Extreme des politischen Eingreifens
Ein Blick auf die neu veröffentlichten Rezensionen vom 16. Mai 2012
Der politische Mord und ein theatral inszenierter Widerstand sind die beiden Pole, zwischen denen sich das Eingreifen in ein politisches System bewegt. In „Politische Morde in der Geschichte“ fragen die Autoren in Fallbeispielen, was diese Taten bewirken sollten, warum nicht gewaltfrei politisch agiert und was erreicht wurde. Unser Rezensent Maximilian Opitz lobt, dass mit diesen Fragen auch der Kontext erfasst wird und sich so die politischen und gesellschaftlichen Spezifika einer Epoche erschließen lassen. Die Theaterwissenschaftlerin Berenika Szymanski zeigt in ihrer Dissertation, wie die zivilgesellschaftliche Opposition in Polen nach dem Verbot der Solidarność verhinderte, aus der Öffentlichkeit verdrängt zu werden – sie inszenierte ihren Protest theatral und damit nur auf den ersten Blick nicht politisch. Szymanski stelle mit dieser Analyse wichtige Akteure des erfolgreichen polnischen Umbruchs vor, die in der politikwissenschaftlichen Forschung praktisch keine Rolle spielten, heißt es in der Rezension von Björn Wagner. Gelingt der politische Bruch und damit der Rollentausch, beginnt der Selbstfindungsprozess der neuen politischen Akteure. Für sie heißt es – wie etwa aktuell für die tunesische Nahda-Bewegung, die bei den ersten freien Wahlen als stärkste Kraft hervorging –, ihre Forderungen in Politik umzuwandeln. Welche Widersprüche dabei aufgelöst werden müssen, illustriert die Frage, wie sich Religion und Menschenrechte unter einer islamischen Herrschaft vereinbaren lassen. Der Anführer der islamischen Nahda-Bewegung vertritt die Meinung, dass der Abfall vom Islam fortan nicht mehr religiös zu bewerten sei, fasst unser Rezensent Wahied Wahdat-Hagh zusammen, sondern politisch als Hochverrat zu gelten habe. Apostasie sei damit nicht mehr zwangsläufig mit dem Tod zu bestrafen.
Die Übersicht über alle neu veröffentlichten Rezensionen finden Sie unter „Aktuelles“, eine weitere Auswahl daraus präsentieren wir hier:
![]() Verbrannte Erde. Stalins Herrschaft der Gewalt München: C. H. Beck 2012; 606 S.; geb., 29,95 €; ISBN 978-3-406-63254-9 Die Menschen weinten, als Stalin starb. Warum waren sie nicht froh über den Tod des Gewalttäters? Dieses historische Phänomen scheint unverständlich. Für eine Erklärung aber bleibt in der eng an einem Argumentationsstrang ausgelegten Arbeit des Historikers Baberowski kein Raum, ebenso wenig wie dafür, dass die Sowjetunion trotz Bürgerkrieg, Terror und Krieg irgendwie funktionierte. Seine Perspektive ist allein durch das spätere, gegenwärtige Wissen über den Stalinismus bestimmt, den Baberowski als quasi ideologiefreie Tyrannei eines Psychopathen entzaubert. Selbst seine 2003 in „Der rote Terror“ aufgestellte These, in der er die Begründung des Regimes noch in Theorien der Moderne (Zygmunt Bauman) verortete, nimmt Baberowski zurück. [...] |
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![]() Politische Verfolgung in Brandenburg 1949 bis 1953. Der Kampf gegen Ost-CDU, Bauern und Kirchen im Spiegel der Akten von SED und Staatssicherheit Düsseldorf: Droste Verlag 2012 (Forschungen und Quellen zur Zeitgeschichte 59); 624 S.; Ln., 49,- €; ISBN 978-3-7700-1910-6 Geschichtswiss. Diss., FU Berlin; Begutachtung: H. Köhler, A. Bauerkämper. – Die Autorin rekonstruiert auf breitester Aktenbasis die Prozesse der Stalinisierung in der frühen Phase des SED-Regimes in Brandenburg. Da die Analyse im größten Teil der Arbeit auf der Kreisebene spielt, ist die Auflösung des Landes Brandenburg im Jahr 1952 und die Errichtung der Bezirke von geringerer Bedeutung. Den Kampf gegen die SPD hatten die kommunistischen Funktionäre mit der Zwangsvereinigung von SPD und KPD zur SED und den sich anschließenden politischen „Säuberungen“ in der Einheitspartei bereits gewonnen. [...] |
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![]() Chodorkowskij. Legenden, Mythen und andere Wahrheiten München: Herbig 2012; 335 S.; hardc., 19,99 €; ISBN 978-3-7766-2680-3 Der Fall Chodorkowskij ist im Westen zum Symbol rechtsnihilistischer Tendenzen in Russland geworden. Der Journalist Viktor Timtschenko hat nun das Leben des Oligarchen, der für die einen ein rücksichtsloser Betrüger ist und für die anderen das Opfer skrupelloser Machthaber im Kreml, umfangreich recherchiert. Der Autor weist nachdrücklich darauf hin, dass der Geschäftsmann kein lupenreiner Demokrat sei und sein Vermögen mit dubiosen Methoden verdient habe. Sein gesellschaftliches Engagement sei ebenso das Produkt einer gezielten PR-Maschinerie gewesen wie der angebliche westliche Unternehmensstandard des Jukos-Management. [...] |
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