Portal für Politikwissenschaft

Indiens verdrängte Wahrheit

Georg Blume / Christoph Hein

Indiens verdrängte Wahrheit. Streitschrift gegen ein unmenschliches System

Hamburg: edition Körber-Stiftung 2014 (Standpunkte zur Politik); 199 S.; 17,- €; ISBN 978-3-89684-154-4
Die Auslandskorrespondenten Georg Blume und Christoph Hein zeichnen ein Bild Indiens, wie es zerrissener nicht sein könnte – die „größte Demokratie der Erde“ (7) lasse ihre Bevölkerung in katastrophalem Ausmaß im Stich. Die Autoren werfen den politischen Eliten Indiens Realitätsverlust und Ignoranz vor und dem Westen, dass er sich blenden lässt „von Bollywood, Yoga und den safranfarbenen Saris der Gurus“ (11). Die beiden Journalisten widmen den größten Teil ihrer Ausführungen den indischen Frauen und vor allem den zwei Millionen Inderinnen, die jährlich aufgrund von Diskriminierung sterben. Auf eindrückliche Weise verbinden sie die Schilderung von Einzelschicksalen mit Zahlen und Statistiken, sodass schnell deutlich wird, dass die Kapitelüberschrift „Die Frauenvernichtung“ (35) keine Übertreibung darstellt. Frauen werden wegen zu geringer Mitgift ermordet; Brautverbrennungen sind „keine längst vergessene Tradition […], sondern ein modernes Übel ‚Made in India‘“ (29). Junge Mädchen und Frauen hungern und werden immer wieder Opfer häuslicher und sexueller Gewalt. Witwen werden verstoßen und erleiden den „sozialen Tod“ (49). Dazu kommt die selektive Abtreibung, durch die „bis zu 12 Millionen ungeborene Mädchen zwischen 1991 und 2011 […] vernichtet wurden“ (53). Doch nicht nur Frauen leiden in Indien. Die Beispiele und Zahlen, die Blume und Hein etwa in Bezug auf Kindersterblichkeit präsentieren, sind erschreckend: mindestens 40 Millionen tote Kinder in den vergangenen 20 Jahren, „Opferzahlen wie in den Weltkriegen“ (78). Die staatlichen Programme gegen Hunger und Armut versagen – Korruption ist ein großes Problem. Dies betrifft alle Bereiche, etwa die öffentliche Sicherheit, die medizinische Versorgung, die Verwaltung – und auch Wählerstimmen lassen sich „für eine Flasche Schnaps oder eine Plastikuhr aus China kaufen“ (142). Das Buch der beiden erfahrenen Journalisten ist ein erschütternder, aber keineswegs reißerischer Appell gegen das Verdrängen und für die offene Kritik an einem offensichtlich „fehlgeleiteten Gesellschaftssystem“ (192).
Simone Winkens (SWI)
M. A., Politikwissenschaftlerin, Online-Redakteurin.
Rubrizierung: 2.682.272.22.222.23 Empfohlene Zitierweise: Simone Winkens, Rezension zu: Georg Blume / Christoph Hein: Indiens verdrängte Wahrheit. Hamburg: 2014, in: Portal für Politikwissenschaft, http://pw-portal.de/rezension/37485-indiens-verdraengte-wahrheit_45643, veröffentlicht am 04.09.2014. Buch-Nr.: 45643 Inhaltsverzeichnis Rezension drucken

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