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Putins Demokratur

Boris Reitschuster

Putins Demokratur. Ein Machtmensch und sein System

Berlin: Econ 2014; 400414 S.; 3., akt. und erw. Aufl.; 14,99 €; ISBN 978-3-430-20183-4
Das von der russischen Regierung geschaffene Regime bezeichnet Boris Reitschuster, Leiter des Moskauer Büros des Magazins Focus, als Demokratur. Damit ist eine lediglich formelle Demokratie gemeint, bei der ein kleiner Machtzirkel vor allem auf informellem Weg jegliche Entscheidungen vorgibt. Anhand von Experteninterviews, Presseartikeln, Aussagen von Kreml‑Insidern und anekdotischer Evidenz zeichnet der Journalist in diesem Buch, das erstmals 2006 erschienen ist und angesichts der Krim‑Krise aktualisiert wurde, die politischen Entwicklungen in Russland seit Putins Amtsantritt nach. In den zurückliegenden Jahren habe sich eine zunehmende Autokratisierung des Regimes vollzogen, dessen Politik „aggressiv, chauvinistisch und von Geheimdienstmethoden geprägt“ (393) sei. Putin, der über weite Strecken als strategischer Machtpolitiker dargestellt wird, glaube mittlerweile „immer stärker an seine historische Rolle [...] als Retter Russlands“ (329). Mit wenigen Ausnahmen verbleiben die ersten zwei Drittel des Buches auf dem Stand von 2006, weshalb viele Personen mittlerweile nicht mehr die Positionen bekleiden, die im Buch angegeben sind. Zudem haben sich einige Politika seither zugespitzt, wie etwa der Fall Browder, der Umgang mit sexuellen Minderheiten, nationalistische Tendenzen oder die Pressefreiheit. Darüber hinaus ist es fraglich, ob die Moskauer Tageszeitung Kommersant nach der Übernahme durch einen regierungsnahen Oligarchen 2006 noch als oppositionell bezeichnet werden kann. Die Brisanz des Buches mindert dies jedoch nicht und so bleibt der geringfügig überarbeitete „Ausblick von 2006“ der ursprünglichen Auflage aktuell. Im Kontext der gegenwärtigen Entwicklungen ist vor allem das letzte Drittel des Buches interessant. Darin analysiert der Autor plausibel das Vorgehen der russischen Regierung in der Krim‑Krise mit einem Augenmerk auf deren „Propagandalügen“ (381), für die vor allem Bilder und Videosequenzen von Nachrichtenagenturen verfälscht oder gekürzt dargestellt werden, um das russische Vorgehen zu legitimieren. Relativierender Kritik an seiner Position kommt Reitschuster zuvor: Er ist der Meinung, dass „die Missstände bei uns in keinem Verhältnis zu Putins Unrechtsstaat“ (392) stehen. Abschließend appelliert er an eine energische Verteidigung von „Freiheit, Rechtsstaatlichkeit und Demokratie“ (393). Das Buch wurde im populärwissenschaftlichen Stil geschrieben und ist trotz Nennung von umfangreichen Details und bisweilen polemischer Kommentare gut lesbar.
Hilmar Girnus (HG)
M. A., Politikwissenschaftler, Praktikant bei der Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP).
Rubrizierung: 2.62 | 2.22 | 4.22 | 2.25 | 2.23 | 2.24 Empfohlene Zitierweise: Hilmar Girnus, Rezension zu: Boris Reitschuster: Putins Demokratur. Berlin: 2014, in: Portal für Politikwissenschaft, http://pw-portal.de/rezension/37311-putins-demokratur_45763, veröffentlicht am 17.07.2014. Buch-Nr.: 45763 Inhaltsverzeichnis Rezension drucken

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