Ein gutes Leben für alle

Aus den Rezensionen vom 27. August 2015

Wie lässt sich ein gutes Leben gestalten? Eine Bedingung dafür ist nach Ansicht der polnischen Soziologin Marta Bucholc auf keinen Fall eine globale Ordnung, die für alle Menschen gleichermaßen gilt. Sie plädiert in Anlehnung an Norbert Elias für eine globale Pluralität der geltenden Normen. Diese sollten geprägt sein von den Menschen, die ihre Lebensverhältnisse selbst gestalten, und nicht durch staatlichen Zwang. Gegen eine übergriffige Staatstätigkeit ist das Konzept des zivilen Ungehorsams längst etabliert. Claire Moulin-Doos stellt diesem in ihrer Dissertation ein weiteres an die Seite: das Konzept des bürgerlichen Ungehorsams, mit dem der untätige Staat zum Handeln gezwungen wird. Diese Erzwingung sollte, behält man ein gutes Leben für alle im Blick, nach Ansicht des französischen Ökonomen und Philosophen Serge Latouche auf eine Rücknahme des wirtschaftlichen Wachstums zielen – er entwickelt eine „konkrete Utopie“, um unserer produktions- und konsumsüchtigen Gesellschaft eine neue und gerechtere Grundlage einzuschreiben. Davon kaum noch losgelöst zu sehen sind die Herausforderungen durch den Klimawandel. Auch seine Bewältigung denken die Steffen Böschen et al. in „Klima von unten“ nicht allein als abstrakte globale Aufgabe, sondern plädieren für die Einführung echter Partizipationsmöglichkeiten, auch auf der lokalen Ebene. Dass mit der Vorstellung vom guten Leben in Lateinamerika explizit eine Abkehr vom westlichen Wirtschaftsmodell verbunden ist, verdeutlicht Alberto Acosta. Der Ökonom war Präsident der Verfassungsgebenden Versammlung Ecuadors, die das ganzheitliche, am Wohlergehen des Menschen orientierte Konzept „Buen Vivir“ – ähnlich wie in Bolivien – rechtlich verankert hat. Noch sei es unfertig, erklärt Acosta, gelernt werde auf dem Weg.

Angela Marquardt, mit Miriam Hollstein

Vater, Mutter, Stasi. Mein Leben im Netz des Überwachungsstaates

Köln: Kiepenheuer & Witsch 2015; 233 S.; 14,99 €; ISBN 978-3-462-04723-3
In der Rückschau ist Angela Marquardt natürlich klar, wie deutlich aus diesem qualvollen Lebensbericht herauszulesen ist, dass andere 15‑Jährige in der DDR sehr wohl eine Ahnung davon hatten, was es mit dem Ministerium für Staatssicherheit auf sich hatte und es sich davon besser fernzuhalten galt. Aber ihr fehlte dieser Überblick und heute kann sie sich nicht einmal mehr daran erinnern, fast noch als Kind eine Verpflichtungserklärung als Inoffizielle Mitarbeiterin ge‑ und unterschrieben zu haben – die Männer, die sie erst sehr viel später ...weiterlesen
Gunnar Decker

1965. Der kurze Sommer der DDR

München/Wien: Carl Hanser Verlag 2015; 493 S.; 26,- €; ISBN 978-3-446-24735-2
Dass das Buch im Geburtsjahr des Autors spielt, ist sicher nur ein Zufall, gibt dieser großen Erzählung davon, welchen Beitrag Kultur und Philosophie für die Entwicklung von Politik und Gesellschaft leisten könnten – hörte man denn nur auf die Dichter und Denker – aber einen ganz eigenen Grundton. Denn es ist auch die Geschichte verpasster Gelegenheiten vieler Biografien in einem System, das einmal das bessere sein wollte, das der Freiheit und Emanzipation dienen sollte. Aber die ...weiterlesen
Bernd Florath (Bearb.)

Die DDR im Blick der Stasi 1965. Die geheimen Berichte an die SED-Führung

Göttingen u. a.: Vandenhoeck & Ruprecht 2014; 320 S.; 29,99 €; ISBN 978-3-525-37504-4
Seit dem Aufstand am 17. Juni 1953 ließ sich die SED‑Führung – insbesondere Erich Honecker, an den die meisten Berichte gingen – vom Ministerium für Staatssicherheit über wirtschaftliche Zustände und (tatsächlich oder nur vermeintlich) politisch relevante Vorkommnisse berichten (siehe Buch‑Nr. 43607). Diese Berichte mit zusammengefassten Informationen „zu bestimmten Problemen, die ‚analytische Darstellungen‘ enthalten“ (53) sowie sogenannte Einzelinformationen ...weiterlesen