Lehren aus Afghanistan

Die neuen Rezensionen vom 27. November 2014

Stärker als je zuvor sind die deutschen Außenbeziehungen unter Bundeskanzlerin Angela Merkel durch innenpolitische und wahltaktische Überlegungen beeinflusst – dominiert durch den Faktor der militärischen Zurückhaltung. Zu dieser Einschätzung kommt Stephan Bierling in seiner Analyse der deutschen Außenpolitik seit dem Ende des Kalten Krieges. Als Ursache für diese Schwerpunktsetzung führt der Politikwissenschaftler nicht zuletzt den ernüchternden Afghanistan-Einsatz an, der die traditionelle Aversion der Deutschen gegen Auslandsmissionen der Bundeswehr weiter beflügelt habe. Dass diese Wahrnehmung begründet werden kann, zeigt eine kritische Bilanz des gesamten Einsatzes der USA und ihrer Verbündeten in Afghanistan, die Uwe Krüger in einer Kommunikations- und Medienanalyse zieht. Die Strategie des Einsatzes, der 2001/2002 als Solidaritätsbekundung begann und dessen Ende nunmehr für Dezember 2014 vorgesehen ist, bezeichnet er als eher diffus denn konkret und als nicht erfolgreich. Dennoch hat sich die Bundeswehr spätestens mit diesem Engagement zu einer Einsatzarmee entwickelt. Welche rechtlichen, ethischen und politischen Herausforderungen sich daraus ergeben, wird in einem vom Bundesverband für Sicherheitspolitik an Hochschulen edierten Sammelband beleuchtet. Rainer Arnold hebt darin die Rolle des Bundestages hervor: Dieser sollte auch zukünftig der Ort bleiben, an dem Wählermeinung und politische Verantwortung, Bündnispflichten und eigene Interessen erörtert und in praktische Politik umgesetzt werden.

Robin Allers / Carlo Masala / Rolf Tamnes (Hrsg.)

Common or Divided Security? German and Norwegian Perspectives on Euro-Atlantic Security

Frankfurt a. M. u. a.: Peter Lang 2014; 322 S.; pb., 56,95 €; ISBN 978-3-631-64627-4
Die euro‑atlantische Sicherheitsgemeinschaft steht nach Meinung der Herausgeber vor der Herausforderung, „überdenken zu müssen, wie gemeinsame Sicherheit zukünftig zu gestalten ist“ (15). Dieser Frage wird am Beispiel der NATO‑Partner Deutschland und Norwegen nachgegangen, deren Perspektiven, Politiken und Probleme Wissenschaftler_innen und Expert_innen an Universitäten sowie außen‑ und sicherheitspolitischen Forschungseinrichtungen beider Länder untersuchen. Auf diesem Wege...weiterlesen
Franziska Martinsen / Oliver Flügel-Martinsen (Hrsg.)

Gewaltbefragungen. Beiträge zur Theorie von Politik und Gewalt

Bielefeld: transcript Verlag 2014 (Edition Moderne Postmoderne); 230 S.; 26,99 €; ISBN 978-3-8376-2541-7
Ist eine von Ambivalenzen unbelastete Rede über das Verhältnis von Politik und Gewalt möglich? Die Autorinnen und Autoren des Sammelbandes bestreiten dies entschieden. In einem kurzen Aufriss bezeichnen die Herausgeber – unter Berufung auf Benjamin, Derrida und Agamben – die übliche Entgegensetzung von Politik und Gewalt als blinden Fleck politischen Denkens. Sie führen zwei Gründe an: Zum einen werde der Umstand verdrängt, dass auch in politisch legitimem Recht Gewalt verkörpert sei,...weiterlesen
Martin Sabrow (Hrsg.)

Das Jahrhundert der Gewalt

Leipzig: Akademische Verlagsanstalt 2014 (Helmstedter Colloquien 16); 171 S.; brosch., 19,- €; ISBN 978-3-931982-87-4
Vielleicht war keine andere Epoche in der Geschichte der Menschheit so sehr von Gewalt geprägt wie das 20. Jahrhundert mit seinen Kriegen und Genoziden. Auf den 19. Helmstedter Universitätstagen im September 2013 wurden Ursachen und Erklärungsmuster für die „Gewaltentäußerung“ in diesem Zeitraum, aber auch für Tendenzen der „Gewalteinhegung“ (7) zu seinem Ende hin diskutiert. Ausgehend von der grundlegenden Unterscheidung zwischen legitimer und illegitimer Gewaltausübung ...weiterlesen