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DDR-Studenten zwischen Anpassung und Ausrasten

Martin Morgner

DDR-Studenten zwischen Anpassung und Ausrasten. Disziplinarfälle an der Friedrich-Schiller-Universität Jena von 1965 bis 1989

Leipzig: Leipziger Universitätsverlag 2012; 403 S.; hardc., 49,- €; ISBN 978-3-86583-709-7
Geschichtswiss. Diss. Jena; Begutachtung: L. Niethammer. – Martin Morgner interessiert sich für das Spannungsfeld zwischen einer ideologisch sozialistisch geprägten Gesellschaft und der Alltagsrealität, wie sie Studierende an DDR‑Hochschulen erlebten. Er fragt: „Mit welchen breit gefächerten Verhaltensweisen reagierten die Studierenden auf die von ‚spezifischen Widersprüchen‘ geprägten Studien‑ und Lebensbedingungen an Hochschulen und Universitäten in der ‚realsozialistischen‘ Periode der DDR zwischen 1965 und 1989?“ (14) Dazu untersucht er die in diesen Jahren aufgetretenen 266 Disziplinarverstöße an der Universität Jena anhand der angelegten Disziplinarakten. Der Begriff der Studiendisziplin ist dabei von zentraler Bedeutung: „Im juristischen Gesamtsystem der DDR wurden die in der Schule installierten, dem autoritaristischen Staat adäquaten Formen von Disziplin, Disziplinierung und Erziehungsbemühungen auch für das tägliche Leben an den Fachschulen und Universitäten fortgesetzt und entwickelt.“ (17) Es ist daher nicht verwunderlich, dass unter Studiendisziplin auch das Verhalten in den Studentenwohnheimen und die obligatorische Teilnahme an der Zivilverteidigungsausbildung fielen. Hinsichtlich der politischen Opposition – die maßgeblich der Fallzahlen und laut Autor bedingt durch die „permanente Kontroll‑ und Überwachungssituation des DDR‑Systems im Allgemeinen und an den Hochschulen im Besonderen“ (15) eher eine Ausnahmeerscheinung darstellte – unterteilt Morgner die Fälle in „Politisches Verhalten in auffälligen Erscheinungsformen“ und in „Bewusste politische Opposition“ (140 ff.). Ihn stimmt bei der genaueren Untersuchung dieser Disziplinarfälle bedenklich, „dass die Fachrichtungen, die üblicherweise in einer modernen Gesellschaft zur Innovation beitragen (müssen), keine bedeutende Rolle spielten: Wirtschaftswissenschaften, Philosophie und (gänzlich fehlend) Soziologie“ (371). Bei der Betrachtung der Einzelfälle fällt auf, dass die Universitätsfunktionäre immer auf Parteilinie waren und sich immer gegen die Beschuldigten aussprachen. Die Studentenschaft dagegen solidarisierte sich abhängig vom Vergehen mehr oder weniger mit ihren beschuldigten Kommilitonen. Als „erstaunlichstes Ergebnis“ (382) der Studie erklärt Morgner die Tatsache, dass über 60 Prozent aller Vergehen systemimmanent waren, ihre Ursachen in den Zwängen des Hochschulsystems fanden. Der Kampf um persönliche Freiheit mündete in den 25 Jahren des Untersuchungszeitraums immer wieder in „Ausbruchs‑ und Aufbruchsversuche“ (383).
Simone Winkens (SWI)
M. A., Politikwissenschaftlerin, Online-Redakteurin.
Rubrizierung: 2.314 Empfohlene Zitierweise: Simone Winkens, Rezension zu: Martin Morgner: DDR-Studenten zwischen Anpassung und Ausrasten. Leipzig: 2012, in: Portal für Politikwissenschaft, http://pw-portal.de/rezension/36923-ddr-studenten-zwischen-anpassung-und-ausrasten_44994, veröffentlicht am 03.04.2014. Buch-Nr.: 44994 Inhaltsverzeichnis Rezension drucken

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