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Das Scheitern eines unfreiwilligen Experiments: Die sowjetische Nationalitätenpolitik in der "Perestrojka" (1985/87-1991) dargestellt am Beispiel Estlands

Michael Brettin

Das Scheitern eines unfreiwilligen Experiments: Die sowjetische Nationalitätenpolitik in der "Perestrojka" (1985/87-1991) dargestellt am Beispiel Estlands. Hrsg. von Norbert Angermann

Hamburg: Verlag Dr. Kovac 1996 (Hamburger Beiträge zur Geschichte des östlichen Europa 1); 467 S.; 168,- DM; ISBN 3-86064-414-9
Geschichtswiss. Diss. Hamburg. - Wir blieben "traditionellen Methoden verhaftet, und von wirklicher Einsicht in die Dimensionen der herangereiften Probleme waren wir weit entfernt" (377), zitiert der Autor aus Gorbatschows Erinnerungen. Angesichts ihrer wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit und ihres vergleichsweise hohen Lebensstandards sollte die Estnische Sowjetrepublik als "Experimentierfeld" (17) zur Überwindung der allumfassenden Krise des Vielvölkerstaates Sowjetunion dienen und gleichzeitig eine "Vorreiterrolle" spielen. Die Politik der Perestrojka zielte jedoch lediglich auf begrenzte, systemimmanente Reformen ab, um letzlich das im Verfall begriffene Sowjetsystem und die Union zu retten. Brettin erörtert die neben dem Scheitern des Sowjetsystems zweite maßgebliche Ursache, die zum Zusammenbruch der Sowjetunion führte: das Entstehen einer Alternative zu diesem System in Gestalt der Nationen. Er weist der Republik Estland eine Schlüsselrolle in der dritten Epochenwende des 20. Jahrhunderts zu. Im Verlauf der sowjetischen Reformpolitik entwickelte sich der "Musterschüler" zum "Sorgenkind" (368), und das 'unfreiwillige Experiment' entfaltete eine unkontrollierte Eigendynamik. Indem die sowjetische Führung nationale Fragen leugnete und ignorierte oder als bereits gelöst stereotyp beantwortete, war sie auf eine konzeptionslose, reagierende, nicht agierende Politik beschränkt worden. "Das Scheitern dieses Experiments brachte den Esten die Unabhängigkeit - und besiegelte das Ende der Sowjetunion." (368) Die Arbeit überzeugt nicht nur durch ihre detaillierte Analyse des umfangreichen Materials, sondern auch auf Grund einer übersichtlichen Gliederung und des rhetorisch ausgewogenen Stils. Aus dem Inhalt: 3. Die Wirtschaftsplanung; 4. Die Volksbewegung; 5. Die Geschichtsdebatte; 6. Der Verfassungskonflikt.
Andreas Eis (AE)
Jun.-Prof. Dr., Didaktik des politischen Unterrichts und der politischen Bildung, Institut für Sozialwissenschaften Oldenburg, Fakultät I.
Rubrizierung: 2.62 | 2.23 Empfohlene Zitierweise: Andreas Eis, Rezension zu: Michael Brettin: Das Scheitern eines unfreiwilligen Experiments: Die sowjetische Nationalitätenpolitik in der "Perestrojka" (1985/87-1991) dargestellt am Beispiel Estlands. Hamburg: 1996, in: Portal für Politikwissenschaft, http://pw-portal.de/rezension/2823-das-scheitern-eines-unfreiwilligen-experiments-die-sowjetische-nationalitaetenpolitik-in-der-perestrojka-198587-1991-dargestellt-am-beispiel-estlands_3720, veröffentlicht am 01.01.2006. Buch-Nr.: 3720 Rezension drucken

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