungsansatz der Gelegenheitsstrukturen stellt er eine religionssoziologische Sichtweise entgegen. Demnach sei für die Umweltbewegung der Kampf gegen die Atomkraft von sakraler Bedeutung gewesen.

Felix Böttger

Postliberalismus. Zur Liberalismuskritik der politischen Philosophie der Gegenwart

Frankfurt a. M./New York: Campus Verlag 2014; 355 S.; kart., 39,90 €; ISBN 978-3-593-50206-9
Diss. Wuppertal. – Postliberalismus – unter diesem Schlagwort verhandelt Felix Böttger zeitgenössische liberalismuskritische Theorieansätze, die „die Frage nach der konstitutiven Rolle des Dissenses“ und die Frage nach „dem Politischen“ und dessen Unterscheidung von „der Politik“ (11) stellen. Wäre zunächst zu vermuten, es handele sich lediglich um ein weiteres Überblickswerk zu postfundamentalistischen politischen Theorien, so liefert die Studie weit mehr als das. Mitnichten geht es dem Autor nur um eine bloße Darstellung, sondern er geht vielmehr der hochinteressanten Frage ...weiterlesen
Steffen Hentrich / Sascha Tamm (Hrsg.)

Regeln für eine freie Gesellschaft. Ein James-Buchanan-Brevier

Zürich: Verlag Neue Zürcher Zeitung 2014 (Meisterdenker der Freiheitsphilosophie); 91 S.; brosch., 18,- €; ISBN 978-3-03823-924-6
In politikwissenschaftlicher Perspektive ist der Wirtschaftsnobelpreisträger James M. Buchanan (1919‑2013) für einen demokratietheoretischen Beitrag interessant, der, aus der politischen Ökonomie kommend, als Public‑Choice‑Theorie bekannt geworden ist. In dem zusammen mit Gordon Tullock 1962 erstmals veröffentlichtem Buch „The Calculus of Consent. The Logical Foundations of Modern Democracy“ sowie in dem 1975 von ihm alleine geschriebenen Band „The Limits of ...weiterlesen
Alexander Lorch

Freiheit für alle. Grundlagen einer neuen Sozialen Marktwirtschaft

Frankfurt a. M./New York: Campus Verlag 2014; 277 S.; kart., 39,90 €; ISBN 978-3-593-50201-4
Ausgehend von einer „ordnungspolitische[n] Orientierungslosigkeit“ (9), die gerade seit der globalen Rezession im Jahr 2008 verstärkt wahrgenommen werde, sucht Alexander Lorch nach einem Konzept, diesen Zustand zu überwinden. Dabei müsse es aber „nicht nur darum [gehen], Wirtschaftspolitik zu gestalten, sondern es geht um einen gesamtgesellschaftlichen Entwurf, der abhandengekommen ist und nun eines Ersatzes bedarf“ (12). Im Fokus der Untersuchung stehen dabei der Ordoliberalismus und die mit der ordoliberalen Idee verflochtene soziale Marktwirtschaft. Nach einer ...weiterlesen